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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
Kritik

Heavy-Metal-Minne

Hamburg

Hätte man jemals gedacht, dass es eines Tages dreckig-lyrische Hymnen auf das Metal-Festival M'era Luna geben würde, oder auf einen Düsterrockschuppen wie den Final Destination Club in Frankfurt am Main? Dass in einem Vers die Sisters Of Mercy oder Rammstein um die Ecke lugen, während im nächsten Gedicht Walther von der Vogelweide tandaradeit und Dichter ihre Trinksprüche zum Besten geben? Übrigens, in den Rockkneipen der Schwarzgewandeten geht es letztlich um Dasselbe wie unter Anzugträgern mit gelockerten Krawatten nachts um halb zwei an der Hotelbar: um Paarungsrituale. Gleicher Ablauf, gleiche Drinks, nur der Dresscode ist ein anderer. Das kann versöhnlich stimmen oder verwundern, je nachdem.

Martin Piekars Debüt „Bastard Echo“, soeben im Berliner Verlagshaus J. Frank erschienen, mischt augenzwinkernden Weltschmerz mit literarisch-philosophischer Hochkultur, Michael Zander steuert liebenswürdig-infantile Illustrationen bei, und irgendwo dazwischen lösen sich die Unterschiede zwischen Nietzsche und Cradle Of Filth in Wohlgefallen auf. Die Schauplätze sind Hauptbahnhöfe, Festivalgelände, Konzerthallen, Schlafzimmer, Dixieklos und Rausch, es geht um Ichsuche, Suff, Sex und Liebe und um gute Bücher, um Sprache und Sprachspiele, und mit letzteren geizt Piekar nicht, fast jedes Gedicht ist ein Feuerwerk an Ideen – und im Hintergrund schrammelt immer irgendwo eine tiefergestimmte Gitarre. Oder ein Bass. Je nachdem.

„durch diese Wände / bin ich nie gegangen, aber Risse / in ihnen und mir sind manchmal / deckungsgleich“ heißt es in dem kleinen Hbf-Zyklus von Frankfurt über Leipzig bis Köln. Und im „Bedürfnis nach dir und Kirschblüte“ rascheln die Laken: „Im Moll des Frühlings wachsen wir / Lippenblütig und nackenverzahnt / Love is always over in the morning“.

Diese Lyrik ist jung im besten Sinne, in Ton und Haltung, sie verarbeitet den akademischen Bildungshorizont, der dieser Dichtergeneration immer wieder angelastet wird, ohne ihn allzu wichtig zu nehmen, hier wird nichts auf Sockel gehoben, sondern auf den Boden geholt, zur Not auf den schmutzigen bierlachigen einer Tanzfläche. Und nebenbei wird im Zwiemonolog mit Büchner an Hauswände gepisst. Das war schon bei Rolf Dieter Brinkmann sympathisch. Nur geht’s hier nicht in ein anderes blau, sondern in ein anderes düster. Manchmal auch in den strahlenden Sonnenschein morgens. Je nachdem.

In meinem Kopf: Ameisenrennen
Oder Blizzard – wie du willst
- ziemlich dunkel jedenfalls. Und
Alles um mich herum hat zum Gegenteil
Den Kittel der Jahreszeit so
Abweisend und vertuschend angenommen.
Ich knittere ihn bald. Mit Spuren ins
Weiße, hinein
Ins Caspar David Friedrichsche – tief, tief
Schlafen meine Versuchungen
Und Vermutungen noch. Unter Frösteln.

Eine Zeitlang konnte man befürchten, die vielbeschworene Lyrikblüte sei eingegangen oder wenigstens eingeschlafen, aber derzeit taucht eine neue Dichtergeneration um die zwanzig (oder drunter) auf, die mächtig neuen Wind ins Gemäuer bringt. Martin Piekar ist einer von ihnen. Wenn das die neue junge deutsche Lyrik ist: immer her damit, mehr davon. Bitte!

Martin Piekar
Bastard Echo
Illustration: Michael Zander
Verlagshaus J. Frank
2014 · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-940249-90-6

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