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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Das Land ist ein Schweißfleck

Kompromißlos gelingt das Gedicht

Jan Wagner hat eine Gedichtauswahl des irischen Lyrikers Matthew Sweeney für den Berlin Verlag übersetzt und zusammengestellt. „Rosa Milch“ ist ein chic (wie immer bei der Lyrikreihe des BV) aufgemachtes Buchprodukt, knapp 130 Seiten, und dazu zweisprachig, nach dem altbewährten Links (Original)-Rechts (Übersetzung)-Muster. Soweit – so gelungen!
Die Gedichte Sweeneys sind gezeichnet von dem Erzähltrieb, der ihnen innewohnt. Wer also Jan Wagners Gedichte mag, jedoch dabei hier und da auf die zugegebenermaßen meisterhaften Manierismen des Gedichtschreibers verzichten kann, mit anderen Worten, wer glücklich-gesättigt nach dem üppigen Pasteten-Mahl, den Reiz frischer, knapp-raffinierter Roh-Kost schätzt, wird Sweeneys Texte mögen.

Es ist kein Zufall, dass Wagner sich dieser Texte angenommen hat, das spürt man sofort, nicht zuletzt am berechtigten Argwohn der Übersetzung gegenüber der vermeintlich launenhaften Beiläufigkeit des Originals. Denn gerade im Umgang mit lyrischem Stil und lyrischer Stimmung erweist sich der Sweeneysche Erzähltrieb als resistenter denn angenommen. Ihm wohnt etwas erstaunlich Leichtes, Naiv-Neugieriges, und dabei unmerklich ins unheimliche Gleitendes inne. Das in der Übertragung nachzuempfinden, scheint nicht zwangsläufig Wagners Intention gewesen zu sein, mindestens ebenso sehr bemüht er sich um die genaue Erfassung des Rhythmus der Originalfassungen.

Aus dem Gedicht: The Doors

„Behind the door was another door / and behind that was another. // […] All the eyes in the portraits / were turned my way. / I looked back at the door // heard the lock click, then beyond / another lock, then antoher.“

macht Wagner: Die Türen

Hinter der Tür war noch eine Tür / und hinter dieser noch eine. // […] Die Augen sämtlicher Porträts / ruhten auf mir. / Ich drehte mich zur Tür um, // hörte, wie ein Schloß zuschnappte, dahinter / noch ein Schloß, dann noch eines.

Jedes Gedicht (gerade auch das poetologische Gedicht „Die Türen“) gerät in den Verdacht, selbst Tür zu sein, dahinter Abgründe, die sich dem Leser einladend auftun, die ihn entführen in die unendlichen Weiten eines sagenhaften Alltags. Diese Abgründe stehen nicht gähnend und monströs in der Gegend herum, sie sind perfekt getarnt, direkt nebenan, unscheinbare Elemente im täglichen Blick- und Tastfeld der Realitäts-Wahrnehmung.

Jan Wagner weist in seinem Nachwort auf die Präsenz der irischen Landschaft in den Gedichten Sweeneys hin. Das muss zum Einen nicht überraschen, tut es aber zum Anderen doch, wenn Matthew Sweeney beispielsweise die landbekannte irische Mär von seinem Namensvetter Sweeney in neue Gewänder kleidet. Hier spricht kein Landschaft-ist-gleich-Seele-Diagnostiker, gerade weil beispielsweise das allegorisch anmutende Gedicht „Der Schweißfleck“ diese Rolle selbst thematisiert, in Sweeneys Texten ist Landschaft bodenloser Schöpfgrund der Geschichte des nächsten Gedichts. In „Der Schweißfleck“ taucht die irische Landschaft als Schweißfleck auf dem Hemd des Gedicht-Ichs auf, überraschend genau nachvollziehbar, und dabei lückenhaft und unerklärlich:

[...] What did it mean, / if anything? He got sweatmarks / all these day, but never a map before.”

What did it mean, / if anything? – das wäre doch eine griffige Formel für Sweeneys Lyrik, wenn, ja wenn, irgendjemandem mit solchen oder anderen Formeln geholfen wäre, im Angesicht des einzelnen, kompromisslos beiläufig gelingenden Gedichts.

Und davon gibt es in „Rosa Milch“ so einige. Wagners gewohnt nüchternes Nachwort konstatiert eine „unbändige Neugier, die aus jedem einzelnen der Gedichte Matthew Sweeneys spricht.“ Sweeney selbst gesteht diese Neugier ganz offen ein in den Texten, und es ist die charmante Unvermitteltheit, mit der das geschieht, die süchtig macht:

“When they opened the manhole / on the street outside our house / I wanted to climb into it.”
(Aus „The Tunnel“)

Rosa Milch

Als die Ziegen die roten Nelken fraßen
und die Milch am nächsten Morgen rosa war,
ergötzte sich der Abt daran, wollte mehr,

doch die Mönche, die ihren Blumengarten liebten,
versuchten es mit roten Läusen, zerquetschten
Ameisen und Paprika, die sie in die Milch rührten,

freilich ohne Erfolg – das Aroma war verflogen
und der Abt verdrießlich; weshalb man die Nelken
den zügellosen Ziegen opferte,

deren Bärte hüpften, als sie kauend
die Mönche beäugten, die sie betrachteten,
während der Abt von einem Fenster aus zusah

und in der Küche ein Eisbein
am Haken von der Decke hing und abtaute
und Blut in die Milchkanne tropfte.

Matthew Sweeny
Rosa Milch
Übersetzung:
Jan Wagner
Berlin
2008 · 128 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-827007445

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