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Kritik

Auf poetischer Sauftour

Matthias Polityckis bierisches Langgedicht „London für Helden – The Ale Trail“

Es war ein Experiment im Herbst 2009 – weniger ein lyrisches, denn ein kulinarisches. Aber Moment mal: Wer bei den schamlos schaumlosen Bieren britischer Braukunst vorschnell das Wort „kulinarisch“ in den Mund nimmt, sollte sich zuerst den fulminanten lyrischen Bölkstoff zu Gemüte führen, den Matthias Politycki dazu verfasst hat. Sein Experiment bestand darin, sich zusammen mit ein paar Saufkumpanen wie etwa dem Pfalzgraf und anderen in das Ale-Dorado der Londoner East-End-Pubs zu begeben und sich querfeldein durch die britische Bier-Vielfalt zu trinken. Durchaus gewagt, so eine „Expedition ins Bierreich,“ denn die Lagers, Bitters  und Ales sind weniger eine Entdeckung, als vielmehr eine echte Herausforderung für „Kontinental-Kehlen.“ Von Anfang an hält Politycki mit seiner Meinung nicht hinterm Berg: „Die Pubs waren willig, doch das Bier war schwach,“ so heißt es apodiktisch gleich zu Beginn. Egal, welches Bier die trinkfesten Tester auch verkosten – ob namhafte Klassiker wie Boddingtons Bitter, Fuller’s London Pride oder James’ Real Ale – sie schmecken alle nach „altem Feudel.“ Sogar bei konzentriertem Nachschmecken und bierernstem Gourmet-Anspruch, das Urteil bleibt konstant: „Feuchte alte Feudel, die man nachm Wischen nie or’ntlich ausgewaschen hatte.“

Der Spott, der aus einer von deutschem Bier verwöhnten Kehle kommt, bereitet jede Menge Lesevergnügen: „der erste Schluck hart wie `ne persönliche Kränkung,/ bis zum letzten Zug vermuteten wir/ `ne Fichtennadelkomprette am Boden des Glases.“ Aber mit zunehmender Lesedauer stellt sich ein merkwürdiger Effekt ein: Je beharrlicher das vernichtende Geschmacksurteil über die verschiedenen britischen Gebräue sich auch wiederholt, desto mehr liest sich das Ganze wie eine Liebeserklärung an die englische Pub-Kultur. Eine Kultur, die sich trotz Globalisierung und allgemeiner Geschmacksnivellierung  ihre verschrobenen Eigenarten bewahrt hat. Dazu gehören auch nach wie vor die Hunnenwitze und Seitenhiebe auf Nazi-Deutschland, die sich sogar in den Reklamesprüchen vom Premium Spitfire Kentish Ale, dem Bottle-of-Britain-Bier, wiederfinden: „No Fokker comes close“ oder „Downed all over Kent, just like the Luftwaffe“. Doch die Schluckspechte um Politycki kehlen solch angejahrte Scherze gleich mit runter, begleitet von Trinksprüchen wie „Göring, Göring, Gone“. Historisch betreutes Saufen sozusagen, Völkerverständigung mit braunen Korrosionsstellen. Denn man kann darauf wetten: Sollte jemals eine englische Übersetzung  von „London für Helden“ (Hoffmann & Campe, 96 S., 18 €) die Redaktionsstuben von Revolverblättern wie Sun oder Daily Telegraph erreichen, Schlagzeilen wie „Die Hunnen machen unser Bier schlecht“ wären die Folge.

Interessant ist der formale Aufbau. Rhythmisch variabel, wie von einem Könner wie Politycki gewohnt, changiert der Ton zwischen versoffenem Thekenslang und feinfühliger Exkursions-Beobachtung. Wie Refrains sind die Biermarken und ihre Slogans im englischen Original dazwischengestreut. Diese Mischung kommt auch als Hörbuch (Kunstmann) hervorragend: Peter Lohmeyer mit biergetränktem Timbre gibt den Hauptakteur, Matthias Politycki souffliert wissenswerte Hintergründe und Colin Solman liefert den britischen Traditions-Chorus. Dazu Original-Pub-Geräusche und Daddel-Jazz, von Dramaturg Wolfgang Stockmann exzellent arrangiert. Steuert die Sauftour auf einen Höhepunkt zu? Nicht direkt, es gibt wohl einen kurzen Moment der Schwerelosigkeit, des Rausches, des Lallens, des hemmungslosen Durcheinanderflirtens. Aber dann ist die Wirkung des britischen Putzeimerwassers auch schon verklungen. Insgesamt verläuft und verläppert sich die Tour zwischen Pendeln und Probieren, zwischen Hängen und Würgen, zwischen Bier und Deckel. Ja, sogar die einzelnen Stationen – sprich: Pubs – bringen die Expeditionsteilnehmer irgendwann durcheinander. Aber so gehört es sich  für einen guten Trip und eine poetische Sauftour dieses Formats. Denn das ist dieses Langgedicht allemal: Eine süffige Lektüre. Am besten in einem Zug hinunterstürzen!

Matthias Politycki
London für Helden
Hoffmann und Campe
2011 · 96 Seiten · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-455403237

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