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Kritik

Kafka ohne Reserve

Hamburg

Wer Kafka liest, der liest eine Welt, die der Topik entgleitet, welche der Ich-Erzähler für sie entwickelt hat – und mit ihm bleibt man ratlos, verliert die Souveränität, ahnt aber, daß es auch der Gehorsam ist, aus dem diese Ordnungen stammen, der dazu führt, daß sie nicht Bestand haben. Das macht die seltsame Reserve dieser Texte aus. Vor dem Gesetz kann und muß man streiten, müßte es, wie der Protagonist Kafkas zeigt, der sich stattdessen gehorsam vertrösten läßt und zuletzt an seinem Warten zugrunde geht, nicht an dem lächerlich vertretenen Paragraphen-Rhizom hinter Türen, die man aufstoßen darf und – für die Gesellschaft – müßte.

Daher rührt das Lachen bei Kafka. Man ahnt, daß er die menschliche Neigung, zu gehorchen, wo das „Gesetz verboten” ist, wie Derrida zu Kafka schreibt, verlacht. Mitleid wäre dabei vielleicht nur Selbstmitleid.

Blanchot, der zu den anregendsten Theoretikern und Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählt, bietet also gewissermaßen einen Kafka, bei dem die Schraube weitergedreht wurde; die Welt ist kafkaesk, aber nicht, weil der Mensch darin sich kafkaesk verhielte. Die Sinnlosigkeit, die sich eben noch performativ ergab, wird zum Fatum, was Freiheit bedeuten mag, die sich aber zersetzt – Beliebigkeit ist ja ihr größter Feind; wo sie angesichts vorgeblicher Notwendigkeit diese nobilitieren kann (in der unbedingten Handlung), aber eben auch dekonstruieren, ist die Beliebigkeit oder der „bullshit”, wie es Harry Frankfurt nannte, das Bedrohliche einer Freiheit, die in keinerlei Verhältnissen mehr sich zu begreifen wüßte.

Hier hat man wie jeder gute Leser das erste und das letzte Wort fast vergessen, doch ebenso jene Spannung, zu ahnen, daß es beide geben mag. Es gibt kein Losungswort mehr. Schon in diesen Subtilitäten zeigt Blanchot, was der Text nach seinem eigenen Bekunden zugleich nur annähernd sein kann. Denn die Beschreibung des Zustands der zugefügten Entmenschlichung entstand vor Auschwitz; es kann „keine fiktionale
Erzählung von Auschwitz geben”, doch alles, was nach Auschwitz geschieht, trägt dieses in sich: „Dieser Tod dauert noch an.”

Alles in allem ist dieses schmale, doch schwerwiegende Bändchen ein Zeugnis. Es bezeugt, was Schreiben und Lesen bedeuten, vielleicht auch: bedeuteten – denn ein Irrealis hat sich in alles geschlichen, Blanchot zeigt und bezeugt auch ihn. Man muß dieses Buch darum lesen, wenn man lesen kann.

Maurice Blanchot
Nachträglich
Die Idylle. Das letzte Wort
Übersetzung:
Marco Gutjahr und Jonas Hock
diaphanes
2012 · 112 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-037341865

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