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Kritik

Illegal

Hamburg

Kodjo Awusi kann gut rennen. Ein Attribut, dass für einen Menschen wie Kodjo überleben bedeutet und daher völlig zu Recht einen großen Teil des neuen Kriminalromans „Illegal“ von Max Annas ausmacht.

Mit seinem dritten Buch verabschiedet sich der mittlerweile in Berlin lebende Autor nicht nur physisch aus Südafrika, wo er gut 10 Jahre lebte und zwei seiner Romane ansiedelte. Wie er selbst lebt auch Kodjo, gebürtiger Ghanaer, in Berlin. Doch das ist auch schon fast alles, was Autor und Protagonist gemeinsam haben, ohne Annas unterstellen zu wollen, er könne nicht gut rennen.

Kodjo ist illegal in der Stadt, lässt sich von einer älteren Frau aushalten, die ihn für eigene Abenteuer immer mal wieder aus der Wohnung schmeißt und hat gelernt, zu überleben. Und ganz in Annas Manier beginnt der Roman beinahe so, wie der vorherige „Die Mauer“ aufgehört hat. Mit einer Hetzjagd Schwarz gegen Weiß, illegal im Raum Seiender, gegen den Raum Verteidigender.

Waren es in „Die Mauer“ ein um Hilfe suchender Schwarzer in einer Gated Community gegen die dortige Security, ist es hier der Schwarze ohne Papiere gegen die Polizei. Annas bleibt sich treu und schafft auch mit seinem dritten Buch einen rasanten Roman, der zackig und auf den Punkt erzählt.

Davon, wie Kojo aus seiner „Wohnung“ in einem Moabiter Abrisshaus den Mord an einer Prostituierten beobachtet und durch Leichtfertigkeit schnell selbst zum Gesuchten wird. Davon, wie Berlin aussieht, fernab vom Prenzlauer Berg Idyll. Kodjo beschäftigen Fragen wie, welche U-Bahnhaltestelle hat die meisten Ausgänge für ihn zum leichten Verschwinden nach dem Aussteigen? Beeindruckend, wie Annas konsequent aus der Perspektive des Illegalen erzählt, Straßen und Plätze abläuft und dem Leser so das Bild einer Gesellschaft zeigt, die an der falschen Seite der Decke zieht.

Ein Mann, der nichts weiter will, als das, was für uns alle selbstverständlich ist, wird kriminalisiert. Er lebt hier und nicht dort, dazu hat er nicht das Recht, sagen absurde Gesetze, warum?, fragt der Text indirekt. Ein Mensch wird zum Verbrecher durch bloßes Dasein, während einem anderen mit den richtigen Kontakten und natürlich dem Quäntchen Kohle auf der Bank, nicht mal ein begangener Mord die Tour vermasseln kann.

Kodjo richtet sich natürlich nicht ein, in seiner Rolle aus Gejagter. Vielmehr fängt er selbst an, den eigentlichen Täter zu suchen. Zur Polizei gehen und alles aufklären kann er nicht, was bleibt ihm also?

Rennen. Vor der Polizei und immer wieder auch vor dem Täter selbst. Denn um sein Geld hat der ein Sicherheitsnetz gespannt, seine Firmen geschützt, er selbst steht im Schatten.

Max Annas' dritter Roman bedient sich großzügig an den Zutaten seiner beiden ersten, bleibt aber leider ein wenig dahinter zurück. Bei diesem Autor heißt das jedoch nicht, das Buch ist schlecht. Wer Annas erste beiden Bücher kennt, wird viel erkennen, aber eben auch etwas an seiner Qualität vermissen. Dennoch hat Annas ein Buch voller Action vorgelegt, das den Leser atemlos zurück lässt. Dieses Buch ist erneut mehr, als eine gut erzählte Geschichte. Es ist ein Portrait der europäischen Seele, eine Anklage ohne platt anzuklagen. Es ist actionreiche Kunst auf hohem Niveau. Ein Autor wie Annas, der sich selbst die Latte reichlich hoch gelegt hat, versteht es, mit wenigen Worten komplexe Welten zu erschaffen, und, was viel wichtiger ist, heftig an Grundpfeilern zu rütteln und so die brüchige Substanz der Säulen freizulegen, auf denen unser vermeintlich sicheres System ruht.

Max Annas
Illegal
Rowohlt
2017 · 240 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-498-00101-8

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