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Kritik

Vergilbende Bürowelt

Hamburg

Nach „Heimdall“ und „Röhner“ hat der 1982 in Oberbayern geborene Wahl-Leipziger Max Baitinger seinen dritten Comic einer Figur-Innenschau, die er zeichnerisch nach außen wendet, veröffentlicht. Auch in „Birgit“ dominiert wieder die Lust des studierten Illustrators am zitatreichen Spiel mit grafischen Stil-Elementen.

Diesmal bewegt sich Baitinger nahe an den Rändern der DIN-Normen entlang. Mit stereotyp klaren schwarzen Linien, mit Icons und Symbols aus der technisierten Welt markiert er die Eigenart des neuen Werks – es ein Büro-Comic. In auf jeder Seite sechs akkurat abgesteckten Quadraten (oder ihren normierten Varianten) und in reduzierter Linienführung und raren Farben findet die Bürohandlung statt:

Es ist Birgits – nach vielen Dienstjahren – letzter Tag im Büro, ein kleines Alltagsdrama auf einem Nebenschauplatz, eingerahmt durch eine Apokalypse nach Hieronymus Bosch, schwarz auf alarmrotem Hintergrund auf den Innenseiten des Buchumschlags.

Aus: Birgit · Max Baitinger

Die „Neue“, Birgits Chefin, Frisur wie ein Nonnenschleier, Brille ohne Augen, erscheint penetrant und vermengt bedrohlich quasselnd Privates mit Dienstlichem: „Jeder habe mal einen schlechten Tag“, aber „sie bräuchte die Zahlen dann heute noch auf ihren Tisch“. „Stop. Sie möchte Klartext sprechen. Als Birgits Vorgesetzte. Sowie als ihre Freundin.“ Auf ihrer vorigen Arbeitsstelle „hätten sie oft stundenlang an einem Projekt gesessen und gar nicht gemerkt, dass sie Hunger hatten“ – letzteres während Birgit ihr Mittagessen verspeist. Ein ins Türkis spielende Himmelblau ist die Farbe dieser Neuen, die Farbe der Naivität und des Verschwimmens zwischen Arbeitsethik und Freizeit – entsprechend ist auch das Trimmgerät der Neuen mitten im Office eingefärbt.

Birgit dagegen kleidet vor allem ein fahles Gelb, als persönliche Merkmale erscheinen in Rot nur Frisur und Handtasche und allenfalls der Belag der mittäglichen Pizza.

Die Machtverhältnisse spiegeln sich in geometrischen Grundformen auf dem Buch-Cover wider: Da blickt der betrachtende Leser vom Rücken Birgits auf den sich auftürmenden Dämon der "Neuen", die wie ein Schatten den Blick auf die Berglandschaft im Hintergrund verstellt. Das kommt einer Okkupation des einstmals freien Raumes einer Zeit außerhalb der Arbeitswelt gleich.

Das Machtspiel der Neuen, das scheinbar sanfte Verfließen der beiden Welten Arbeit und freie Persönlichkeit, geht nicht auf, weil sich Birgit dem entzieht. Baitinger inszeniert den kurzen Zusammenstoß zweier Denkweisen in Form zweier labyrinthischer Gehirnrohrgänge, analog zum Sog eines Bildschirmschoners, und dies sind auch die einzigen Bilder, die über den Rahmen hinaus treten. In die Klarheit des bisherigen Büroalltags (in Gelb), den Birgit routiniert beherrscht und von dem die Neue keine Ahnung hat, passen die Windungen der Neuen nicht, wird das vermeintliche "Klartext sprechen" zur Lüge, und die Behauptung, als „Freundin“ zu sprechen, eine Haltlosigkeit, die Baitinger ironisch in gewundene Körperhaltung übersetzt.

Aus: Birgit · Max Baitinger

In Birgits Wahrnehmung sind die Vorstellungen der Neuen von ihr nichts Anderes als deren unklaren Spiegelungen von Birgits ansonsten klar konturiertem Kopf. Die Neue hat keine Gültigkeit in der alten gelben Welt. Also kann Birgit die Zumutungen durchblicken und auch durchschreiten, wenn auch erst nach einigen Schlucken eisgekühlten Lambruscos zu Mittag. Ganz beiläufig und pragmatisch, Illustriert wie eine Gebrauchsanweisung, wird hier der Abschied erzählt. Birgit packt all das, was zu ihren alten Bürorhythmen gehörte, ein: die resistente Zimmerpflanze (Kaktus), Urlaubskarten der Kollegen, das Geschenk zum 25-jährigen Dienstjubiläum.

Und die Firmenchronik? In den Altpapiercontainer? Da lässt die Neue noch einen geizigen Geldschein flattern, den Birgit nur mit den Zehen greift: bloß keine Berührung.

Aus: Birgit · Max Baitinger

Ein einziges Mal jedoch verschwimmen auch bei Birgit Freizeit und Job: als sie den Büro-Locher mit der gleichen Beiläufigkeit einsteckt, mit der die Neue ihrerseits die Bereiche vermischt. Irrelevant, dass die Neue das Mitgehen des Lochers als Handlung "auf dünnem Eis" beurteilt. Da kann Birgit locker kontern, dies sei abgesprochen mit Holger von der Buchhaltung – und dass ihr selbst der wie ein Clown vorkommt, ist ebenso egal wie der Blick der Neuen auf ihn; die Trennung des "alten" Büros mit seiner klar gegliederten Arbeitswelt von der neuen, die dort eindringt mit ihrer Vermengung von Freizeit und Job, Anweisung und vermeintlicher Nettigkeit, ist schon vollzogen. Die von der Neuen aufgedrängte Empfehlungskarte eines Business-Coachs bleibt in der sich schließenden Aufzugstür stecken, Birgits Weg führt aus den Firmenhallen zum Bahnhof und zur Schlussszene in einem altmodischen Eisenbahnabteil. Darin sitzt nun eine einsame, etwas altjüngferliche Angestellte, wie es sie in den Dreißiger-, Fünfziger- oder auch noch Siebziger-Jahren gegeben haben mag. Die Geschichte eines bescheidenen Lebens, eines bescheidenen Abgangs auf vergilbtem Papier. Aber vor einer großartigen Bergkulisse, und auf die ist am Ende wieder freie Aussicht.

Max Baitinger
Birgit
REPRODUKT
2017 · 48 Seiten · 12,00 Euro
ISBN:
978-3-95640-122-0

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