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Kritik

Die zweite Person

Hamburg

Lyriker, die die Technik der Reduktion wirklich beherrschen, haben es meist in sich. Ihre Texte wirken auf den ersten Blick einfach zu fassen, dabei beinhalten sie nicht selten eine kleine Welt. Einen ähnlichen Anspruch haben auch die Gedichte von Max Czollek, die jetzt in seinem Debutband „Druckkammern“ im Verlagshaus J.Frank vorliegen.

Czollek ist Minimalist. Die meisten seiner Gedichte wirken zunächst karg und merkwürdig distanziert. Hin und wieder gibt es ein „Du“, aber kein Liebesgedicht-Du, sondern das Richterspruch-Du eines enttäuschten Vertrauten. Ohne Vertrautheit. „man erzählt geschichten / über die konstellation / deiner offenen senkel // dass du dir damit / den arm abbindest / an schlimmen tagen“. Die Sachlichkeit dieser Verse ist jedoch nur notwendige Oberfläche. Die meisten von Czolleks Texten haben nämlich einen doppelten Boden, eine Zwischenetage, die es zu entdecken gilt. Diese offenbart sich nicht selten durch leicht melancholische Töne, die von geschickt gestreuten Wortspielen angestimmt werden.

Diese Wortspiele sind es auch, die das vordergründig Präzise, diese von Czollek scharf umrissenen Bilder etwas verwischen. So auch im Text „friedhof weißensee“: „in allen wipfeln der störton / der vögel es ist so schön / hier sagt ein altes kind / ein echter dinosaurierwald“. Einen solchen Gedichtanfang kann man entweder als gewieftes Zitat oder als Augenwischerei begreifen, als Hülse, die nur die ersten Verse ummantelt. Weit gefehlt! Denn was Czolleks Texte wirklich auszeichnet, ist die unverkopfte Tiefe, das ernste Interesse an der Welt „dahinter. liegt eine im / leinen hat sich das aleph / von der stirn gewischt / wird mittags begraben“.

Überhaupt lässt sich in den „Druckkammern“ ein ungebrochenes Interesse am Sezieren des Alltäglichen ablesen, das Czollek mit zahlreichen „jungen“ Lyrikern teilt. Thomas Brasch und Rolf Dieter Brinkmann sind die geistigen Paten, die zu einer Tiefenanalyse bewegen, die immer wieder aufs Neue an der Oberfläche beginnen muss. Eine gute Methode, um den zweiten Gedanken nicht vor dem ersten zu denken und  herauszufinden, wo der Schuh wirklich drückt.

Wo Czollek der Schuh drückt, zeigt sich in einer Reihe von Gedichten, die an Dichter jiddischer Sprache, an Abraham Sutzkever, Moyshe-Leyb Halpern und Jacob Glattstein erinnern. Frei von jedem Pathos rufen sie eine Kultur ins Gedächtnis, die bis heute nichts von ihrer Exotik und Fremdheit verloren hat. Jiddische Literatur ist dem gemeinen Leser allenfalls in Person von Isaac Bashevis Singer, Nobelpreis für Literatur 1978, bekannt. Umso interessanter ist es, dass, ausgerechnet möchte man sagen, ein junger Dichter die jiddische Moderne thematisiert. Auch wenn diese Gedichte keine verklärten Huldigungen an die verstorbenen Dichter bereithalten. „freunde bergen-belsen / grubenheber schmuggler / macht euch aus der luft / glattstein grüßt aus den träumen / einer geendikten sprache“.

Max Czollek
Druckkammern
Illustration: Frederik Jurk
J. Frank
2012 · 84 Seiten · 13,90 Euro
ISBN:
978-3-940249524

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