Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
x
Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Dieser Schuh ist zu klein

Hamburg

Die Inselbücherei wurde irgendwann am Anfang des letzten Jahrhunderts ins Leben gerufen mit einem Heft Rilke, äußerlich hat sich die Reihe seither kaum geändert, auch wenn sie zwischenzeitlich in Feldpostausgaben erschien, die bequem in die Beintaschen der Landser passten. So wurde Rilke durch Europa getragen, eine Art, die seinen Texten sicher nicht entsprach, aber warum sollte man den Soldaten in den Kampfpausen nicht mal etwas Schönes gönnen.

Die Reihe generierte eine große Anzahl von Sammlern, viele meiner Freunde in den achtziger Jahren hatten einen Platz im Regal für die Inselbücherei, und auch ich. Auch ich zog mit meiner Liste durch die Antiquariate der Stadt. Diese meine bibliophile Ader verblasste jedoch mit der Zeit und verlor sich vollends, als ich in einem Antiquariat arbeitete. Irgendwann verschenkte ich meine Sammlung, die ohnehin über Jahre sicher verstaut in einem Umzugskarton lag. Wenige Bücher bewahrte ich um ihres Inhalts Willen auf, musste aber feststellen, dass ein Gebrauch den Bändchen nicht zuträglich war. Zuerst verloren sie immer die Rücken, die ich noch eine Zeitlang pflichtbewusst in irgendwelchen Tüten aufbewahrte, bevor ich sie wegwarf.

Aber der Name Meret Oppenheim veranlasste mich dazu, doch einmal wieder zu einem Inselbüchlein zu greifen. Es ist die Nummer 1374 und heißt „Warum ich meine Schuhe liebe.“ - Mode, Zeichnungen und Gedichte. Dieses Buch wird mich nicht rückfällig, nicht wieder zum Sammler werden lassen. Das jedoch hat nichts mit Oppenheim zu tun, sondern mit dem Format, und damit mit der Aussage der Reihe und nicht der im Buch versammelten Arbeiten. Sie scheinen gegen die verengende Hülle sich auflehnen zu wollen. Gerade die morbiden Arbeiten Oppenheims und auch die materialreichen verweigern sich einer Behandlung als wären sie Stiche Beardsleys.

Wie aus dem Untertitel zu erkennen ist, versammelt das Buch also einen Genremix. Wahrscheinlich aber ist dieses Mischen bei einer Künstlerin wie Oppenheim ohnehin Bedingung für die Darstellung auch einzelner Facetten. Nehmen wir zum Beispiel die Arbeit Das Ohr des Giacometti, die sowohl als Entwurfszeichnung aber auch als Bronzeguss einen je eigenen Reiz entfaltet. Im Hintergrund harrt dann noch die Geschichte ihrer Entstehung als traurigschöne Anekdote. Das Nachwort der Herausgeberin Christiane Meyer-Thoss ist kenntnisreich, zuweilen aber sprachlich ein wenig verstaubt.

Meret Oppenheim galt als die Muse der Surrealisten. Schon die Bezeichnung als Muse, eines Wesens also, das nach zeitgenössischer Vorstellung leicht bekleidet und stumm auf dem Klavier lümmelt, um den wirklichen Künstler anzustacheln, bedrängt in patriarchalischer Weise die Bedeutung dieser Künstlerin, die ohne großes politisches Gebrüll aber mit einer Reihe von Arbeiten einen Schritt herausmachte aus der restbiedermeierlichen Haltung ihrer unmittelbaren Umgebung und die auch die zuweilen manierierte Ernsthaftigkeit der Surrealisten hinter sich ließ.

Die Pelztasse, ihr wohl bekanntestes Werk, war ein Knaller, könnte man sagen, der das ganze Psychozeug mit einem Mal vom Tische wischte. (Ok, das ist auch ein Stück weit der fromme Wunsch des Rezensenten.) Sie hätte sie vom Tisch wischen müssen, genauso wie eine andere Arbeit. Der Bienensattel nämlich. Beides weist weit über den Zeitpunkt der Entstehung hinaus.

Oppenheim kam Anfang der dreißiger Jahre nach Paris und wurde auf die Vermittlung Arps hin mit  den surrealistischen Zusammenschlüssen bekannt. Es ist die Zeit prägender Begegnungen und gefährlicher Liebschaften, schreibt Christine Mayer-Thoss in ihrem Nachwort, um eine eher unglückliche Formulierung zu zitieren. Vielmehr musste sie sich wohl inmitten der Männerbünde, die die Kunst ausmachten, zunächst erst einmal behaupten.

Im Buch sind Briefe abgedruckt, die sie im innigen Austausch mit ihrer Mutter zeigen. Der Vater allerdings sähe sie gern auf der Couch von C.G. Jung. Sie schreibt:

„Es geht mir gut, auch innerlich, es ist nicht nötig mit Jung zu sprechen.... Übrigens liegt es an ganz konkreten Sachen, wenn ich traurig bin. In Basel weil ich keine Freunde habe und hauptsächlich, weil ich nicht arbeite. Du musst mich zu Hause immer zum Arbeiten anhalten.“
Und hier findet sich schon ein Grundproblem einiger Künstler und Künstlerinnen. Sie erfahren Unterbrechungen ihres Arbeitsprozesses als krisenhaft. Und diese Unterbrechungen können die verschiedensten Gründe haben, neben finanziellen natürlich auch psychische. Vielleicht aber sind die Künstlerinnen und Künstler deshalb Lieblingskunden der Psychoanalytiker geworden, eben um jene krisenhaften Zeiten zu überbrücken. Und an Krisen, sowohl künstlerischen als auch persönlichen, war des Leben Meret Oppenheims weiß Gott reich.

Alles in allem ist dieses Inselbuch vielleicht so etwas wie ein Köder, sich mit dem Werk dieser Künstlerin zu beschäftigen. Die Fotos und Reproduktionen ihrer Arbeiten verlangen im Grunde ein viel größeres Format als jenes, das die Reihe bietet, und einen weniger tapetenhaften Umschlag. Einen tischfüllenden Folianten verlangten sie eigentlich, denn die Zeichnungen und Entwürfe weisen auch über den Charakter der Reihe Inselbücherei hinaus. Auf dem Coverkarton ist eine Arbeit in Serie reproduziert. Es handelt sich um den Entwurf eines Halsbandes von 1934/36. Dieser Entwurf setzt eine gewisse Irritation frei (zwei Beine mit Füssen in Socken und Schuhen umschließen den Hals). Diese Irritation verliert sich vollständig in der Verkleinerung und Wiederholung. Mag sein, dass die Reproduktionsfähigkeit eines Werkes hier an eine Grenze gerät, genau dann nämlich, wenn Reproduktion aus technischen Maßgaben nicht nur Vervielfältigung, sondern auch Verkleinerung bedeutet. Hier verliert sich eben die Erinnerung ans Original, die Aura und dessen Originalität. Was hier sichtbar wird, ist, dass eine Künstlerin wie Oppenheim die Reihe sprengen muss oder innerhalb einer solchen auf eine Art Biedermeierlichkeit zurückgestutzt wird, die ihr in keiner Weise entspricht.

Wenn ich auf die Gedichte gar nicht zu sprechen kam, liegt das daran, dass im Band zu wenige abgedruckt sind, um an ihnen einen Gedanken zu entwickeln, der über die verspielte Ernsthaftigkeit der Modeentwürfe hinausginge. Es gibt aber Ausgaben mit den wundervollen Gedichten der Autorin, die ich an dieser Stelle dringend empfehle. Wir wollen lebenslänglich Stühle flechten. heißt der letzte Vers eines im Buch abgedruckten Gedichts.

 

Meret Oppenheim. Retrospektive in Berlin im Martin Gropius Bau:

Meret Oppenheim: Porträt mit Tätowierung, 1980. Kunstmuseum Bern, Hermann und Margit Rupf Stiftung Foto: Heinz Günter Mebusch, Düsseldorf © VBK, Wien, 2012/13 / VG Bild-Kunst, Bonn, 2012/13

Erstmals ist Meret Oppenheim eine große Retrospektive in ihrer Geburtsstadt Berlin gewidmet. Am 6. Oktober dieses Jahres 2013 wäre die berühmte Künstlerin 100 Jahre alt geworden. Der spielerisch-humorvolle Umgang ihrer Werke mit Alltagsmaterialien, die in immer neue Sinnzusammenhänge transferiert werden, ist ein besonderes Charakteristikum ihrer künstlerischen Arbeit. Dies verbindet sie auch mit ihren Künstlerfreunden Max Ernst, Alberto Giacometti, Hans Arp oder Man Ray. Jene Fotografien der Serie „Érotique voilée“ (1934) ,in denen Man Ray einst sein Modell Meret Oppenheim inszenierte, gehören heute zu den bedeutendsten Werken des Surrealismus, in dessen Kreisen in Paris die Künstlerin hoch anerkannt war. Noch 1983 war die diskursive Kraft ihres Surrealismus spürbar, als auf dem Waisenhausplatz in Bern unter heftigster öffentlicher Debatte ihr „Oppenheimbrunnen“ eingeweiht wurde, den zu besichtigen dringend empfohlen sei.  weiterlesen

Meret Oppenheim · Christine Meyer-Thoss (Hg.)
Warum ich meine Schuhe liebe
Mit Zeichnungen von Meret Oppenheim
Insel Bücherei, Suhrkamp
2013 · 96 Seiten · 13,95 Euro
ISBN:
978-3-458-19374-6

Fixpoetry 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge