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SPIEL'S NOCH EINMAL, SAM!

Michael Angele beschwört in seinem Essay „Der letzte Zeitungsleser“ das Lebensgefühl Zeitung
Hamburg

Ein richtig SCHÖNES Buch ist das: "Der letzte Zeitungsleser" wartet in Frakturlettern und mit einem papiernen Einband, der an eine konservative Tageszeitung gemahnt, auf seine Leser. Die Kolumnenstruktur durchdringt es bis ins Seitenlayout; der Satzspiegel - darin eingelassen Gebrauchsfotografien in Schwarz-weiß - wie eine schmale Kolumne gesetzt, liegt rechnerisch ziemlich nahe am goldenen Schnitt und somit am ästhetisch Vollkommenen. (Es würde staunen machen, erhielten der Berliner Galiani-Verlag bzw. die beiden Gestalterinnen Manja Hellpap und Lisa Neuhalfen nicht eine Prämie dafür. Um diesjährig von der Stiftung Buchkunst belohnt zu werden, war möglicherweise die Zeit zwischen Erscheinungstermin und Jury-Entscheidung zu knapp.)

Der durchgängige Fließtext, der im Gegensatz zum Buchumschlag nicht durch Zwischen- oder gar Kapitelüberschriften durchbrochen ist, mäandert unruhig wie der Leser einer Zeitung durch vermischte Assoziationsströme. Erstellt hat den Text Michael Angele. Der deutsch-schweizerische Journalist war für die Berliner Seiten der FAZ tätig, kommt also vom klassischen Papierjournalismus, hat aber auch verantwortlich beim frühen reinen online-Nachrichtenportal netzeitung mitgewirkt und arbeitet jetzt beim Freitag.

Angele hat keine wissenschaftliche Untersuchung verfasst, sondern spiegelt im Schreibstil seines Essays, wie er Zeitung versteht: flaneurhaft, zwischen vermischten Inhalten lustvoll springend, inspirativ, Inhalte zum kurzen reflektorischen Gebrauch anreißend und auch - je nach persönlicher Affinität – auch zum Wegwerfen. Es geht um lose Gedankenbündel, beginnend beim manischen Zeitungsleser Thomas Bernhard, der einmal ganz Oberösterreich durchquerte, um an eine tagesaktuelle Ausgabe der NZZ zu gelangen, über ein Zeitungsarchiv, in dem eben diese Ausgabe die damalige Welt in Nachrichten und Ansichten vom neuen Milos Forman-Film, vom Vietnamkieg und von der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Sowjets bezeugt, bis hin zu Reflexionen, was das Zeitunglesen im Gegensatz zum Durchkämmen des Internets auf Nachrichten eigentlich ausmacht.

Angele kommt Letzterem weniger gedanklich erschöpfend als über seinen Schreibduktus auf die Spur. Und verdeutlicht auf seine Weise: Zeitung lesen ist ein Lebensgefühl.

Denn Zeitungen können den Ruch (zuweilen piefiger) Heimatverbundenheit haben, erinnern an Caféhäuser und deren zeitentrückte Gäste, sie definier(t)en Lesermilieus und liegen im Badezimmer neben dem Klo. Die Zeitung ist Verschriftlichung eines Status quo, der sobald gedruckt schon nicht mehr aktuell ist; eine Zeitung von gestern vermittelt bereits Beschaulichkeit und Wochenendstimmung (darin liegt laut Angele ihre Zukunft); Zeitungen lassen zu, dass der Leser nicht nur gezielt Inhalte auswählt, sondern auch über Dinge stolpert, die ihn eigentlich nicht interessieren, ihn womöglich aufregen - und gerade deshalb anregen, so wie sie Thomas Bernhard als Inspirationen für Literarisches dienten. Die Zeitung ist sprachlich geronnenes Abbild eines Prozesses, der weiter voranschreitet: "Ob Herr Peymann [...] nicht Auskünfte über den Zeitungsleser Thomas Bernhard geben könnte", bittet Angele beim Berliner Ensemble. "Bitte gedulden Sie sich, antwortet der Pressereferent". Zum Buchschluss dann das große Extra: Interview mit Peymann. Volle Länge? Nein, Kassetten-Technik vereitelt das große perfekte Ganze des Gesamtvorhabens. So ist es, wenn Technik veraltet und Inhalt zum „Rauschen“ wird, vgl. Zeitung.

Und so stimmen Form und Inhalt hier perfekt überein: eben als Spiegelung des – fast – Stringenten. Nämlich Fußnoten (wie hier) finden sich in einem Zeitungstext eher nicht, und über den Satzspiegel hinausragende Autographen auch nicht.

Unterschlagen hat Angele in seiner elegischen Eloge übrigens die Annoncenblättchen; sie passen nicht ganz zum Grundtenor seines Zeitungs(lese)verständnisses. Ebenso nimmt nicht wunder, dass er von den Vorläufern der Zeitung nur zwei erwähnt, nämlich die erste eigentliche Tageszeitung, die ab 1650 der Drucker Thomas Ritzsch in Leipzig herausgab, und die Meßrelationen Ausgang des 16. Jahrhunderts, Nachrichten zu den Ereignissen zwischen einer vergangenen und der aktuellen Buchmesse. Frühere Vorläufer, wie die Kaufmannsbriefe mit ihren Informationen zu Handelsorten oder die Flugschriften, fehlen. Nein, Zeitung muss nicht vollständig sein. Und Angele bestätigt - wir nehmen an, ironisch - sich selbst, wenn er schreibt: "Das Zeitalter der Zeitungen hat schon einen recht windigen Menschenschlag hervorgebracht". Der sich ab und an auch versteigt: "Es gibt ja gebildete Menschen, die noch nie in ihrem Leben eine Zeitung zum Lesen in der Hand gehalten haben und nichts vermissen und nicht dümmer sind."

Stimmt, es gibt intelligentes Leben außerhalb der Zeitung. Aber mit Zeitung macht es mehr Spaß. Mir jedenfalls. Und deshalb schalte ich jetzt den Bildschirm aus und schaue mal, welches Berliner Café in meinem fußläufigen Umfeld noch über ein ordentliches Zeitungsangebot verfügt, am liebsten am Zeitungsstock. Ich bin sicher, nicht die letzte Zeitungsleserin zu sein.

Michael Angele
Der letzte Zeitungsleser
Galiani
2016 · 160 Seiten · 16,00 Euro
ISBN:
978-3-86971-128-7

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