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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Kritik

Gelbe Akrobatik

Gedichte auf dem Schwebebalken, gelesen.
Hamburg

»There'll never be a shortage of Irish poets«, schreibt der Dubliner Dichter Philip Casey. Nur ist es wohl in allen literaturfreudigen Ländern so, dass nur wenige Juwelen zwischen dem Kiesel liegen.

Was die deutschsprachige Lyrikszene im internationalen Vergleich so aufregend macht, ist ihre polyzentrische Vitalität. Es scheint sich weder ein dominantes Zentrum der Poesie behaupten zu können noch eine Leitästhetik durchzusetzen. Im Gegenteil: Lyrik, das ist eine Vielzahl von poetologischen Konzepten und Orte des Dichtens.

Glücklicherweise gibt es daher die zuverlässigen Wegweiser Michael Braun und Michael Buselmeier. Während Anthologien, wie das ›Jahrbuch der Lyrik 2015‹ (DVA), auf lohnenswerte neue Namen aufmerksam machen, geht es den beiden Lyrik-Lotsen aus Heidelberg in der zweiten Folge von ›Der gelbe Akrobat‹, die im renommierten Leipziger Poetenladen erscheint, um eine Schärfung der Sensoren für Lyrik.

Auf eine unüberschaubare Szene reagieren Michael Braun und Michael Buselmeier mit einer Strategie der Einordnung. Sie liefern Kontexte. Sie beschreiben Konstellationen. Sie machen scheinbar unzusammenhängende Dichtungen lesbar als Ereignisse innerhalb einer vielstimmigen Szene. In ›Der gelbe Akrobat‹ kartographieren die beiden Literaturkritiker dieses sonderbare Babylon der Stimmen und legen eine Ethnologie seiner chamäleonartigen Bewohner noch obendrauf.

Das Gedicht und sein Kosmos

Dabei versehen die Kritiker fünfzig zeitgenössische Gedichte jeweils mit einem Kommentar. Es entsteht ein Kapitel in einer Literaturgeschichte, die nicht antiquiert und durch ihre Klassiker bereits über verlässliche Koordinaten verfügt, sondern sich schwankend fortbewegt, sich ständig wandelt und in voller Fahrt ist.

Da ist beispielsweise das titellose Gedicht von Ulrike Almut Sandig. Dazu merkt Braun in seinem Kommentar an, dass die Poetin eine besondere Form des Vagabundierens praktiziere, dass sie sogar eine Art Theorie ihrer Suchbewegungen entwickelt habe: »Ich bewege mich auf den Fokus meiner Sehnsucht zu … Das nenne ich Streumen. Ich streume … Mein Gedicht streumt. Und damit geht es los«.

Der Kommentar erweitert das Kunstwerk um seinen Kosmos. Walter Benjamin bezeichnete dieses Moment, darin ein Kunstwerk seine ästhetische Entscheidungsmächtigkeit offenbart, einst als dessen ›Kairos‹; und das Umfeld, in dem das Kunstwerk in Bezug zu anderen Kunstwerken und zur Wirklichkeit steht, nannte Benjamin ›Aura‹.

Gespür für Kairos und Aura sind kein Hokuspokus, vielmehr bilden sie Resonanzräume, innerhalb deren Poesie zur ästhetischen Erfahrung wird. Die gelben Akrobaten, vielleicht ohne es zu merken, legen mit dieser zweiten Folge eine Gebrauchsanweisung, eine Einführung in eine Szene vor, in der es von sonderbaren Erscheinungen nur so wimmelt.

Gedichte bedürfen eines Klimas der ständigen Diskurspflege

Die Poesie braucht den Leser als Komplizen. Vielleicht ist ein Gedicht sogar nur so gut wie seine Leser. Diskurspflege beugt daher gegen die Verrohung und Deprivation von Erfahrungsmöglichkeiten vor.

Das Gedicht ›drei Amseln‹ des Kieler Barden Arne Rautenberg etwa fußt in dem surrealistischen Milieu von André Breton und Paul Éluard. Es bezieht sich auch auf ein Gemälde von Max Ernst. Wir erfahren von Schlüsselerlebnissen und Sackgassen in Dichterbiographien. Da ist z.B. der »glühende Jungkommunist« Adolf Endler, der vom Rhein in die ehemalige DDR emigrierte und sich  »von den Heilsversprechen des real existierenden Sozialismus narkotisieren ließ und verfasste dort eine bieder-staatskonforme Aufbau-Lyrik, die ihm wegen ihres forcierten Optimismus bald peinlich war«.

Oder wir erfahren von der »abenteuerlichen Lebensgeschichte« des Dichters Paul Zech, die mit dem Tod in Buenos Aires endet: »Er war erwiesenermaßen Hochstapler … Plagiator und Bücherdieb großen Stils«. Ein frühes Gedicht von Günter Grass ist aufgenommen, darin »der erhobene Zeigefinger des Moralisten … noch nicht anwesend [ist], stattdessen die leichte Schreibhand, die sich mitunter eine ›Allegorie‹ gönnt«.

Michael Buselmeier und Michael Braun wissen wovon sie sprechen. Kaum ein Kritiker hat die Lyrik der letzten fast vierzig Jahre so intensiv verfolgt. Braun gab beispielsweise schon Anthologien zur Dichtung der 1980er und 1990er Jahre heraus. Verschlagen allerdings merken die Veteranen der deutschen Literaturkritik in ihrem Vorwort an: »Lyrikanthologien sind sehr vergängliche Gebilde. Mit dem ehrgeizigen Ziel, einen ›ewigen Vorrat‹ von ›hinterlassungsfähigen‹ (Gottfried Benn) Poemen anzulegen, sind die Herausgeber solcher Anthologien in der Regel gescheitert«.

Exzessives Close Reading

Und seien wir ehrlich: Was wären die Gedichte von E. E. Cummings oder Wallace Stevens ohne frühe Kommentatoren wie Edmund Wilson, was wäre Robert Lowell ohne die Essays von Elizabeth Bishop?

Vor dem Horizont des Kommentars erst wird Volker Sielaff zum sächsischen Orpheus, begreift man die bezaubernde Ulrike Draesner als Mediävistin auf Abwegen, erkennt man die »Königin der Dunkelheit« Bianca Döring – jedes Gedicht wird plötzlich zu einer Fallstudie für seine Mentalitäts- und Ideengeschichte oder für die sprachliche Mechanik, die ein Haufen Buchstaben zum Gedicht macht.

Literaturgeschichtliche Wendepunkte und Brüche werden deutlich, auch der Widerstreit der Poetiken. Man stößt etwa auf ein Zitat von Günter Eich: »Ich bin eher graphisch, schwarz-weiß, bin fürs Weglassen, für die Abkürzung, fürs Stenogramm, meine, dass jedes Gedicht zu lang ist, habe nichts für Schmuck übrig und für malende Adjektive, kurzum, ich bin gegen das, was man landläufig poetisch nennt«. Liest man dann wenige Seiten später aus der Poetik von Nico Bleutge, so erkennt man den Optimismus einer jungen Generation, die sich deutlich vom selbstbezogenen inneren Nihilismus der ihnen vorausgegangenen Poeten unterscheidet: »Das Beobachten, das genaue Sehen und das genau Hören, überhaupt: die Öffnung aller Sinne für die Erscheinungen der Welt [sind eine] unerlässliche Voraussetzung für jedes Gedicht. Die genaue Wahrnehmung ermöglicht es, von sich selbst abzusehen und sich auf die die Phänomene einzulassen. Nur so können die überkommenen Vorstellungen und Sprachmuster fraglich werden«.

Konkrete Poetik

Michael Braun und Michael Buselmeier haben begriffen, dass das Schicksal eines Kunstwerks sich nicht im literaturgeschichtlichen Ungefähr, sondern am konkreten Objekt erfüllt. Ihre Auswahl nimmt Autoren durch alle gesellschaftlichen Schichten, Milieus und poetischen Strömungen wahr, somit ist sie sicherlich ein repräsentatives Florilegium zeitgenössischer Poesie.

Die Anthologie lädt zum Staunen über das unwahrscheinliche, seltene Gelingen der Poesie ein. Über Wolfgang Hilbig heißt es etwa: »Unerklärlich, wie der gelernte Bohrwerksdreher und spätere Heizer, der im sächsischen Proletariat unter Sprachlosen aufwuchs, zur großen, unverwechselbaren Sprache seiner Gedichte und Prosawerke fand«.

Dieserart Debattenkultur versucht, die Leser auf die Autonomie der Kunst zu verpflichten. Gerade die pragmatische Mixtur von komparatistischem, interpretativem, anekdotischem Material führt anregende Lektüremodelle vor. Die gelben Akrobaten zeigen, dass ästhetische Erfahrung in erster Linie Selbsterfahrung ist und daher an die persönliche und unvertretbare Urteilskraft des Lesers gebunden ist.

Anm.der Red.
Interpretationen zu: Adolf Endler · Steffen Popp · Ulrich Koch · Dirk von Petersdorff · Levin Westermann · Elisabeth Langgässer · Clemens Eich · Harald Hartung · Ulrike Almut Sandig · Nadja Küchenmeister · Volker Sielaff · Michael Speier · Norbert Hummelt · Brigitte Struzyk · Norbert Lange · Paul Zech: · Kerstin Preiwuß · Wolfgang Hilbig · Gerhard Falkner · Rainer Malkowski · Marion Poschmann · Kathrin Schmidt · Joachim Zünder · Wilhelm Lehmann · Konstantin Ames · Jörg Burkhard · Simone Kornappel · Bianca Döring · Christian Steinbacher · Horst Samson · Ann Cotten · Jürgen Theobaldy · Günter Grass · Christoph Meckel · Wolfgang Schlenker · Werner Laubscher · Jean Krier · Oskar Loerke · Arne Rautenberg · Jan Koneffke · Thomas Rosenlöcher · Rolf Haufs · Nico Bleutge · Walle Sayer · Hendrik Rost · Heinrich Detering · Ursula Krechel · Ulrike Draesner · Àxel Sanjosé · Christian Lehnert (Quelle: poetenladen Verlag)

 

Michael Braun · Michael Buselmeier
Der gelbe Akrobat 2
poetenladen
2016 · 18,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-73-6

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