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hochgestimmt, Monika Vasik, Elif Verlag 2019
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Kritik

Babelsprech?

Es gibt wieder eine "Lyrik von Jetzt"-Anthologie. Sie trägt den Untertitel "Babelsprech" und versammelt 84 AutorInnen (!), die alle "1980 oder später geboren wurden".
Hamburg

Wenn nun eine Lyrikanthologie "Babelsprech" genannt wird - ist das ein Statement der Herausgeber des ungefähren Inhaltes, man verstehe einander einfach nicht mehr; wie weiland beim Turmbau zu Babel schwirrten zu viele, zu unterschiedliche Idiome durch die Gegend; man habe mit seinen kunstsprachlichen Verfahren irgendwie "zu hoch gebaut", wodurch die Textsorte Gedicht ihren Verständigungswert verloren habe? Oder ist der Untertitel andersrum gemeint, bezogen auf den Sprech VOR der großen Verwirrung - was dann der Beschwörung einer gemeinsame (Ur-)Sprache der Lyrik o.ä. gleichkäme? Versuchshalber (man ist ja ein allzeit wohlmeinender Rezipient) ließe sich davon ausgehen, dass die knackige Bezeichnung just die Ambivalenz zwischen jenen beiden Lesarten aufrufen soll ...

Die ersten beiden "Lyrik von Jetzt"-Bücher wurden 2003 und 2008 von dem Team Björn Kuhligk / Jan Wagner herausgegeben. Sie trugen nicht allein, aber unmittelbar zur Entwicklung dessen bei, was wir 2015 den "zeitgenössischen deutschsprachigen Lyrikbetrieb" nennen; sie lassen sich auch heute noch sozusagen als Ausstellungskataloge zur thematisch gut sortierten Bücherwand lesen. Die erste Iteration des Formats hatte noch fünf Seiten Theorie im Vorwort, einen Versuch, die Bandbreite an vorgelegtem Content literarhistorisch grob einzuordnen. "Lyrik von Jetzt zwei" verzichtete darauf; stattdessen ging es vor allem darum, sich über "diese disparate Lyrikszene" (wie es dort im Vorwort hieß) einen Überblick zu verschaffen. Der neue Band nun, "Lyrik von Jetzt 3 - Babelsprech", hält es wie der zweite: Bevor es in medias res geht, gibt es nur ein ganz knappes Vorwort über die Kontinuität der Reihe und die Entstehungsgeschichte des aktuellen Installments. Darin beschreiben die neuen Herausgeber - Max Czollek, Michael Fehr und Robert Prosser - was sich an der Lage der Lyrik geändert hat seit 2003 bzw. 2008:

Im Rückblick steht die Publikation der Anthologie 2003 für einen Wendepunkt, an dem Strukturen ihren Anfang nahmen, die heute selbstverständlich wirken. Programme wie das Treffen junger Autoren, das Institut für Sprachkunst Wien und das Schweizerische Literaturinstitut in Biel haben bereits bestehende Formate wie den open mike, Institutionen wie das Deutsche Literaturinstitut Leipzig und den Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim ergänzt. Im Jahr 2015 gibt es zudem eine Vielzahl an auf Lyrik spezialisierten Verlagen, aber auch die Selbstorganisation der Autor*innen in unabhängigen Lesereihen und Schreibkollektiven ist Teil dieser neuen Lebendigkeit.

Wir behalten die Stichworte Lebendigkeit und Institutionen...

Nun ist es natürlich beinahe unmöglich, diese neue Lebendigkeit, die sich "Babelsprech" abzubilden bemüht, in einer Rezension wie der vorliegenden in ihrer ganzen Breite zu würdigen - wie gesagt: 84 AutorInnen, 360 Seiten. Gäbe es so etwas wie Kapitel und behelfsweise behauptete Kontextgruppierungen (die, natürlich, den einzelnen Auswahltexten Gewalt antäten, aber da hülfe dann nichts), die Aufgabe würde erleichtert. Zwar sagt das Vorwort

Die Texte sind nach Inhalt, Stil oder poetischer Herangehensweise geordnet.

- doch das oder an dieser Stelle wirft uns erneut zurück aufs mäandernde Blättern. Will sagen: "Babelsprech" ist keine Thesenanthologie, die man rasch mal überblicken würde. Sich auf das Kriterium des Geburtsjahrs zu beschränken (dieses aber eisern durchzuziehen, anders als die Vorgängerbände), ermöglichte den Herausgebern, ein Buch zusammenzustellen, an dem der geneigte Leser auch Wochen sitzen kann bzw. nolens/volens wird. Dementsprechend beschränke ich mich nun darauf, ein paar allgemeine Eindrücke widerzugeben, die mir beim - wie gesagt - Mäandern in den Seiten von "Babelsprech" untergekommen sind:

Da wäre einmal die (im Vergleich zu den ersten beiden Lyrik-von-Jetzt-Büchern) relative Häufigkeit, mit der mir Texte unterkommen, die sich selbstbewusst und unironisch in "ganz alten" Tonfällen und klassischen Strophenbaustrukturen ergehen; auch die vielen Verweise auf den dazugehörigen Mythen- und Instant-Metaphern-Vorrat (nota bene nicht immer in den selben Texten). Dann: Soweit ich bis jetzt sehen kann, kaum Gedichte übers Dichten; kaum "Leiden an der unsicher gewordenen Sprache" et cetera. Schon "Lyrik-und-Diskurs"-Zeug, Freud/Darwin /Schopenhauer/Wiehießensienochalle, aber nicht in jener einen speziellen Ausformung.

Auch: Viel Landschaft, viel Himmel, viel lyrisches Du; angenehm wenige Arbeiten, denen jene Verstiegenheit in der Kleinform eigen gewesen wäre, an deren regelmäßiges Aufpoppen in der neueren deutschsprachigen Lyrik wir uns gewöhnt haben, jene Verstiegenheit, die etwas mit der Gewissheit der ProtagonistInnen des Lyrikzirkus von ihrer eigenen Wichtigkeit zu tun hat.

Auf die Schnelle stachen jedenfalls ins Auge: Vier Gedichte von Felix Schiller, Auszug einer längeren Reihe über "Darwins Kollegen", formal streng, beinah historiographisch, geil, weil thematisch fokussiert. Marko Dinić, mit Mut zur orthographischen g:äh?now! igg:keit (sanft wiegen sich im Hintergrund dieser Gedichte die diversen Bäume aus dem Spätwerk Arno Schmidts). Léonce W. Lupette, die sowas wie eine amüsant zu gewahrende Zwangsehe von swing-Sound und griechisch-epischer Strophenform zustandebringt. Jonas Gawinski, sehr geradlinig, mit einem Text, der im Gegensatz zu den meisten anderen Versammelten nicht aus der sozialen Wirklichkeit und ihrer historischen Einbettung hinaustranszendiert. Charlotte Warsens Miniaturen, die an den Lesegewohnheiten anschließt, die wir uns damals für Brinkmanns Montagen aneignen mussten.

Soviel dazu. Schade ist, dass die Herausgeber auf Theorie (ob als Essays einiger DichterInnen, ob als eigene Einlassung, ob als erkennbare strukturierende Markierungen) verzichtet haben. Wir müssen uns mit dem Hinweis -

Die Auswahl erfolgte mit größtmöglicher Aufmerksamkeit für das weite Spektrum poetologischer Zugänge innerhalb der Gegenwartsdichtung.

- begnügen. Wir wollen es gerne glauben. Bloß wäre just diese definitiv gemeinte Anthologie jüngerer LyrikerInnen des deutschsprachigen Raums auch der denkbar beste Ort, auch definitiv darzulegen, worauf sich diese solche Aufmerksamkeit im Einzelnen gerichtet haben muß - welche poetologischen Zugänge das sind, von denen die Rede ist, welche nicht, und so weiter.

 

Anm. der Redaktion:

Autor_innen Lyrik von Jetzt 3:

Malte Abraham, Afamia Al-Dayaa, Barbara Arnold, Ann-Kathrin Ast, Kathrin Bach, Daniel Bayerstorfer, Iris Blauensteiner, Yevgeniy Breyger, Sonja vom Brocke, Sandra Burkhardt, Andreas Bülhoff, Carolin Callies, Daniela Chana, Marko Dinić, Richard Duraj, Sirka Elspaß, Anna Fedorova, Martin Fritz, Irmgard Fuchs, Sascha Garzetti, Moritz Gause, Jonas Gawinski, Pablo Haller, Christiane Heidrich, Anna Hetzer, Tim Holland, Ianina Ilitcheva, jopa jotakin, Maren Kames, Anja Kampmann, Judith Keller, Sina Klein, Sascha Kokot, Monika Koncz, Jakob Kraner, Dagmara Kraus, Mathias Kropfitsch, Simone Lappert, Reinhard Lechner, Georg Leß, Léonce W. Lupette, Tabea Xenia Magyar, Alex Makowka, Tristan Marquardt, Marie T. Martin, Titus Major Meyer, Maria Natt, Peggy Neidel, Peter Neumann, Niklas L. Niskate, Jenny-Mai Nuyen, Oravin, Anna Ospelt, Ronya Othmann, Andreas Pargger, Frieda Paris, Martin Piekar, Stephan Reich, Rick Reuther, Sophie Reyer, Tobias Roth, Lara Rüter, Patrick Savolainen, Rike Scheffler, Felix Schiller, Lea Schneider, Eva Seck, Marina Skalova, Jan Skudlarek, Alke Stachler, Michelle Steinbeck, Elisabeth Steinkellner, Esther Strauß, Gerd Sulzenbacher, Christoph Szalay, Cornelia Travnicek, Deniz Utlu, Christian Vedani, Matthias Vieider, Charlotte Warsen, Linus Westheuser, Ilja Clemens Winther, Janin Wölke, Nora Zapf

 

Max Czollek (Hg.) · Robert Prosser (Hg.) · Michael Fehr (Hg.)
Lyrik von Jetzt 3
Babelsprech
Wallstein
2015 · 360 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-8353-1739-0

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