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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Ineinandergestecktes

Nester, ein Debutlyrikband von Michael Hammerschmid
Hamburg

Nester: aus Zweigen ineinander gesteckte Schutzbehausungen, im stillen Winkel, im Gesträuch, wo geflüstert wird: Ich stecke es dir, du steckst es mir. Schutz und Scham, kleine Vöglein, kleine Verse.

Aber in sprachlichen Nestern steckt  (anagrammatisch) noch mehr, versteckt sich im Gesteck zum Beispiel Stern, oder umgekehrt (nahe): esst! Nester: Erinnerung an ein Gestern, an Gesten der Zuwendung. So schrieb einst Zwetajewa an den toten Rilke: “Fragst du nicht mehr, was auf russisch Nest heißt?” Ihr Reimwort auf Nest (gnezda) – war Stern (zwezda).

Tatsächlich findet man im Kleinsten oft einen Widerschein – und sei es noch so schwach – des Fernsten; findet im Geborgenen, Warmen schaudernd-schön die Erinnerung an das Kalte, das Draußen.

So hüllen sich die Gedichte dieses kurzen und kleinen Debutgedichtbandes von Michael Hammerschmid in ihre Kapitel wie in Schlafdecken und heißen: - verstecke - schlaflieder - kindergedichte - kleines familienalbum - der mittelmäßige dichter.

Einzig das letzte Kapitel, die "schlampigen schätzungen aus des ronsards kunstgedichten gewonnen" stechen aus dem Nestgesteck der liebenswürdigen Kleingedichte heraus, sowohl durch Titel wie auch Form (Langgedicht). Bedenklich: schlampig baut man kein Nest, schlampig schätzt man die Verluste ab, über die man hinweggeht, getrieben. Schlampig wird man eines zerfallenden Nests nicht Herr. Schon seltsam, dass diese schlampigen Schätzungen den Nestbau abschließen und damit unvollendet lassen: ein schlampig gebautes Nest böte ja keinen Schutz.

Zunächst möchte man bei diesen Gedichten behaupten: viel gibt es dazu nicht zu sagen. Warum über das sprechen, was da so zart  und schüchtern vor sich ging im „Versteck“ oder im „Schlaf“, (die beiden häufigsten Wörter in Kapitel 1 und 2)? Warum lärmen über das, was im Winkel summt? Doch nicht erst gegen Ende, direkt zu Beginn bekommt die kleine Heile und Helle Risse und Schatten: in den Verstecken und im Gesteck haust ja das Dunkle, wirkt das Unheimliche im Heimlichen. Der Schlaf in Kindheit und Familie gebiert die ersten Schrecken. Des Lyrikers Blick ins Heimelige ist stets auch die Wendung ins klaustrophobisch Angehauchte, ins kindlich Abgründige, Gänge in die Kellergeschosse.

Gerade zu Beginn des Bandes gelingen einige sehr schöne Momente

"der keller
der macht dir
doch nichts
der löscht dir
höchstens dein gesicht"

und:

"ich bin vom schlafen müde
zweimal müde lider
glieder ohne kraft
rinn am mir vorüber
beine ohne kraft
ich bin vom liegen lägrig
vom atem atemhaft
vom bücken ganz gebogen
und sinke in mich nieder
tief so tiefe nacht"

Die gleichermaßen „versteckt“ raffinierte, wie sich schlicht und sonnig gebende, fast liedhafte Form des kompakten, zuweilen gereimten, immer sanft rhythmisierten, kurzzeiligen Gedichts umgrenzt aber den möglichen Graus, schließt ihn ins Haus der Nest-Sprache, da bricht nichts aus, da wird nur ineinander gesteckt und verdeckt, angedeutet.

Aber wieviel Naivität kann man sich über wieviel Seiten bewahren? Allmählich schlägt die Stimmung um. Kein Wunder, dass der Dichter da zur Kritik greift, der Zweifel schon in der Mitte des Bandes um sich greift:

"der mittelmäßige dichter
sitzt am fenster und schaut hinaus"

Meint das lyrische Ich den Dichter selbst? Wozu schreiben, wenn es mittelmäßig ist? Wer auch immer da spricht, er versagt sich den von Außen herangetragenen Ansprüchen, er wird immer mehr zum Nichtschreiber, versiegt fast im Nichtsagen, Versagen. Konsequenterweise setzt dann der doch andere Ton der „schlampigen Schätzungen“ ein: Schätze einer liebestaumelnden Zunge, Bilder, gewonnen aus schlammigen Tagen und nur dunkellampig ausgeleuchtet:

"angst vor deiner stille hab ich
deine offensiven augen ertrag ich kaum"

Der "mittelmäßige dichter" verlässt also die Kinds- und Kellerstuben, die Nester und bequemen Fensterplätze und erschrickt über die Welt dort draußen, zerrissen von Amorfuror und Unberechenbarkeit. Das Küken ist aus dem Nest gefallen. Und sucht Gefallen und verfällt der Sucht nach Liebe. Es erträgt das alles kaum und so endet der Band signifikant:

"ich bin nicht mehr nicht mehr
(...)
nicht mehr nicht mehr nicht mehr
nie mehr nie mehr
nie mehr"

Reimweisen – vorbei. Nester-Reste – verbrannt. Nurmehr kalte Sterne, er wünscht sich zurück:

„sicher war mein aug zu mutig“.

Vielleicht zeichnet dieser Band auf unprätentiöse und eigene Weise ein Erwachsenwerden nach. Dass ihm dies auf Basis einer doch zunächst recht naiv anmutenden Nest-Metapher und im Modus eines fast kindlich-repetitiven Sprechens gelingt, ohne pittoresk zu werden, ist sein Verdienst.

Michael Hammerschmid
Nester
Gedichte
Klever
128 Seiten · 15,90 Euro
ISBN:
978-3-902665-72-0

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