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Kritik

„Nichts ist so verführerisch wie die Verführung.”

Hamburg

Man stelle sich einen Philosophen vor, der immer gerne Gott Bamba gefragt hätte, ob er es denn sei, dann Günther Anders las – und, weil er nun nicht mehr fragen durfte, sicherheitshalber eher ein Philosophiedidaktiker wurde.1

Und man stelle sich einen Schriftsteller vor, der leidenschaftlich fabuliert, manchmal wohl erklärend, aber sich ohne solche Skrupel meist doch dem Text überlassend.

Michael Köhlmeier erzählt im vorliegenden Band; und wenn er aufhört, improvisiert Konrad Paul Liessmann dann dazu, ein munterer Dialog, mit oft herrlichen Überleitungen, die die Applikation vorbereiten, nicht immer allerdings gerade an diesen Schnittstellen ohne Plattheiten.

Adam und Eva etwa, bei Köhlmeier ein herrlicher kosmischer Reigen, Michael, der sich seinen Namen gebend wider Satan ruft: „Wer ist wie Gott?” – Und beide ringen, Satan wird hinabgestoßen, doch er reißt „ein Stück des lebendigen Himmels mit hinunter in die Hölle”, es ist nicht völlige Verlorenheit jenseits des Himmels, manchmal komme es zum vertraulichen Gespräch Satans mit Gott: „nie genug, um alles zu sagen, was er ihm gern sagen würde.” Satan folgt Samael, der vor Gottes Geschöpf nicht knien will, das anders als er mimetisch-grammatisch das Ansprechen versteht, wo er bloß rechnerisch funktioniert: Hase? – …

… „Samael zählte alle seine Haare zusammen, dividierte sie durch die Anzahl der Beine, schaute ihm unter die Haut, aber er kam nicht drauf.”

Aber auch jene Schöpfung Adam hat einen Haken, sie fordert als nicht-göttliche ihre Nicht-Göttlichkeit, statt unsterblicher Einsamkeit – Eva. Und Samael muß ihr sozusagen nur einen kleinen Schubs geben, um sie nach der Zweisamkeit, die Adam wünschte, dem Tod zuzuführen, sie will die Kenntnis auch des Todes, glaubt, ohne „den Tod […] nicht weiterleben zu können”… Und nach all diesem herrlichen Fabulieren, ironisch, verspielt, aber vor allem dann doch in sich, appliziert sich die Philosophie der Geschichte:

„Nichts ist so verführerisch wie die Verführung.”

Tja, und nichts ist so tautologisch wie die Tautologie. Immerhin kommen dann einige Reflexionen, der „Freiheitsraum” wird ausgemessen, luziferisch: „Wer neugierig ist, muss mit allem rechnen.” Dennoch, das bleibt im Schatten Köhlmeiers, der souverän schon gesagt zu haben scheint, was hier nochmals entfaltet wird – während zum Beispiel das Spiel kaum einmal so getrieben wird, daß der Philosoph fragte, wieso etwas so und nicht anders erzählt worden sei – der Bezug der Dialoge, die nicht so ganz dies sind, ist oft sehr lose, fast: zu lose.

Die Einleitung je ein running gag: „Nichts ist so verführerisch wie” … „die Aussicht, die Natur zu überlisten”, etc. etc., aber danach kommen sehr gelehrte, geschliffene Exkurse, die indes die Verzahnung mit dem Gegenüber nicht ganz leisten.

Sie zu lesen lohnt sich natürlich dennoch, etwa die Einmahnung, sich die Aufklärung – das „Daidalos-Prinzip” nicht schönzureden: jedem dienstbar, skrupellos, „ehrgeizig, eitel und selbstsüchtig”, so sei Daidalos: „Genau darin aber ist er durch und durch modern.” Daß die Dialektik der Aufklärung bald zu Rate gezogen wird – nicht verwunderlich; dennoch, lesenswert. – „Daidalos, auch in seiner Verzweiflung, er konnte nicht anders, als zu beobachten, zu betrachten und Schlüsse zu ziehen”, bei Köhlmeier ist indes, was bei Liessmann Programm ist, Neurose – und genau das wäre doch spannend gewesen, in seiner Friktion aufzugreifen, als Diskrepanz, die Liessmann aber nicht nutzt.

Man liest so zwei Bücher, im Grunde, beide sehr gut, bloß wünschte man sich manchmal, die Funken zwischen den beiden Texten, die so nebeneinander liegen, daß man fast an den Kater Murr denken mag, würden stärker sprühen – vielleicht die falsche Erwartung, das mag sein; erst nach 60 Seiten ändert sich dies. Da liest man wieder zweimal über das Böse, das wir nicht wahrhaben, psychologisieren, erklären, zähmen, gar trösten wollen … von dem wir uns erpressen lassen:

„»Aber ich bin deine Freundin.«
»Bist du das?«
»Ja, das bin ich ewig und immer.«
[…]
»Wirklich alles willst du für mich tun?«”

… und der Trost liegt darin, die Bosheit zu realisieren, unersättlich, in nicht einer traurigen Welt, sondern durch ein abgrundtief trauriges, armes Selbst, das außer jener Bosheit nichts hat, außer also jener Sehnsucht, andere mit Gram zu erpressen, um dann je zu lachen, wenn seine Egozentrik um ein leeres Ich wieder machtvoll Unglück schuf. Es sei ja ungeliebt, sagt das „Traurige”, das „wir von nun an” das „Böse nennen wollen.”

„Heirate mich!”
„Er heiratete die Böse. Und er war unglücklich bis an sein Lebensende.”

Das Böse selbst ist „ist über jeden Verdacht erhaben”, es wird nicht nur erklärt, nicht einmal entschuldigt, es dürfe nicht sein, so die moderne Antwort auf dieses (Un-)Wesen. Hier versagt die Moderne, hier siegt die dunkle Triade, falls ihr das Unglück je reicht… – „Deshalb brauchen wir Märchen.”

Und da springt der Funke; und aus zwei Büchern beginnt eines zu werden. Es bleibt dann nicht immer so, aber während Köhlmeiers Texte fast immer Kommentare schier implizieren und antizipieren, nimmt fortan Liessmann dies nun auch auf, nicht nur thematisch. Oder er erzählt selbst mit Köhlmeier um die Wette, wenn er die Qualen Marsyas’ schildert: Der Künstler sei sei vielleicht „der immer schon Gehäutete”.

Alles in allem ist der vorliegende Band amüsant, klug und zu empfehlen – nicht immer ist es das erhoffte Zwiegespräch, das hier geboten wird, aber die Lektüre ist dennoch ohne Zweifel lohnend.

  • 1.

    Die Fabel Anders’ lautet so:

    „Eines Tages entdeckte der molussische Schöpfergott Bamba einen philosophierenden Einsiedler. »Was tust du da eigentlich?« fragte er.
    »Ich philosophiere«, antwortete der Einsiedler.
    »Und was tust du so, wenn du philosophierst?« fragte Bamba.
    »Na«, antwortete der Einsiedler, »zum Beispiel scheide ich Wesentliches von Unwesentlichem.«
    »Das was von was?«
    »Das Wesentliche«, wiederholte der Einsiedler nicht ohne Berufsstolz, »vom Unwesentlichen.«
    »Habe ich also doch richtig gehört!« rief da Bamba. »Wie sonderbar! Denn die Wörter ›wesentlich‹ und ›unwesentlich‹ sind mir beinahe unbekannt. Und ich kann mich nicht daran erinnern, Unwesentliches erschaffen zu haben. Wozu hätte ich denn das auch tun sollen? Sondern nur Seiendes.«
    »Ist das wahr?« fragte der Eremit, der sich nun plötzlich zu ängstigen begann. »Denn gerade durch die Grenzziehung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem hatte ich gedacht, den Dingen auf den Grund zu kommen.«
    »Den Dingen auf was zu kommen?« fragte Bamba.
    »Auf den Grund«, wiederholte der Einsiedler schon erheblich unsicherer.
    »Hatte ich also doch richtig gehört«, meinte Bamba. »Und warum wünschtest du das? Ich könnte mich nämlich nicht daran erinnern, einen sogenannten ›Grund‹ erschaffen zu haben. Wozu hätte ich denn das auch tun sollen? Sondern nur Seiendes.«”
    Da fühlte der Eremit den Boden unter seinen Füßen nachgeben. »Und da hatte ich geglaubt«, meinte er stimmlos, »gerade dadurch würde mein Philosophieren zum wahren Philosophieren werden.« Und nach einer Pause: »Worüber soll ich denn nun philosophieren?«
    »Wo steht, du sollst?« fragte Bamba. »Ich wüßte mich nicht zu entsinnen, irgendein Philosophieren geschaffen zu haben. Oder irgendeine Pflicht zu philosophieren. Solltest du nicht vielleicht die Wichtigkeit deiner Tätigkeit ein wenig übertreiben?« Und er zuckte mit den Achseln und ließ den Eremiten stehen.”

Michael Köhlmeier · Konrad Paul Liessmann
Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist, Adam?
Hanser Verlage
2016 · 224 Seiten · 20,00 Euro
ISBN:
978-3-446-25288-2

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