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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Gedichte, die ein Seil über den Abgrund spannen.

Das dritte Heft der Literaturzeitschrift Akzente zeigt, dass es ohne Sterblichkeit keine Literatur gäbe.
Hamburg

Alter, Sterblichkeit und Überleben, das sind die vorherrschenden Themen des dritten Heftes der Akzente in diesem Jahr. Oder anders gesagt: der Vergänglichkeit des menschlichen Lebens wird die Hoffnung auf Unsterblichkeit durch Schrift entgegengesetzt.

„Ein Mann lebt, wenn sein Name genannt wird.“ So lautet ein weitverbreitetes ägyptisches Sprichwort, in dem sich vermutlich der Urgrund für Kultur, Schrift und Literatur verbirgt.
Literatur, das zeigt Victor Brombert in seinen von Gabriele Killert für die Akzente auszugsweise übersetzten Lebenserinnerungen auf sehr berührende Weise, kann als „Unabhängigkeitserklärung“ gegenüber dem Tod fungieren.
Klaus Merz Gedichte schließen direkt daran an, wenn sie von der Unmöglichkeit erzählen, aufrichtig, mit sich selbst im Einklang und sich seiner selbst bewusst zu leben. Auf diese Weise zu leben, scheint schwieriger (und unerreichbarer?), als die Eroberung eines neuen Kontinents.

    Columbus

    Sagen können:
    
    Ich habe mich
    Durchgefragt.
    
    Bis zu mir.

Die ausgewählten Vierzeiler von Hans Bender kommen allerdings sehr nah an diese Herausforderung heran.
Andrea Zanzottis Gedichte führen die Linie aus Vergänglichkeitssinn, Selbstironie und Melancholie weiter. Dabei steuert Zanzotti ein weiteres „tête a tête mit der eigenen Sterblichkeit“ bei, wie es seine Übersetzerin Theresia Prammer in ihrem Aufsatz über Zanzottis späte Gedichte nennt. So beispielsweise wenn er von der Hinfälligkeit des Körpers erzählt, die schließlich die ganze Welt hinfällig macht.

    „wie damals, als ich vier Mal um mich
    kreiste, ausglitt und als Stütze wiederfand
    für eine Welt, die seither niemals wieder stand.“

Auch Jaroslaw Mikolajewskis Gedichte kreisen um Alter und Sterblichkeit. Und um das Überdauern in Schrift, eindringlich dargestellt im Gedicht „Mord aus Liebe“, das nicht zuletzt Fragen danach aufwirft, was Liebe ist und was Leben. Diese großen Fragen, auf die es keine Antworten gibt, nur den Mut, sie immer wieder zu stellen.

Bist du noch da? Diese Frage ist Tadeusz Dabrowskis Beitrag zur Auseinandersetzung mit der Sterblichkeit. Sein Gedicht „Porträt einer Frau nach einem Schlaganfall“ lese ich in diesem Rahmen als seien die Gesichtshälften Metaphern für das Wissen um die Sterblichkeit, und den Glauben an eine Ewigkeit.

    Porträt einer Frau nach einem Schlaganfall

    Ihre linke Gesichtsseite weiß schon alles,
    die rechte ebenfalls.

    Man könnte meinen, es gäbe zwischen ihnen
    Keinerlei Verständigung.

    Doch wenn der bewegliche Teil etwas sagt oder lacht,
    zieht der andere hartnäckig zum Mundwinkel und ruft
    sein exaltiertes Spiegelbild zur Ordnung.

    Es sieht ein wenig aus wie das Spannen eines Seils
    Über den Abgrund.

Karin Fellner lässt schließlich ihre „Närrin“ „diesen Knochensack [...] für wahr“ nehmen, um ihn auszuschütteln.

Armin Sensers kleine Typologie der Lebenslügen ist weniger Auseinandersetzung mit dem Ende, als vielmehr Beschreibung des Weges dorthin. Lakonisch und weise zeigen seine Gedichte den bedürftigen Menschen hinter den mächtigen Masken.

Dazu passt die erstaunliche Geschichte des im 18. Jahrhundert recht bekannten und eine Zeitlang erfolgreichen Mulatten George Bridgetower, der am königlichen Hof spielte und eine Zeitlang so gut mit Beethoven befreundet war, dass dieser ihm eine Sonate widmete, die er allerdings nach dem Zerwürfnis mit Bridgetower in Kreuzersonate umbenannte. Rita Dove spürt seinem Leben dichterisch nach, und zeigt somit wie Menschen und ihre Geschichte mittels Erzählungen und Erfindungsgabe wieder auferstehen können, lange nachdem sie vergessen wurden. Das Kapitel „Wunderkind“ aus diesem Zyklus, das in der Akzente abgedruckt ist, wird kenntnisreich von ihrem Mann Fred Vierbahn eingeleitet, der auch die Übersetzung besorgt hat.

Bevor Detlev Schöttkers Überlegungen von den Archiven der Bibliothek in Alexandria bis zur digitalen Archivierung die Betrachtungen zwischen dem Wissen um die eigene Sterblichkeit und der Notwendigkeit an eine Art von Unsterblichkeit glauben zu können, abschließt, erinnern Xhevdet Bajraj und Arben Idrizi an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien. Und so sind in diesem schmalen Heft scheinbar alle großen Themen der Menschheit verhandelt. In ein paar unsterblichen Gedichten von Überlebenden. 

 

Mitwirkende: Victor Brombert: Lebenszeichen der Sterblichkeit • Klaus Merz: Helios Transport. Gedichte • Hans Bender: Vierzeiler • Andrea Zanzotto: Gedichte • Theresia Prammer: Ein halluzinatorisches Gemisch. Andrea Zanzottos späte Gedichte • Jaroslaw Mikolajewski: Stunde der Prüfung • Tadeusz Dabrowski: Bist du noch da? Gedichte • Karin Fellner: Qapla • Armin Senser: Anthologie. Gedichte • Fred Viebahn: Sonata Mulattica von Rita Dove. Eine Einführung • Rita Dove: Das Wunderkind • Xhevdet Bajraj: Dunkelheit und Blut. Gedichte • Arben Idrizi: Unter den Ermordeten war auch eine einsame Greisin • Detlev Schöttker: Vom mythischen ins digitale Alexandria

Michael Krüger (Hg.)
Akzente Heft 3/2014
Peter Handke / Andrea Zanzotti
Hanser
2014 · 7,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24671-3

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