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Kritik

Schwimmende Kühe

Hamburg

Als ich den Erdbeeren den grünen Schal
aus feinen Netzen umband, erzähltest du mir
von der Kuh, die hinaus zur Insel schwamm,
die dastand, muhte, bis die Seehunde
näherkamen, ihr Brüllen dazugaben unter
den kreisenden Möwen mit ihrem ijeeh-
ijeeh – und nachdem du genug gesehen hattest,
ranntest du zum Bauern, der dir nicht glaubte,

so geht es nämlich immer, niemand glaubt. Mein Mitleid mit den Ungläubigen = Nichtlesern der Akzente ist immer zum Steinerweichen präsent und groß, dieses Mal stieß es jedoch wieder alle Scheunentore auf, um mich mitteilen zu lassen, dass erhebender nicht mehr seit der Coen-Brüder Film „Oh Brother, where are thou?“ von schwimmenden, vielbedeutenden Kühen gesprochen wurde, als in diesem Heft. Matthew Sweeney heißt dieser Mensch, Autor obiger Zeilen, noch ein Gedicht von ihm ist drin, es geht über sprechende Pferde, Ire, nicht? Jap, aus Lifford im County Donegal, sein ‚Horse Music‘ erschien 2013 im Verlag mit dem schönen Namen Bloodaxe Books.

Damit nicht genug, gleich am Anfang lauern auf die wenigen Lyrik-Liebenden, die noch nicht Robin Robertson kennen sollten, einige seiner Texte, not for the faint of heart, sicherlich, wie

der Mann mit fauligem Gesicht
hinter jeder Ecke,
die Hände pelzig von Grauschimmel.
Und sie, wie immer
sternennackt, brütete
in den Heringsnetzen.

Seine Gedichte haben sogar mich erschüttert, der ich bis in den Kern unsensibel bin, Männergedichte, womöglich, aber hey, auch die darf’s geben.

Robertsons ‚Spielplätze‘:

Sie blühte auf im Streit, als umkreiste sie mich auf einem
kalten Parkplatz, ein Messer in dieser, dann jener Hand,
und zerstäche die Luft. Sogar ihr Gesicht war gezogen
und blank, als wäre dies der Moment, auf den sie
schon immer gewartet hatte – sie wurde dünner,
präzise und scharf, ganz Flinkheit und Funkeln.

Selten, dass mir bei solchen Texten nicht das Original fehlt, diesmal ist es so: Jan Wagner hat beide übersetzt. Tobias Döring gibt sich viel Mühe in seiner Laudatio, die er zur Verleihung des Petrarca Preisen an Robertson hielt und die in die Akzente Eingang fand, die lobende Rede versinkt nur wie ein Stein in jedem der von ihm zitierten Verse. „a sister about to be born, // how a life’s new gravity suspends in water.“  So eine Rede ist nun mal Prosa, per se aussichtslos und wenn die Prosa hinter Robertson steht und vor Sweeneys  „Ja, ich seh dich, sagte der Zwerg, // der an seinem Kronleuchter schwang // und die langen orangenen Haare flattern ließ“, dann kann sie nur klein beigeben.

Wie als Beleg für diese These enthält das Heft einen ungewöhnlich langen, ungewöhnlich zäh beginnenden Prosatext über einen, wie gewöhnlich, langweiligen kleinen Bankbeamten, aber, auch dieses friedliche Verdikt gönnen die Akzente dem ungeduldigen Leser nicht, denn grade als der sich aus dem schwülstigen Text verabschieden will, zeigt sich, dass Prosa sich zu wehren weiß und mal wieder ein alter Südamerikaner dem literarisch oder kriminalistisch neugierigen Akzente-Leser über 22 eng bedruckte Seiten die Zähne zeigt und in nicht loslassenden Bann zieht, Carlos Drummond de Andrade macht das, Brasilianer, geboren 1902, gestorben 1987.

Keine Ahnung, ob das Zufall war, Heimtücke oder ob Michael Krüger der Frauenbeauftragten von Hanser einfach körperlich überlegen ist, das Heft ist ein brutaler Verstoß gegen den Proporz, zwei Seiten nur sind von Frauenhand, diese stammen aus dem Süden, Argentinien oder München, je nachdem, einige Proben von Durita Puig’s Kunst sind enthalten: „Der ausgelaugte Körper, // die schmerzenden Finger // und diese erbarmungslose Bestie von Sprache.“

Wie die Pflicht nach der Kür wirken die abschließenden Beiträge: einerseits eine freundliche Würdigung von Horst Bingel mit einigen überzeugenden Gedichten und andererseits Kurt Drawerts Versuch über Kafkas Verwandlung, ein Stückchen Germanistologie, die zwar etwas von der üblichen tiefschwarzen Sicht auf den Text aufhebt, aber trotz witzigem Anfang letztlich im festgebackenen Zugriff auf den tradierten Kafka stecken bleibt: würde Drawert auf das Dogma von Kafka als dem Urbild des Ironiefreien, zum Schreiben getriebenen Schmerzensmannes verzichten, so könnte seine Deutung, ergänzt eben mit einer Prise Humor, Kafkas kopfüber die Zimmerdecke entlangkleckernden Tintenkäfer als Bild für dessen verquere Schreiber-Existenz auffassen und die Verwandlung als einen im – von Drawert zu Recht betonten - Rückbezug runden und immer noch perfekt gelungenen Text mit ironisch-freundlichem Anfang lesen, das ironisch-bissige Ende damit aufschließen, was beiden Texten, bilde ich mir ein, gutgetan hätte.

 

Mitwirkende: Robin Robertson: Spielplätze. Gedichte • Tobias Döring: Meet Me. Über Robin Robertson • Matthew Sweeney: Pferdemusik. Gedichte • Peter Sirr: Heilmittel. Gedichte • Carlos Drummond de Andrade: Ein Schriftsteller wird geboren und stirbt • Carlos Drummond de Andrade: Der Filialleiter • Carlos Drummond de Andrade: Das Bild im Spiegel • Adalberto Müller: Nächtliches Fischen. Gedichte • Detlev Schöttker: Zu Adalberto Müller • Dorita Puig: Von kurzer Unendlichkeit. Gedichte • Kurt Drawert: Kafka lesen • Horst Bingel: Du triffst die Taube im Flug. Gedichte • Hanne Kulessa: Zwischen zwei Stühlen. Eine Erinnerung an Horst Bingel

Michael Krüger (Hg.)
Akzente Heft 5 / Oktober 2013
Carlos Drummond de Andrade
Hanser
2013 · 7,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24361-3

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