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Kritik

Im Vorbeigehen erinnert

Hamburg

Michael Krügers Ruf als Lyriker scheint zuweilen von seinem Ruf als Verleger übertönt zu werden, so daß man leider öfter den zweiten als den ersten hört. Dabei hat Krüger seit fast vierzig Jahren eine erkleckliche Anzahl Gedichtbände veröffentlicht, die ihm schon früh den Peter-Huchel-Preis und den Ernst-Meister-Preis eintrugen; und seit fast vierzig Jahren hält er treu an der Idee fest, daß es etwas in der Welt gibt, das zu betrauern oder zu preisen, zu beobachten und festzuhalten wert ist. Formale Experimente waren nie seine Sache, ihm ging es vornehmlich immer — ein bißchen altmodisch — um den Inhalt des Gedichts. Wenn einer in regelmäßigen Abständen einen Lyrikband veröffentlicht, könnte die Vermutung naheliegen, es habe eine gewisse Routine sich eingeschlichen; Krügers Gedichte jedoch überraschen unaufdringlich stets neu, und je älter der Autor wird, desto besser sein Werk, als wüchse es gemeinsam mit ihm. So ist die „Umstellung der Zeit“ einer seiner besten Bände und sichert ihm unstreitig den Rang als einer der wesentlichen deutschen Gegenwartslyriker.

Die meisten der Gedichte aus „Umstellung der Zeit“ könnte man als Gelegenheitsgedichte bezeichnen, sie verdanken ihre Entstehung einem konkreten Anlaß — einer Begegnung, einer Erinnerung, einer Beobachtung, einer Reise —, doch mitnichten sind sie wegen dieses privaten Charakters beiläufig oder flüchtig. Vielmehr ist es erstaunlich, welche Ruhezentren sie in all der Geschäftigkeit ringsum erschaffen: Das Gedicht als Zeitinsel der Meditation. Daß diese Ruhe nicht selbstverständlich ist, sondern — im doppelten Sinn — ein Ausnahmezustand, und daß die persönlich erlebte Zeit und die eigene Lebensspanne ständig mit der unausweichlichen Ewigkeit des Todes konfrontiert werden, bringt Krüger in nur wenigen Zeilen zum Ausdruck:

Eine tote Amsel

vor meinem Fenster.
Ich warte eine Stunde
auf die Umstellung
der Zeit.

Man merkt allenthalben, welche Bedeutung die moderne amerikanische Dichtung für Krüger nach wie vor hat, denn stärker noch als seine früheren Bände ist die „Umstellung der Zeit“ dem Sichtbaren verpflichtet. Er vertraut beharrlich auf die Lesbarkeit der Welt, entziffert deshalb Namen und Zusammenhänge, schlägt das Buch der Natur auf, erfreut sich an der Aufzählung von Einzelheiten, „damit die Welt nicht / abhanden kommt vor der Zeit“. Nur was benannt ist, scheint für einen Moment aus dem Vergessen treten zu können, in die Erinnerung hinein. Krüger beschreibt das als

Die Verbundenheit
mit den Steinen
und ein Schwamm
für glückliche Wörter.

Fast ein bißchen abgeklärt sind diese Gedichte, ohne allerdings ihre Unruhe, ihre Beunruhigung zu verlieren. Krüger glaubt an die Bedeutung des Wortes, an die Kraft, die Irrwege zu bannen: „In welchen Sprachen / muß einer sprechen, / damit die Welt ausheilen kann?“ Wer so redet, mißt der Dichtung noch eine Wirkung zu, die andere womöglich längst aufgegeben haben, eine gesellschaftliche Bedeutung, die noch so unscheinbar sein mag. Dabei meidet Krüger die große Rede, die aufgesetzte Geste, die prahlsüchtige Brillanz. Es sind die kleinen, unscheinbaren Regungen, die zu den großen Gemütsbewegungen (beim Autor und beim Leser) führen — denn in eben dem Beiläufigen steckt die Quintessenz des Lebens. Alles ist jedoch mit Melancholie überhaucht, da jedes Gedicht auch eine Bilanz des Einmaligen, Gewesenen, Verpaßten darstellt, ein Mahnmal der Vergänglichkeit. Es würde zu weit führen, die Stationen und Situationen hier einzeln zu würdigen. Aber soviel steht fest: Das Gedicht ist auch die Vorbereitung auf den Tod, auf jene wahrhaft finale Zeitumstellung:

Zuerst wuchs ihr ein Pilz
aus der Hüfte, ein fetter Schwamm,
dann nahm ihr ein Wind die Blätter
und ließ sie achtlos sinken,
zuletzt verlor sie die Farbe.
So stelle ich mir den Abschied vor,
die kleinen Untergänge vor der Zeit.
Heute knickte sie ein.
Der Stein, der ihren Fuß bewachte,
läßt sich nicht aus der Fassung bringen.
Eine neue Zeitrechnung beginnt,
das Jahr eins nach dem Tod der Birke.

Die große Stärke dieser Gedichte besteht darin, daß sie immer kritisch gegenüber den heutigen Vergeßlichkeiten sind, immer wachsam gegenüber dem laschen Auge, dem lauen Ohr. Michael Krüger hat den Faden zur Tradition nicht abgeschnitten, im Gegenteil, er nimmt ihn gern dort auf, wo es klug ist — „In Büchern nachschlagen, welche Sprachen / gesprochen wurden, um die Schönheit / zu ehren und ihre Vergänglichkeit“ —, und überläßt ihn dem Wind, wie die Spinnen, die Jean-Henri Fabre so eindringlich beschrieben hat, in der Hoffnung, daß er an der Wand eines Schuppens, an einem Strauch, einem Baum hängenbleibt. Wie in jeden Klage-Gesang ist auch hier als Korrektiv ein tief verwurzelter Glaube an das Sichtbare, an die Schönheit eingewoben, daran, daß die Natur die eigene kurze Dauer souverän überdauert.

Michael Krüger
Umstellung der Zeit
Suhrkamp
2013 · 117 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-518-42394-3

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