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Kritik

Nachrichten vom unteren Nachthimmelrand

Hamburg

Michael Speier ist eine der interessantesten lyrischen Stimmen Berlins. Seit - mittlerweile - Jahrzehnten gehört er als Dichter wie als Literaturwissenschaftler zu den umtriebigsten Akteuren der hauptstädtischen Poesieszene. Seit den frühen 70ern erscheinen seine vielfach übersetzten Gedichte in Magazinen und Anthologien rund um die Welt, seit 1977 veröffentlicht er die legendäre Lyrikzeitschrift PARK. Als Herausgeber des Celan-Jahrbuches oder klassischer Reclam-Gedichtsammlungen hat er sich ebenso verdient gemacht wie als Gastprofessor für deutsche Literatur an amerikanischen Universitäten oder als Mitwirkender zahlreicher internationaler Poesiefestivals. Sein nunmehr neunter Gedichtband erschien dieser Tage im kunstsinnigen Berliner Aphaia Verlag, der bereits einige der wichtigsten Bände Speiers verlegt hat. 

Der Titel HAUPT/STADT/STUDIO (eigentlich drei separate Worte in Versalien untereinander gesetzt) referiert zunächst auf den letzten Gedichtband Speiers  welt/raum/reisen von 2007 sowie auf das letzte Kapitel in der von Speier für Reclam herausgegebenen Sammlung mit Berlingedichten von Gegenwartslyrikern aller Couleur („Berlin, du bist die Stadt“, 2011), das mit „Hauptstadtstudio – auf dem Weg zur Metropole“ überschrieben war und die Entwicklungen seit dem Mauerfall thematisierte. Zudem entwirft Speiers Buchtitel eine Perspektive: Diese Texte blicken von den ruhelosen Städten her auf die Welt. Schon das Eingangskapitel „schlacht um berlin“ verhandelt keinesfalls historische Legenden, sondern alltägliche Begebenheiten auf dem „vom morgenlicht durch/sonnten reichstagsrasen…“, an Ampelkreuzungen, in Flughafenwarteräumen oder der S-Bahn nach Schöneweide. Traumwandlerisch durchquert Speiers poetischer Blick die Wirklichkeitsebenen der Stadt, er sammelt Vokabeln, Ideen und Widersprüche, um die disparate Vielfalt in fließenden Texten mit leichter Hand zusammenzuführen. So wird der verknüpfende Beobachtergeist des nomadischen Weltstadtbewohners zu einer tragfähigen poetischen Haltung im Zeitalter von liquid money & democracy.

Quelle: Aphaia Verlag

Mit dem Hintergrundwissen des belesenen Europäers vermisst Speier in seinen Gedichten die rasanten Veränderungen der Lebenswelt, denen wir derzeit ausgeliefert sind. In den „budapester metamorphosen“ werden lokale Impressionen zum Anlass, am konkreten Fremden - „zurückübersetzt in mein eigenthum…“ - urbane Realitäten an den uns eigenen hehren Ansprüchen zu messen, die Schule, Universität und Hochkultur für uns (und in uns?) postuliert haben. Im Mittelteil des Bandes „aus der neuen welt“ werden die Besonderheiten nordamerikanische Orte zum Ausgangspunkt poetischen Nachdenkens. Inmitten dieser Texte werden wir vom kompletten Notenbild einer Komposition von Wolfgang Seierl für Sopran und Klavier nach Speiers Gedicht „Otter Creek“ überrascht, die laut Auskunft im Buchanhang bereits 2009 in Vermont/USA uraufgeführt wurde. Die direkte Verbindung zur Musik entspringt einer Eigenart des Aphaia Verlags, dessen Publikationen vielfach mit anspruchsvollen Musik- und Bildwerken kombiniert werden. Und wie in den meisten Texten diesen Bandes sind es konkrete sinnliche Eindrücke des Reisens und Beobachtens , die den Anlass für poetisches Fragen nach der conditio humana in den Zeiten weltumspannender Marktwirtschaft liefern, deren Auswirkungen letztlich niemand entkommt. Speiers abschließendes Kapitel „einschiffung nach kythera“ erreicht schließlich mythischen Boden, denn das griechische Kythera war niemals Metropole im herkömmlichen Sinne, wohl aber einst das Zentrum des Aphroditekults, jener antiken Göttin der Anmut und Schönheit. Aus Perspektive mediterranen Insellebens kann der getriebene Städter „ENDLICH das konto auffüllen / mit horizont“, doch: „scheinrosen hängen fröhlich ins bild“. Dass diese Gedichte um die Eitelkeit der Welt wissen, macht sie zu kleinen  Wortwundertüten voll immer neuer Wendungen.

Michael Speiers Gedichte sind ganz und gar heutig, sind „Weltempfänger im Miniformat“, den Sehnsüchten nach dem Idealen freundlich gesonnen trotz allen Wissens um deren allenfalls punktuell mögliche Erfüllbarkeit. Pathos und Ironie fallen in seinen Gedichten einander in die Worte ohne einander zu denunzieren. Aus der Polarität zwischen unserer Sehnsucht nach Vollkommenheit und den alltäglichen Bagatellen, zwischen Gedachtem und Gelebten, ziehen Speiers Texte ihre Energien. 

Dieses schmale Bändchen ist Speiers bislang schönstes. Die Gedichte fließen von leichter Hand geschrieben dahin und sind doch hochkomplex, blitzgescheit und voll Überraschungen - frisch, anrührend und auf der Höhe der Zeit. Das gilt auch im optischen-haptischen Sinne: Papier, Format, farbliche Gestaltung – der unaufdringlich gelungene Zusammenklang der Elemente lässt einen dieses Buch gern zu Hand nehmen. Die Grafiken des niederländischen Dichters und Künstlers Hans Warp erweitern das poetische Flanieren Speiers bis ans Phantastische. Schon mit der ausdruckstarken Covergrafik auf purem Weiß werden wir in die Hyperrealität der Poesie hinübergezogen. Ein bereicherndes, rundum gelungenes Buch, zu dem man Verlag und Autor nur gratulieren kann.

Michael Speier
HAUPT STADT STUDIO
Grafik: Hans Wap, Komposition: Wolfgang Seierl
APHAIA
2012 · 82 Seiten · 15,00 Euro
ISBN:
978-3-926677846

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