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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
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ostra-gehege Zeitschrift für Literatur und Kunst
Kritik

Überhaupt lässt sich Welt nur durch Leben verorten

Michael Speier gehört zu den wohl eher verkannten Dichtern unserer Zeit. Obwohl er schon seit der Mitte der 70er Jahre leidenschaftlich in der deutschen Lyrik unterwegs ist und ebenso lange die Literaturzeitschrift „Park“ herausgibt (ein klarer Kauf, auch die alten Ausgaben, wer sie antiquarisch bekommen kann, sollte zuschlagen - dort tummeln sich wunderbare Dichter wie Jürgen Theobaldy, Walter Helmut Fritz, Rose Ausländer oder Christoph Meckel), ist er nur den aufmerksamsten Lyriklesern bekannt. Dabei hat seine Lyrik Qualitäten, die sich so sonst nirgends im Literaturbetrieb finden lassen. Es ist eine gelungene, in Michael Speier über diese Jahre gewachsene, sehr homogene Melange aus der Authentizität und Realitätsverbundenheit der Neuen Subjektivität der siebziger Jahre, einer bilderreichen Sprachmagie und modernsten formellen Verfahren, welche die Texte zusätzlich aufladen. Seine Einflüsse finden auch in die Gedichte. Meckels Messingstadt wird zur Messingstatt der Liebe und Hesses Calw betritt er mit Thomas Kling. Er kennt die Orte der Poesie.

In drei Kapitel hat Michael Speier den Band aufgeteilt: „als das leben geographie war“, erzählt von Orten und was sich an ihnen abspielt. Zwischen St. Nazaire, Amsterdam, Berlin und Wien, Belgrad und weiter nach Übersee, zum nächsten Kapitel „jede menge schwerkraft“, die uns bündelt und hinzieht, Bestandteile sein lässt von weiteren Orten: San Xavier, Teotihuacán, den Südwesten der USA und schließlich zurück in den „bus nach pompeji“, wieder auf dem europäischen Kontinent zwischen Elbe, Berlin, Zürich, um am Ende doch in Cincinnati zu landen, wo Michael Speier bisweilen als Honorarprofessor an der dortigen Universität lehrt. Keine willkürliche Geographie, sondern Lebensorte, Orte, die ihn umrahmten, bei Aufenthalten bspw. als Stipendiat oder als Teilnehmer von Poesiefestivals, manchmal rastlos erfahren, in Gedichten festgemacht, bevor man wieder davon treibt. In ihnen erscheint die Welt als Raum für die Episoden des Lebens. Überhaupt läßt sich Welt nur durch Leben verorten – ein nur scheinbarer Widerspruch, der Raum (und mit ihm der Ort) ist Ausdruck nicht des Fehlens, sondern des Vorhandenseins der Dinge. Die Welt will aus den Dingen erklärt sein – deswegen der expressive Gestus, der sich in Speiers Verse mischt.

Seltsam atemlos lassen sich manche Gedichte lesen, rasch aufeinanderfolgende Bruchstücke, ohne Punkt und Komma geschrieben, ineinander übergehend, ineinander verzackt („wie ich & du, fraktaler staub“), sie sollen das Bild zeichnen, einen lebendigen Schauplatz entwerfen und ohne die Verengung auf die Miniaturen seelischer Befindlichkeit und sprachartistischer Strebsamkeit die ganze Szene zeigen und das ganze durch die Schwerkraft zusammengehaltene Ensemble dessen, was hier als Leben kumuliert. Michael Speier hat wortmächtige Techniken den Raum wiederzugeben, den das Leben für sich in Anspruch nimmt und er weiß, es beschränkt sich nicht. Trotz aller Details und trotz aller expressiven Darlegungen (die keineswegs nur assoziative Reihungen sind, wie mancher vermutet, sondern Bilder für echte Geschehnisse), nichts kann letztlich erfasst und endgültig sein, es erscheint die „geschichte wie fahren.“ Durch Welten hindurch, die überall sind in den „welt / raum / reisen“ – auch in der Tasse rührend unter den Sonnenschirmen eines Cafés, „atome die sich was zuflüstern / jede menge schwerkraft“, jede Menge Leben und seine Anziehungskräfte, durch kräftige Symbole und aufscheinende Details angetriggert und zu einem eigenen Song zusammengerührt. Der Ereignisreichtum der Situation wird umgebrochen in ein spannungsreiches Wortgelände, das sich nicht immer leicht offenbart. Aber, und das ist das Entscheidende für gelungene Gedichte, lustvoll erfahrbar ist. Schweben im Neuland und überraschende Plätze für eine Landung. Denn anlanden muß man, sonst verschwebt man orientierungslos. Das Anlanden gehört zum Erwachsen viel mehr als die Adaption von Glaubenssätzen und Ideen (was einem eher kindischen Festhalten entspricht). Nur wer sich vortraut, kann hinreichen. Er muß nichts in Besitz nehmen, aber er kann Räume dort erkunden und vorerst vorhanden sein, herumreisen in den möglichen Aggregaten und sich umschauen, was sich tut. Die Welt tut sich. Eine so einfache, aber oft verstellte, wertvolle Erkenntnis, die mit jeder Faser von Michael Speiers Gedichten verwebt ist. „welt / raum / reisen“ – ein wundervoller Titel.

Michael Speiers Gedichte sind auch Erzählungen, leben aus Bewegungen, die sie selbst nachvollziehen auf den Malgründen und in den Szenerien, den Um-Ständen des Jetzt.
Eine wichtige Grundlage für die Begegnung mit diesem Buch ist die Sorgfalt. Sie steckt in den Versen und nichts ist umsonst. Es gibt in jedem Gedicht Überraschungen, kein Text schwächelt. Unversehens ein Kalauer hier oder ein bezwingender Wortwitz da, dann wieder gelungene Auslotungen von Untiefen und Weiten der Sprache. Vieles kennt Speier, was in die „Handlung“ des Gedichtes sinnvoll einzubauen geht und man spürt die große Erfahrung und die Klarheit des Tuns genauso wie die Lust. Ein Buch mit wunderbaren Gedichten, von denen einige das Zeug haben, Klassiker zu werden

fremdland

ich habe schwer zeit mit viel worten
ich muss lesen sie wieder
und wieder ich kann nicht vergessen ihnen
ich schreite unrichtig
natürlich habe ich keine sprache natürlich
spreche ich sogar aufeinander wie englisch

wie immer bin ich stumm gewesen
und geht um mich die welt
den abend grasen
mein anderes leben dort
nichts weiß denn ich von ihm

mich spricht das eichhörnchen vom baum
heute nicht noch übergestern
ich bin das übel-genie
erklärt die nacht in lila
ein insekt hat gesummt
bestimmt, tango ist das andere.

Michael Speier
welt/raum/reisen
Vorwort: Ulrike Draesner, Illustration: Xago
Aphaia
2007 · 76 Seiten
ISBN:
978-3-926677631

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