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Kritik

Die Form muss durch den Mund gehen

Die strenge Gedichtform entlässt Michael Spyra in seinem Debüt in die Freiheit, das zu tun, was er kann.
Hamburg

Es bedarf keiner weiteren Erörterung: Der freie Vers reist, wohin er will. Die gebundene Sprache ist begrenzt durch Gesetzmäßigkeiten und schränkt die Handlungsfreiheit des Schreibenden ein. In dieser Reisebeschränkung liegt eine Chance, sich Freiheit auf anderem Weg zu erarbeiten. In welche lyrischen Systeme wurde der 1983 in Aschersleben (Sachsen-Anhalt) geborene Autor mit dem Mauerfall eingeschult? Was bedeutet es, wenn er auf tradierte Formen zurückgreift, um seine Freiheit darin zu suchen? Warum tut er das? Er tut es, weil er es kann und Freude daran hat. Weitere Auskünfte darüber wird der Autor nicht geben wollen und verweist zurecht auf sein Buch. Doch die Fragen, die sich mir stellen, gehen weiter: In welchem Verhältnis stehen Form und Inhalt? Sind sie gleichberechtigte Partner?

Ich beginne die Suche nach Antworten von außen nach innen. Das Buch liegt angenehm in der Hand und ist gut gestaltet. Klare Kontraste, die in ihrer Eindeutigkeit bereits zu ersten Irritationen führen sollen. Passt der Titel, passt er zum Coverbild? Oder ist hier schon das freie Spiel der Kräfte (Zitate, Reminiszenzen, Überhöhung, Ironie) angedeutet? Ich muss Antworten finden und schlage das Innere des Buches auf. Überrascht stelle ich fest, dass einzelne Fotografien eingefügt sind. Weder deren Druckqualität, noch das Auge des Fotografen, identisch mit dem des Autors, überzeugen mich. Die Bildmotive bleiben zentriert und an der Oberfläche. Sie erzählen keine Geschichte, sondern manchmal nur eine nicht sorgsam vorbereitete Pointe, etwa in der seriellen Anordnung von Stühlen, Schlitten oder Lampen. Mir fällt das Wort Gimmick ein. Aber sicher, mehr soll es nicht sein! Meine Kritik greift ins Leere.

„Nachbarschaft“, das Gedicht, das die „Beiträge zur Beziehungskunde“ eröffnet, führt Vertrautes vor Augen: der beobachtende Blick in das gardinenlose Fenster in der Nachbarschaft, im Zwischenraum von Voyeurismus und Banalität.

Und seh' ich dich dort unbekleidet laufen,
ich sollte klingeln, um uns Stoff zu kaufen.

Ich kann mich jeden Morgen vom Glück gardinenloser Fenster überzeugen, wenn meine Nachbarin ihre Bettdecke mit einem Ruck zurückschlägt, das Kopfkissen aufschüttelt, bevor sie (bekleidet) aus dem Bett steigt. Ich empfinde beim Beobachten dieser Alltagsinszenierung einen tiefen Trost, diese Schönheit und zugleich Unzulänglichkeit unser aller Leben! Mit Spyras Worten bin ich einverstanden, bis er zur letzten Zeile kommt. Hier wird die zuvor aufgebaute Zartheit des Moments zerstört, dem Reim und dem Gimmick geopfert. Stoff kaufen! Hier soll etwas verhüllt werden. Ein nackter Mensch, ein Fenster oder gar die Sinne? Ja natürlich, dieses Spiel geschieht nicht zufällig oder aus Verlegenheit, Spyra hat die Freiheit, es zu tun, und er nutzt sie. Warum macht er nicht mehr aus seinem Gedicht?

„Vorm Hundekampf“, ein weiterer Beitrag zur Beziehungskunde, erscheint als Fortschreibung der „Nachbarschaft“. Es wird klar, welcher Art der Stoff des lyrischen Ichs ist, den es zu kaufen gilt. Es geht in diesem Gedicht um eine rauschhafte Kopulation zweier Menschen vor Hunden, „böse, tobend, laut.“ Die Szenerie ein Tierheim, oder, welch wunderbare Brechung, „ein Stuhlkreis: wären wir im Kindergarten“.

Ein schweres Halsband nur, ansonsten nackt.
Die Leine wie der Gürtel eines Junkies,
ein Knotenball in grober Faust gepackt,
halt' ich dich kurz und führe dich sodann
an ihren Käfigen vorbei, du pisst
an jeden, legst die Fährte, heizt sie an.

Das ist grob, rüde (er pfeift seine Rüden herbei) und doch konsequent durchgespielt. Spyra schont uns nicht. Die spürbare Angst, die Lust an der Zerfleischung, die Anspielung auf Sodomie, lässt leicht einige Referenzen erkennen, die uns an den Faschismus gemahnen, beispielsweise als Film an Pasolinis „Salò“, als Roman an Drndićs „Sonnenschein“ mit Kurt Franz und seinem gefürchteten Hund Barry oder in der Bildenden Kunst an Bornsteins „Waldbowling“. In diesem Gedicht bringt Spyra das von ihm angezettelte Sprachspiel zu Ende, im Bewusstsein, bei Kontrollverlust sofort zerfetzt zu werden. Aber er bricht den Akt nicht ab. „Meine Hand, ein Fächer in / der Rückenkuhle, hält den Takt [...]“.

In „Die Daedalusparabel“, als „Ergänzung zur Naturkunde“ in den Band eingefügt, zeigt Spyra, wie Alltägliches zum Besonderen gemacht werden kann. Die Natur dringt immer weiter in die Städte ein und gibt dem Beobachter die Möglichkeit, den verzweifelten Kampf eines Sperlings, der von einem Falken geschlagen wurde, in Sprache zu fassen.

Am REWE, dem am Connewitzer Kreuz (der Haltestelle),
kann sein, er war schon selbst in der Luft gewesen, kurz
und von den Resten um die Imbissbuden satt, auch träge,
schrie, was mir wie Singen klang, ein junger Spatz um Hilfe.

Wie Spyra diesen Kampf der beiden Kreaturen einfängt, dem Sprachspiel die Ernsthaftigkeit hinzufügt, das gefällt mir. Der Verweis auf Dädalus ist eine Einladung, dieses ungleiche Kräftemessen als einen Beitrag zum Vater-Sohn-Verhältnis zu lesen. Genauer gesagt geht es um Schuld. War es nicht die Schuld des ehrgeizigen Erfinders Dädalus, mit seinem Sohn Ikarus im Turm eingesperrt worden zu sein? Trägt der Vater nicht die Schuld am missglückten Flug des Sohnes? War dieser Preis für die Freiheit nicht zu hoch? Der Vater mag sich in stillen Stunden fragen, ob es nicht besser gewesen wäre, den Ehrgeiz zu zügeln, die Regeln einzuhalten, der Sonne nicht zu nahe zu kommen, den Takt der Flügelschläge beizubehalten oder erst gar nicht auszubrechen. Aber da es nun mal passiert ist, stellt sich die Frage anders. Sind die Brotkrumen des Kapitalismus es wert, seinen Nachwuchs dafür zu opfern?

„Steinzeit“ aus dem dritten Abschnitt mit der Überschrift „Anmerkungen zur Sozialkunde“ geht vertiefend auf das Thema Väter und Vorväter ein. Das Gedicht beginnt mit: „Ich weiß vom Hörensagen, von denen, die / vergraben lagen, deren Väter Bergarbeiter / waren [...]“.  Es spricht von Traditionen, „das, was sie aus dem Mundloch trugen [...]“. Dies freilich waren nicht die wohlbetonten Verse der Menschheitsdichtung, sondern Desillusion vermengt mit Staub. Spyra berichtet zu Recht von Vampiren, die die Freiheit verloren. Er verdeutlicht: diese Steinzeit ist erst wenige Jahre nach seiner Geburt zu Ende gegangen.

Wie bei einem Ausstellungsrundgang, kann ich mich nicht mit allen Exponaten anfreunden, bin aber alles andere als unzufrieden über die Funde, mit denen mich Michael Spyra bei meiner Suche in seinem Debütband entlohnt. Dass eines der schönsten Gedichte auf der Rückseite das Buch bewirbt, nicht aber im Buch zu finden ist, bleibt mir unverständlich.

Abends auf deinem Balkon

Aus meinem letzten Fahrschein
falte und walze ich uns
je einen Filter.

In die Städte kommen, wissen wir,
nur wieder aus anderen Städten
Händler vom Mekong, Sänger vom Euphrat
und junges Gemüse.

Michael Spyra
Auf die Äpfel hatte der Herbst geboxt
Mitteldeutscher Verlag
2014 · 80 Seiten · 9,95 Euro
ISBN:
978-3-95462-469-0

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