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Kritik

Eunomie ohne Dath und Schmidt

Metamorphosen #15 mit dem Themenschwerpunkt Sciencefiction liegt vor. Marktrundschau oder Forderungskatalog: Wir wissen es nicht so recht.
Hamburg

Metamorphosen Nummer 15, Sciencefiction, legt bei genauerer Durchsicht Fragen nach den Auswahlkriterien nahe, die beim Zustandekommen des Hefts eine Rolle gespielt haben müssen. Das ist nun nicht so gemeint, als wären die versammelten Beiträge etwa minderwertig und die Kriterien der Metamorphosen-Redaktion müssten es folglich auch sein. Es ist vielmehr so, dass sich bei einem so klar „hochkulturell“ und “literaturbetrieblich“ verorteten Ding wie den metamorphosen, wenn es sein Format als Wille-und-Vorstellung auf das Genre Sci-Fi anwendet, die Frage aufdrängt: Gilt die getroffene Auswahl dem Genre in Hinblick auf den Literaturbegriff? Oder dem Literaturbegriff vor der Folie des Genres?

Mit anderen Worten: Geht es der metamorphosen-Redaktion bei dieser Auswahl um „sprachliche“ oder um „konzeptionelle“ Relevanz, um Ästhetiken oder um Genrevorgaben? Das wüsste man gerne. Dann könnte man besser einschätzen, wie sich das Gebotene zur Menge an aktuell vorliegender Sciencefiction im deutschsprachigen Raum überhaupt verhält, oder (wieder: anders herum) welche Funktion der Sciencefiction laut Redaktion kulturpolitisch/ästhetisch, in Bezug auf die Gesamtmenge an überhaupt Geschriebenem, zukommt. Liegt da eine Marktrundschau vor, oder ein Forderungskatalog? Und tatsächlich möchte man sie auch plötzlich besser einschätzen können, diese beiden Fragen, wenn man mit der Lektüre von Nummer fünfzehn der metamorphosen durch ist: Ist das nun der Stand der Sciencefiction im Deutschsprachigen? Wenn ja: Was nutzt‘s uns?

Den abgedruckten Primärtexten jedenfalls merkt man deutlich an, dass sie sich, sagen wir, redlich darum bemühen, die Grenze zwischen den Genreghettos „E-Lit“ und „Sci-Fi“ zu überwinden; sie sind damit unterschiedlich erfolgreich, und es ließe sich an dieser Stelle eine ganze Germanistik-Seminargruppe ein Semester lang damit beschäftigen, über die Effekte der unterschiedlichen hier vertretenen An eignungs- und/oder Verpflanzungsstrategien zu forschen. Mir persönlich, aber was sagt das schon, gefallen Joshua Groß‘ Erzählung und Judith Hennemans drei Seiten langes Gedichtkonvolut am besten (…

… vielleicht, weil diese beiden Texte am ehesten den Eindruck machen, ihre ästhetischen Grundannahmen würden die zu überschreitende Grenze zwischen einem spezifischen Erzählgenre und der, sagen wir, Literaturzeitschriftenliteratur nicht einfach rund weg leugnen. Es gibt einen Unterschied zwischen Genre-Sci-Fi und dem Zeug, das als „Literatur“ studiert und gelehrt wird. Das eine weist planvoll restringierte Sprache bei gleichzeitiger blinkend-bunt-detaillierter Plotbau-Klugheit auf; das andere ist eine Schreibpraxis, die auf genaue Sprache sich viel zugute tut, das Plotten aber im Großen und Ganzen verlernt hat. Der Unterschied zwischen beidem, die unterschiedliche Genese der jeweiligen Kanones, ist auch dann noch gegeben, wenn das, was früher die Bildungsschicht hieß, in Scharen nur noch Unterhaltungskram liest. Das Gegenteil zu behaupten, gleicht dem fatalen Denkfehler der Sozialdemokratie ca. 1980, es wären die gesellschaftlichen Klassen im Wesentlichen abgeschafft, weil der typische Arbeiter nun ein Reihenhaus sein Eigen nenne, und wie jener Denkfehler führt es zu Verblödung, Zwecklosigkeit und zur Herrschaft der ahnungslosen Großmäuler.)

Die wenigen klar als solche erkennbaren Sekundärtexte in metamorphosen 15 sind zumindest flächendeckend un-dumm und beinhalten nicht nur Altbekanntes, auch wenn sie offensichtlich so und nicht anders zusammengestellt sind, damit bloß jeder Nerdkultur-Kernbegriff zumindest einmal vorkommt. Diese wohlbedachte Scheinvollständigkeit ist es auch, die ich an der ansonsten definitiv lobenswerten Zusammenstellung am Ehesten zu kritisieren habe: Sie weist entweder auf eine Tendenz, die LeserInnenschaft zu unterschätzen (so, als könnte unmöglich erwartet werden, dass LeserInnen einer Literaturzeitschrift mehr als eine TV-Raumschiff-Serie präsent haben), oder darauf, dass man möglichst allen dafür Anfälligen Honig ums Maul schmieren will.

War sonst noch was? – Zweierlei. Erstens: Schwierig ist meiner bescheidenen Meinung nach, dass Dietmar Dath, soweit ich sehe, nur in einer bezahlten Anzeige für die erweiterte Neuauflage von „Venus siegt“ vorkommt; der derzeit bei weitem produktivste Sci-Fi-Autor im deutschsprachigen Raum, dessen Texte darüber hinaus nicht nur faktisch literarische Satisfaktionsfähigkeit besitzen, sondern der diese Satisfaktionsfähigkeit auch jederzeit gerne ausstellt. Dath kommt also, wenn ich seinen Namen nicht in einem der Theoriebeiträge überlesen haben sollte, schlicht und ergreifend nicht vor; das Nämliche gilt, zum Schaden für die kleinen Aufsätze, für den Arno Schmidt von „KAFF“. Zweitens: Nett schnoddriges Vorwort. Doch doch. Zu schnoddrig zwar, als dass wir die Frage, in die es endet, als die tatsächliche Problemstellung des vorliegenden Heftes hätten ernst nehmen können –

Wer wäre denn dann der Autor oder die Autorin von DEUTSCHLAND 2016?

Aber andererseits schnodderig genug, dass es in aller Kürze den Doppelcharakter der Sci-Fi als Unterhaltungsvehikel und als Schauplatz von Zeitgenossenschaften, Zeitzeugenschaften, Zeitdiskursen aufrufen kann, ehe es uns zwischen die zusammengestellten Texte entlässt.

 

Beteiligte Autor_innen der Ausgabe: Kai Hirdt, Leif Randt, Christopher Ecker, Joshua Groß, Andreas Reichelsdorfer, Martin Rüsch, Maddalena Vaglio Tanet, Judith Hennemann, Leonhard Hieronymi, Jakob Schmidt, Christian Babbel, Philipp Böhm, Elias Kreuzmair, Karl Clemens Kübler, Luzia Niedermeier, Christian Wöllecke.

Michael Watzka (Hg.) · Moritz Müller-Schwefe (Hg.)
metamorphosen Nr. 15 Science-Fiction
Verbrecher Verlag
2016 · 96 Seiten · 4,00 Euro

Fixpoetry 2016
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