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Kritik

Vom absoluten Leben

Michael Wildenhain hat einen Roman über den Traum und seine Wirklichkeit geschrieben

Das absolute Leben? Ein Traum von der Befreiung des Einzelnen von den Fesseln seiner subjektiven Existenz und von den Fesseln der Gesellschaft, die von ihren Kompromissen und Halbheiten lebt, und von ihrem Anspruch darauf, dass sich alle ihre Mitglieder dem unterwerfen. Die Texte Michael Wildenhains arbeiten sich von Anfang an an diesem Anspruch ab. Immer aufs Neue und nie mit einem sicheren, einem gesicherten Ende.

Das unterscheidet seinen neuen Roman "Träumer des Absoluten", der nun bei Klett-Cotta erschienen ist, nicht von seinem großen Wurf "Die kalte Haut der Stadt", seinem wohl bis heute sprachmächtigsten Werk, das 1991 noch bei Rotbuch in Berlin verlegt wurde. In allen seinen Texten steht die Suche nach einem unerklärbaren Moment, einer Existenzform jenseits der diesseitigen und gegenwärtigen im Zentrum. Und seine Figuren ziehen nicht zuletzt daraus die Berechtigung, sich gegen das, was ihnen ihre Gegenwart und ihre Gesellschaft abverlangt, zur Wehr zu setzen. Das ist zweifelsohne ein politisches Motiv, wenngleich die Spannung zwischen dem Ungenügen der Gesellschaft, dem Absolutheitsanspruch der Figuren und ihrer jeweiligen Umsetzung in einer wie auch immer gearteten Gegenwart bestehen bleibt.

Und eben das ordnet dieses politische Denken in eine Denk- und Verhaltenstradition ein, die mindestens in die Romantik zurück reicht, wenn nicht noch weiter zurück bis zum späten 18. Jahrhundert. Der Wunsch nach einer erfüllten Existenz ist dabei derart absolut gesetzt, das er als Bild und Antrieb zwar funktioniert. Aber eine wie auch immer geartete gesellschaftliche Praxis, die nicht auf Konfrontation, Konflikt oder Kampf basiert, wird unmöglich.

In dieser Spannung entscheiden sich Wildenhains Figuren in alle nur denkbaren Richtungen: für einen halbherzigen Frieden mit der Gesellschaft, für ein Einverständnis, das den kleinsten gemeinsamen Nenner bemühen muss, oder auch für eine Existenz im Widerspruch zur Gesellschaft, die schließlich eben auch im Tod enden kann, sei es im Selbstmord, im Verstummen oder im Opfer für eine Sache, von der es offen bleibt, ob sie es wert ist.

In dieser Perspektive ist es zudem konsequent, dass Wildenhain auch in "Träumer des Absoluten" eine Adoleszenzgeschichte erzählt, denn es ist beinahe austauschbar, ob sich die Auseinandersetzungen, in die sich die drei Protagonisten dieses Romans (eben wie die anderer Wildenhain-Texte) gegen einen Schuldirektor, gegen das Establishment oder schließlich gegen die westliche, ja auch christliche Welt wenden. Die Frage, die dabei permanent gestellt wird, ist die, wie weit die Konfrontation getrieben werden kann und soll (auch und gerade, weil die andere Seite sie nicht weniger betreibt).

Im Mittelpunkt von "Träumer des Absoluten" stehen Jochen, Tariq und Judith, die seit der Schulzeit immer wieder aufeinander treffen. Sie alle sind auf der Suche nach etwas, was sie kaum benennen können. Jochen, aus dessen Perspektive die Geschichte erzählt wird, versucht sich daran, nämlich in der Phase der Geschichte, in der die jungen Erwachsenen in der Berliner Besetzerszene aktiv sind: Er spricht von der kollektiven Existenz und davon, dass sie alles und das jetzt wollen, dass sie eine neue Zeitrechnung und Topografie leben. Er beschreibt eine Existenz, die sich der Illusion hingibt, es gäbe eine Möglichkeit, außerhalb der Gesellschaft zu leben. Außerhalb dieser Gesellschaft jedenfalls, die sich ihnen als Staatsmacht entgegen stellt und die - angedeutet mit dem Unglückstod eines der Besetzer - willens ist, das ungeschriebene Regelwerk zwischen ihr und den rebellischen Jugendlichen außer Kraft zu setzen.

Aber nicht nur der Einbruch einer gewalttätigen Gegenmacht, die Existenzform selbst stößt Jochen schließlich wieder aus: Sie ist provisorisch, auf niedrigstem Niveau, so absolut sie sich auch setzt, doch zugleich selbst wieder voller Halbheiten und Kompromisse. Sie entspricht eben auch nur einer Form der menschlichen Vergesellschaftung, die vielleicht den Anspruch formuliert, sich dem Gewünschten zu nähern, diesem aber nicht näher kommt.

Jochens Entscheidung ist schließlich ebenso konsequent wie die seiner Freunde. Während Tariq und Judith sich den Revolutionären Zellen anschließen (was Jochen erst sehr spät bekannt wird, obwohl er mit Judith über Jahre zusammenlebt und sogar zwei Kinder mit ihr hat), geht Jochen zurück in eine nicht minder vorläufige Existenz in der Gesellschaft: als Universitätsmathematiker, dem sein Fach immerhin so etwas wie jene Klarheit verschafft, die ihm die Gesellschaft vorenthält. Das Ende - Tariqs Tod, mit dem der Roman beginnt - ist damit fast logisch, und nicht weniger bedeutsam.

Wildenhain ist mit seinen Texten einen weiten Weg gegangen, und ist doch seinem Ursprungsthema, das eben auch das seiner Generation ist (der die Jahre 1977 bis 1982 die Studentenbewegung ersetzen müssen), treu geblieben. Dabei hat sich seine literarische Sprache bestaunenswert beruhigt. Der treibende, stammelnde, zugleich hohe und weit tragende Stil des frühen Hauptwerks ist einer klaren, teilweise sich recht persönlich gebenden Sprechweise gewichen, der man gerne zu folgen bereit ist. Dass ihre Authentizität sich nicht der autobiografischen Rückversicherung verdankt (woher auch immer Wildenhain sein Material nehmen mag), sondern dem thematischen Ansatz, ist dabei mit Genugtuung zu bemerken. Zugleich aber versieht Wildenhain seinen Text mit einer weiteren Ebene, die ein enormes Reservoir bedeutsamer Verweise enthält, unter ihnen die Konfession der drei Protagonisten oder die Fußwaschung Judiths.

Wildenhains Text ist damit nicht zuletzt der einer Generation, die alle möglichen Wege gegangen ist, die sich zugleich an ihrer Initiationserfahrung abarbeitet, ohne dass Wildenhain die jeweiligen biografischen Entscheidungen bewerten will. Dass sich die Freunde dabei verlieren, mag man auf der persönlichen Ebene bedauern, auf der strukturellen ist es kaum anders zu erwarten.

Michael Wildenhain
Träumer des Absoluten
Klett-Cotta
2009 · 334 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-608937572
Erstveröffentlicht: 
literaturkritik.de

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