Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
x
kiwi_NORMAN OHLER Die Gleichung des Lebens
Kritik

Iso Grifo versus rosa Narbe

Mirko Bonné schreibt Erzählungen über die Sehnsucht nach „Feuerland“
Hamburg

Er hat auch Sherwood Anderson übersetzt „Winesburg Ohio“, das macht ihn mir gleich erst einmal sympathisch und ich suche nach möglichen Parallelen. In Mirko Bonnés Erzählungsband „Feuerland“. Möglicherweise ist es erst mal der kleinste gemeinsame Nenner, verbindet Andersons Erzählungen untereinander die Kleinstadt („mit der ersetzlich schweren Aufgabe beschäftigt, sich zu amüsieren“), so ist es bei Bonné das titelgebende Feuerland. Keiner der Protagonisten der elf Geschichten fährt dahin, nur Jan-Erik hat es vor, in der Erzählung „Eichelhäher“, einer Geschichte vom Auseinanderfallen einer Familie, vom Sterben und Jan Erik wird wohl auch sterben, etwas versöhnt mit seiner seit dem Tod von Vater und Schwester vor allem mit einem Eichelhäher kommunizierenden Mutter. Nach dieser melancholischen Auftaktgeschichte gibt es noch etliche Feuerlandverweise, am deutlichsten in „Geschwungene Treppe“, wo der Song der Gruppe Keimzeit zitiert wird: „Kling Klang, zwei Mal nach Feuerland“. Der Professor einer Kunsthochschule hat die Mappe einer Bewerberin zu begutachten. Es ist seine Nichte. Die Bewerbung ist eine Provokation. In einer der Arbeiten ist die geschwungene Treppe seines Hauses abgebildet, nach und nach begreift er, die Mappe ist ein „Journal ihrer gemeinsamen Erinnerung“, denn seine Nichte war auch seine Geliebte gewesen. Die Provokation hatte bereits begonnen, als er als „Westonkel“ Schwester und Nichte in Magdeburg besuchte, wo sie sich am Rand eines Schwimmbeckens in der Sonne geräkelt und er sie ins Wasser geworfen und hinunter gedrückt hatte. Eine verschobene Inzestgeschichte? Die Bewerbungsmappe hatte ihm seine Schwester überreicht. Er überlegte die Bilder seiner Nichte zu fälschen und als eigene auszugeben. Diese kleine Geschichte bleibt wunderbar in der Schwebe, mit der sprachlosen Treppe als Zeugin. Nicht alle Erzählungen sind so gelungen, so dicht und doch rätselhaft. Auch „Tauchen“ ist ein gutes Beispiel. Der Ich-Erzähler berichtet nach dem Tod eines Freundes einer Polizistin von dessen Leben, seiner Liebe zum Tauchen. Von den Schwierigkeiten der Freundschaft und das Ringen um sie schweigt er. Die letzten Worte des Freundes „Schöne Turnschuhe hast du“ scheinen eine Liebeserklärung, das begreift er nun, als man den Wagen des Freundes an der Küstenstraße fand, wo er für immer verschwand: „Wie sehr ich ihn geliebt habe, wissen nicht einmal die Fische, die ihn fressen werden oder schon gefressen haben.“ Eine Geschichte schon hart am Kitsch, dem Bonné hier gerade noch durch enthaltsame Kürze entgeht.

Wenn Bonné länger ausholt, wie in „eine Welle“ scheint ihm das Erzählen noch besser zu gelingen. Es ist die Geschichte einer sterbenden Liebe, besser einer bereits gestorbenen. „Schuld war nur der Iso Grifo“, so hätte die Geschichte auch heißen können, wobei ich erst einmal nachsehen musste, was ein Iso Grifo ist. Ein Sportwagen aus den 1970ern, von denen es nur noch wenige Exemplare gibt, die entsprechend bestaunt werden. Das freut Lasse, den Freund von Inka; aus ihrer Sicht wird erzählt. „Ein fantastischer Urlaub zu dritt, er, sein Luxussportwagen und sie“. Seine Verliebtheit in den Wagen hat schon fast etwas Rührendes, doch dass sie selbst so übersehen wird, kann Inka ihm nicht verzeihen. Sie sind in Lissabon, der Papst wird in wenigen Tagen in Porto sein, ein paar hundert Kilometer entfernt. Ein schönes Ziel für den Iso Grofo. Sie möchte ihn sehen, den „Papst für Arme“, wie ihr Lebensgefährte höhnt. Er ist sich ihrer zu sicher, sie muss sich dem Iso Grifo unterordnen, so nass, wie die titelgebende Welle sie gemacht hatte, durfte sie nicht in den Sportwagen. So bleiben sie eine Nacht in einem Hotel. Am nächsten Morgen zieht sie einfach los nach Porto. Und sie trampt mit „dem kleinsten Auto der Welt“ mit einem jungen Kerl, der wenig Englisch kann, sie können sich nur grob verständigen. Er nähert sich ihr vorsichtig und sie lässt es fasziniert geschehen, fasziniert auch von einer langen Narbe, die sich über seinen Körper zieht. Die Geschichte der Narbe hätte gar nicht erzählt werden brauchen, es ist bald klar, hier steht ein Iso Grifo und alles, was sich damit verbindet gegen die Geschichte einer rosa Narbe. Der Junge bringt sie zum Papstbesuch. Inka sieht den Papst und glaubt, dass er dorthin schaut, wo ein Iso Grifo abgeschleppt wird. Das ist keine neue Geschichte, wie ein Paar Anfang 30er an dem Punkt ihrer Beziehung stehen, sich einzurichten und an Kinder zu denken. Doch das ganze Überlegen erzählt schon, das wird nichts mehr. Hier sind es die Andeutungen, die Welle, die die Weiterfahrt im Iso Grifo nicht mehr erlaubte, und vielleicht wäre Inka gar nicht zu dem Papstbesuch gefahren, hätte Lasse sich nicht so abfällig über ihn geäußert. Und es ist das schon groschenromanverdächtige Gegenüber von Luxussportwagen und dem „kleinsten Wagen der Welt“. Doch die eigentliche Reibungsfläche ist das Gegenüber von der rosa Nabe des Jungen und dem Getue Lasses um den Iso Grifo.

Auch die Erzählung „Nächte im Garten“ hat einen längeren Atem. Ein steinreicher Mann schickt seine polnischen Hausangestellten übers Wochenende in die Heimat. Er stürzt nach einem Bad im Swimmingpool nackt ins Gras und bleibt dort mehrere Tage liegen. Seine verstorbene Frau und verschiedene Visionen suchen ihn heim, er hat Vorsätze für die Zeit „nachher“, das Ende bleibt offen.

Es sind Geschichten, die in Grenzsituationen spielen, die Bonné sprachlich angenehm unaufgeregt erzählt. Das Motiv Feuerland zieht sich als Sehnsuchtsmotiv nach dem anderen Leben recht dünn als verbindendes Moment durch die Geschichten. Doch das ist kein Makel. Eher schon die überflüssige wie peinliche Werbefloskel auf dem Buchrücken: „Dieser Autor repräsentiert eine Literatur, von der man mehr haben möchte. Denn Mirko Bonné ist ein geborener Erzähler.“ Wer lässt sich denn von solch schwachen Sprüchen tatsächlich zum Kauf eines Buches überzeugen?

Mirko Bonné
Feuerland
Umschlagbild von Christian Brandl
Schöffling & Co
2015 · 232 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-407-1

Fixpoetry 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge