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Kritik

Der Pianist spielt nachts nur Liszt

Hamburg

Was spricht den interessierten Leser an einem Gedichtband besonders an, ist es das verwandt Erscheinende und in eine vertraute Stimmung Versetzende, ist es das Fremde und Befremdliche – oder eine Mischung aus beidem? Vor diese Fragen wird der Lyrikfreund bei jeder Lektüre, auf die er sich eingehender einlässt, aufs Neue gestellt. Im Falle von Mirko Bonnés Sammlung „Traklpark“ drängt sich keine schnelle Antwort auf. Was jedoch gleich ins Auge springt, ist die Tatsache, dass man es mit einem formbewussten Lyriker zu tun hat, der Strophen bauen kann und dem Reim einiges zutraut, mitunter sogar etwas zu viel, wenn er etwa dem Klang eines Wortes noch über sechs Zeilen hinweg ein wahrnehmbares Echo zuschreibt.

Bonné hat eine Auswahl seiner bisher unveröffentlichten Gedichte aus 25 Jahren getroffen, sie zum Teil für diese Publikation überarbeitet und in fünf Abteilungen gegliedert. Thematische Schwerpunkte sind dabei Kindheitsgedichte, etliche Städteansichten und Reiseeindrücke, nicht zuletzt von New York, dazu einige Hommagetexte etwa an Novalis, Johannes Bobrowski, Emily Dickinson und Peter Huchel.

Der 1965 in Tegernsee geborene und in Hamburg lebende Schriftsteller, der mit mehreren Romanen und Gedichtbänden hervorgetreten ist, gibt in einer Nachbemerkung selbst Auskunft darüber, wie es zur Titelwahl für seine neue Sammlung gekommen ist. Danach muss man sich den kleinen Innsbrucker Traklpark, den der Autor – angezogen durch den Namen des verehrten Dichters – mit 21 Jahren für sich „entdeckte“ und dann wiederholt aufsuchte, als eine besonders dürftige Grünanlage vorstellen, ausgestattet mit einer Marmorplatte und einem eingraviertem Zweizeiler eben von Trakl, mit einem verwaisten Spielplatz und leeren Bänken, dazu umbraust von brandendem Verkehr. Alles andere also als eine Idylle, sondern ein geradezu himmelschreiender Kontrast zwischen den beiden Namensbestandteilen.

Dem Autor ist das natürlich bewusst, und der Widerspruch zwischen Trakls „radikalem Lebendigkeitsanspruch“ und dem mehr als dürftigen Park, der seinen Namen trägt, hat er immer wieder als besondere Herausforderung empfunden, denn ihm war dort stets  „gleichzeitig zum Lachen und Weinen“ zumute. „Manchmal glaube ich, in gewisser Weise sind auch Gedichte parkähnliche Inseln inmitten der Sprachen des Alltags und der auf sie einstürzenden Diskurse“, resümiert Bonné seine Erfahrungen mit dem eigentümlichen Park, von dem aus Spuren in seine eigenen Texte hineinführen, wenngleich er an Ort und Stelle nie ein Gedicht geschrieben hat, wie er angibt.

Den Schwundspuren des Lebens, wie sie der Autor angesichts der Innsbrucker Grünanlage empfand, kontrastiert das weit lebensvollere New York, das er in dem Norbert Hummelt gewidmeten Gedicht „Okapi“ porträtiert, und zwar zur Zeit der Halloween-Feiern mit ihren verwirrenden Vermummungen, wenn „Zombies“ durch Manhattan geistern oder die Masken von Nixon, Mao und Jackie Kennedy, dazu im Stockwerk über dem die Szenerie beobachtenden Dichter die passende Musik erklingt, denn der „Pianist spielt nachts nur Liszt“. Andere einfühlsame Texte gelten dem Schlachtfeld von Gettysburg oder dem herbstlichen St. Petersburg.

Eines der originellsten Gedichte des Bandes heißt „Post von Penelope“, empfangen von einem Odysseus, der sich in der Ferne seine bewunderte Frau, begabt mit dem „sechsten Sinn“, aus einigen ungewöhnlichen Attributen zusammensucht. Aber am schönsten sind Bonnés Kindheitsgedichte, etwa „Bessere Tage“ mit der Erinnerung an eine „Wasserlache auf dem Bolzplatz“  und der Spiegelung darin. Noch eindrücklicher vielleicht „Ein Sommertag“, worin der Siebenjährige in einem Freibad „auf der Messerklinge des/Siebeneinhalbmeterbretts“ steht und allseitig zum Springen aufgefordert wird, während ein „sonnenverbrannter/Alter mit faltigem Brustkorb,/weißem Spinnennetzbart/und Mütze auf der Glatze“ das gerade Gegenteil rät, und dann heißt es abschließend: „Danke,/lieber Günter Eich, danke.“ Keine schlechte Ehrung für das bewunderte Vorbild.

Mirko Bonné
Traklpark
Schöffling & Co.
2012 · 112 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-895614057

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