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Kritik

Mutationen aus Ei

Hamburg

Nach dem Band Wir Seesterne (Reinecke & Voß) und Das geheime Tagebuch (edition FOTOtapeta) ist nun bei Reinecke & Voß ein weiterer Band des polnischen Dichters und Dramatikers Miron Białoszewski (1922-1983) erschienen. Nach und nach erhält nun auch das deutschsprachige Publikum ein immer schärferes Bild von Białoszewski als einfallsreichem Autor.

Vom Eischlupf, der neue, von Dagmara Kraus herausgegebene Band, beinhaltet sechs Gedichte von Miron Białoszewski, die im polnischen Original abgedruckt und von insgesamt 16 Autor/innen nachgedichtet werden. Jedes Original wird durch 7 bis 16 variantenreiche Nachdichtungen begleitet. In den Varianten kann man einen Bogen erkennen. Von den spielfreudigen, ja in ihrer Spielfreudigkeit am meisten der Idee des Originals ähnelnden Texten, wie z.B. bei Konstantin Ames, Christian Filips, Kenah Cusanit, Norbert Lange, Peter Dietze und Ulf Stolterfoht, geht es hin zu den Versuchen, die eher eine sinngemäße Annäherung und Übersetzung wagen (Sophie Reyer, Kerstin Preiwuß, Przemek Zybowski). Beide Versuche sind berechtigt, beide entfernen und nähern sich zugleich dem Original - und hier wir deutlich, warum es manchmal mehrerer Übersetzungen bedarf, um das komplexe Ganze eines Gedichts in eine neue Zielsprache zu übertragen, seine Arbeitsweise, sein Spiel, sein ironisch-absurdes Konstrukt zu vermitteln.

Die Herausgeberin wählte als Einleitung zum Buch einen Brief des Dichters an eine nicht genannte französische Verlegerin aus dem Jahr 1960, in dem er darzulegen versucht, wie er arbeitet, wie er die Sprache verändert, mutieren lässt, wie er Formen bildet, die es in der polnischen Sprache nicht gibt, Wörter verlängert oder schrumpfen lässt, um ihren Sinn zu verstärken oder ins Extreme zu führen. Das klingt manchmal lustig wie pszpsz für pieprz (pfpf für Pfeffer) und wird dann gesteigert bis zu pszpszeżycie (erlepfpfnis). „Ich denke, dass man hier nach einer entsprechenden Überschreitung der französischen Grammatik suchen müsste“, empfiehlt er der Verlegerin in Frankreich. Und dieser Empfehlung folgt Vom Eischlupf aufs Beste.

An einer anderen Stelle sagte Armin Steigenberger in einer Besprechung zu Wir Seesterne: „Und wieder einmal beschleicht mich das Gefühl, dass wir viel zu wenig wissen, von der Dichtung ‚da draußen’ außerhalb Deutschlands, was schon gemacht wurde, von dem wir keinen poetischen Schimmer haben, so sehr wir uns auch bemühen.“

Die Dichtung da draußen ist ungemein reichhaltig, in welches Land wir auch schauen. Umso dankbarer können wir für so kostbare Bände wie Vom Eischlupf sein, die nicht die Fülle eines Werkes durch schiere Masse vermitteln, sondern das Verfahren eines Autors an ausgewählten Beispielen sichtbar machen.

Wie populär Białoszewski darüber hinaus ist, kann man auch bei Youtube nachhören. Dort hat die Vertonung des Gedichts Karuzela z Madonnami in der Interpretation von Ewa Demarczyk über 1 Mio. Klicks.

 

Anm. der Redaktion
Alle Buchbeteiligten: Mit Nachdichtungen von Konstantin Ames, Kenah Cusanit, Peter Dietze, Christian Filips, Dirk Uwe Hansen, Angelika Janz, Jerzy Kaczmarek, Norbert Lange, Kerstin Preiwuß, Sophie Reyer, Tobias Roth, Monika Rinck, Bertram Reinecke, Schuldt, Ulf Stolterfoht und Przemek Zybowski.

Miron Białoszewski · Dagmara Kraus (Hg.)
Vom Eischlupf
Nachdichtungen
Mit einem unveröffentlichten Brief des Dichters.
Reinecke & Voß
2015 · 70 Seiten · 10,00 Euro
ISBN:
978-3-942901-16-1

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