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Kritik

Die schwierige Suche nach Glück

Molly Antopol verbindet in ihrem Erzählband Die Unamerikanischen Vergangenheit und Gegenwart
Hamburg

In den letzten Jahren gibt es mehrere Romane, die sich mit der Geschichte der eigenen Familie beschäftigen. Bekannte Beispiele für dieses autobiografische Schreiben sind die beiden Gewinnerinnen des Bachmannpreises Maja Haderlap mit Engel des Vergessens und Katja Petrowskaja mit Vielleicht Esther. Auch die acht Erzählungen von Molly Antopol basieren auf Geschichten ihrer aus Weißrussland stammenden Familie und obwohl jede Erzählung mit unterschiedlichen Protagonisten eigenständig ist, zieht sich die Vergangenheit wie ein roter Faden durch das Buch.

Die 1979 geborene Molly Antopol unterrichtet an der Stanford University. Als Kind lebte sie mit ihrer Mutter in einer Kommune an der amerikanischen Ostküste. Nach dem Studium arbeitete sie in Israel für eine palästinensisch-israelische Menschenrechtsorganisation und verbringt noch heute ein Drittel des Jahres in Israel. Dort lernte sie auch eine ältere Frau kennen, die der Anlass war, dass sie sich mit der Geschichte des Ortes befasst hat, dessen Namen sie trägt. In einem auf der Website des Hanser Verlages publizierten Essay berichtet sie, wie sie einer älteren Frau erzählt, ihre Familie stamme aus einem kleinen Dorf namens Antopol, ein paar Stunden von Minsk, aber davon habe noch nie jemand gehört ,es sei nicht mal auf der Landkarte. Worauf die ältere Frau antwortet, sie komme aus Antopol.

In keiner der Erzählungen kommt dieser Ort, in dem es nach dem Krieg keine Juden mehr gab, direkt vor. Aber die Menschen in den Geschichten haben osteuropäisch-jüdische Wurzeln. Ihre Familien oder die Protagonisten selbst kommen aus Weißrussland, aus der Ukraine, aus der Tschechoslowakei, aus Russland und wurden von der Geschichte nach Israel oder in die USA gespült und suchen sie in dem neuen Land nach Halt und Glück.
Wie schwierig das ist, davon erzählen die Geschichten. Auf die unterschiedlichste Weise versuchen die Protagonisten ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und der Einsamkeit zu entgehen.

Da klammern sich in der ersten Erzählung des Bandes Die alte Welt zwei Menschen aneinander, weil der amerikanische Mann geschieden und die Frau noch gar nicht so lange Witwe ist. Sie heiraten überhastet und verbringen ihre Flitterwochen in Kiew. Dort stellt die Frau fest, dass sie sich getäuscht hat und den Mann nicht liebt.
Überhaupt kämpfen in den Erzählungen die Menschen verzweifelt, um Liebe zu ihren Frauen, Kindern oder Eltern, wobei die Ursachen des Scheiterns unterschiedlich sind. Molly Antopol erzählt mit psychologischen Blick und sehr feinfühlig, von den durchaus auch selbstsüchtigen Wünschen, die gute Beziehungen verhindern.
Da ist beispielsweise Tomás Novak, ein tschechischer Universitätsprofessor, der als Dissident in den USA anfänglich als Widerstandkämpfer gefeiert wird und sich so in seinem Ruhm gefällt, dass er seine Frau und seine Tochter vernachlässigt. Oder Talia aus Tel Aviv. Sie möchte unbedingt eine berühmte Reporterin werden und leidet darunter, dass ihre Eltern das nicht anerkennen.

Also war sie sofort abgereist, als sich die Gelegenheit ergab, in Kiew zu arbeiten. Wann kommst du zurück?, fragten ihre Eltern bei ihren wöchentlichen Anrufen; sie erklärten ihre Tochter für verrückt, weil sie ausgerechnet über die Stadt berichten wollte, die ihre Großeltern unter Aufbietung sämtlicher Kräfte verlassen hatten.

Als Talia sich endlich verliebt, trifft sie ausgerechnet auf einen Mann, der den Tod seiner Frau noch nicht überwunden hat. Dieser Mann hat eine pubertierende und aufsässige Tochter Gail und in dem erst schwierigen, dann immer vertrauter werdenden Verhältnis zwischen Talia und Gail zeigt Molly Antopol sehr zart die ähnliche Sehnsucht der beiden nach Nähe.

Von jungen Partisanen, die sich in den Wäldern rings um Antopol versteckt hielten, erzählt Molly Antopol in Meine Großmutter erzählt mir diese Geschichte. In diesem Zusammenhang geht sie in dem erwähnten Essay geht auf unterschiedliche Wahrnehmungen von geschichtlichen Ereignissen ein.

Ich war in den Vereinigten Staaten aufgewachsen und wusste kaum etwas über Partisanen. Aber in Israel existierte neben den Geschichten über Lager und Ghettos noch eine andere wesentliche Geschichte: die Heldengeschichte der wehrhaften Juden. Für die russischen und tschetschenischen Kinder , mit denen ich in einem Integrationszentrum für Einwanderer arbeitete, stellte der litauische Partisanenführer und Dichter Abba Kovner, der später in Israel lebte, ein nationales Heiligtum dar, während ich noch nie etwas gehört hatte von Tuvia und Zus Bielski, zwei der berühmtesten Partisanen, die in die Staaten ausgewandert waren.

Im Einwanderungsland USA haben viele Familien osteuropäische und jüdische Wurzeln, sind daher nicht unbedingt „unamerikanisch“. Der herrschenden amerikanischen Ideologie widersprechen allerdings die Helden der Erzählungen In Deckung und Der unbekannte Soldat. Hier nimmt uns Molly Antopol mit in die McCarthy-Zeit und erzählt von Ausschuss für unamerikanische Umtriebe.
Aber auch hier bilden die gesellschaftlichen Ereignisse nur den jeweiligen Hintergrund. Die Geschichten erzählen vielmehr von den Beziehungen der kommunistischen Väter zu ihren Kindern. Einer von ihnen, Alexi, hat nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis kein Geld, um eine Flasche Wein zu kaufen. Deshalb klaut sein Sohn Benny diese Weinflasche und die Szene, als er sie ihm gibt, ist eine der schönsten Stellen in dem Buch:

Benny sollte umkehren und die Flasche zurückgeben, er wollte seinem Sohn eine Lektion erteilen, solange er noch jung genug war, um auf ihn zu hören. Aber da trat Benny schon ins Freie, in den strahlend sonnigen Tag, zog die Flasche unter seinem Hemd hervor und drückte sie seinem Vater in den Arm: erschrocken, staunend, bereit für seine Liebe

Molly Antopol
Die Unamerikanischen
Übersetzt von Patricia Klobusiczky
Hanser
2015 · 320 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24771-0

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