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Kritik

Wurzelmuster und viele Bilder

Hamburg

In dem letzten gleichnamigen Gedicht ihres Lyrikbandes über malungen gibt Monika Littau einen Einblick in die Poetologie, die diesem Buch den Titel gab.

mein blatt papier
nie weiß und leer
bilder wachsen auf
alten Buchstaben

über malungen

feld der früh
gelesenen texte
hefe im wortmehl

Ihre Ausführungen lässt die Autorin in diesem letzten der insgesamt sieben Kapitel von Friederike Mayröcker ergänzen, die beschreibt, wie sie ein Bild so lange anschaut, bis es sich in ihrem Körper eingenistet hat und sie die dazugehörenden Wörter und Sätze nur noch auflesen und einsammeln muss.

Ich lasse mich auf das Bild lange ein, schreibt Friedericke Mayröcker und Monika Littau hat sich in drei Kapiteln über Künstlerinnen und einen Künstler nicht nur auf Bilder und Skulpturen eingelassen, sondern auch die Umstände thematisiert, unter denen sie entstanden sind.

Besonders gilt dies für das erste Kapitel und nüsse, in dem sie sich Bildenden Künstlerinnen lyrisch nähert. Da dabei die Zusammenhänge zwischen Kunst und Lebensumständen thematisiert werden, ist es hilfreich, dass diese in einem ausführlichen Anhang erläutert werden. In jedem dieser Gedichte konzentriert sich Monika Littau auf einen Aspekt, einen Lebensabschnitt der jeweiligen Künstlerin, so dass man sich auch ohne genaues Hintergrundwissen die Personen vorstellen kann, die Feinheiten aber den Erklärungen verdankt.

Verrät das Gedicht über Gabriele Münter durch die Zeilen

vielleicht hüllt der reiter sie noch
ins blau blau wie der berg

zwar ihre Nähe zum Blauen Reiter, aber dass mit den folgenden Zeilen Kandinsky gemeint ist, wusste ich nicht:

und sie fragt er verspricht
nach so vielen jahren
kommt aber nicht
kein brief und kein gar nichts

Monika Littau, die in allen Gedichten ihre Worte sparsam und doch treffend einsetzt, findet für jede Künstlerin sprachliche schöne Bilder. Joan Mitchell kratzt das leben in die farben und Marie Bracquemond, deren Mann ihr den Impressionismus verleidet hat, strich ihre

farbigen flächen für immer
für familie für porzellan.

Das Kapitel stein zeit beschäftigt sich mit dem Land-Art-Künstler Nils Udo und dessen Skulptur Stein Zeit Mensch im Rothaargebirge. Die Gedichte über dieses Werk (ein Quader aus acht Holzstämmen, in deren Mitte sich ein großer Quarz-Monolith von 150 t befindet), beschäftigen sich mit der Bedeutung der Natur für uns, und, laut Titel der Skulptur, mit Nachdenken über Zeit, über unsere Herkunft. Da gibt es ein meer von ablagerungen, landkartenflechten und die fichten bestreuen die wege mit flügeln. Das Naturdenkmal wird als Tempel gesehen, die acht Stämme sind wie die Unendlichkeit.

Ganz anders sind die Gedichte in dem Kapitel sixpack for Mary, die sich ebenfalls mit Kunstwerken beschäftigen, dieses Mal mit Bildern von Mary Heilmann. Im Unterschied zu den beiden bisher besprochenen Kapiteln sind hier die Bilder abgebildet. Mary Heilmann ist eine abstrakte Künstlerin aus New York. In einer Anmerkung schreibt Monika Littau, die Bilder hätten autobiografische Bezüge, belässt es aber bei dieser Bemerkung, mit Ausnahme eines Hinweises zu den Gedicht My Best Friend (1979), das sich auf in diesem Jahr verstorbene Freunde bezieht und in dem die Farbe Schwarz dominiert.

Ansonsten begegnet sie diesen Bildern eher spielerisch. Eines besteht aus roten Punkten auf hellem Hintergrund. Es heißt Rosebud 1983 und dabei fällt sicher nicht nur mir der berühmte Film von Orson Wells Citizen Kane ein, in dessen Schlussszene ein Schlitten als Symbol der Kindheit verbrannt wird:

die einschusslöcher im menschlichen
fleisch rot züngelt das feuer
erinnerung prasselt sie glüht.

Das Bild Rosetta Stone II (1978) besteht aus zwei Quadraten in den Farben, Blau, Gelb, und Braun. Farben, die gleichzeitig für die Werbung von Nordamerikas ersten aufgeschnitten Brot „Wonderbread“ verwendet wurden. Diese Farben rückt Monika Littau in den Mittelpunkt.

das gelb rückt mir nah das blau
weicht zurück der blick springt
vom sonnenlicht in einen tunnel

Obwohl die Gedichte in den übrigen Kapiteln eine Fülle verschiedener Themen enthalten, räumt Monika Littau der Natur und den damit verbundenen Bildern und Worten einen großen Raum ein. In moos und reisig beschreibt sie eine schlaflose Nacht (der sprecht hatte nachtschicht / wie ich), in der das lyrische Ich in die schwarzwaldfinsternis lauscht.

Ohrmuschel ich filtere
plankton aus der nacht

Den Begriff ohrmuschel greift sie wieder auf, es wird zu Muschelgeld, das klimpert und dessen Perlen noch wachsen müssen. Zahlreiche Wörter aus der Natur ließen sich aufzählen. Die Natur ist das Fenster, durch das das lyrische Ich auf die Welt blickt. Manchmal gibt es trübungen und am morgen verklebte augenfenster, aber letztlich hilft uns die Natur die Dinge richtig zu sehen. Wie in dem Gedicht als hättest du steine.

als hättest du steine im mund
nicht morgenkaffee und wendest
sie um und um du wendest den
kopf nach oben als nähmst du im wind
stillen Raum witterung auf
dann stehst du im garten den kopf
im nacken und folgst dem mächtigen
zeichen am himmel der eins aus trom
petenden tönen und weißt die
kraniche ließen die steine zurück
für einen gemeinsamen flug

Erwähnen möchte ich noch das Kapitel wurzelmuster, das sich von den übrigen unterscheidet, weil es autobiografische Züge zu haben scheint und wunderbare Zeilen über das Aufwachsen und über die Eltern enthält. Denn wurzelmuster sind

tätowiert auf die haut
ein strichcode aller eltern

Monika Littaus Gedichte seien schwierig, höllisch schwierig, schreibt Wolfgang Kubin in seinem Nachwort und fügt hinzu: Gottseidank. Dem würde ich widersprechen. Sicher, manche Gedichte erschließen sich einem nicht sofort. Um sie zu erfassen, wollen sie teilweise mehrmals gelesen werden und manche entziehen sich bewusst der Festlegung. Panta rhei lautet ein Kapitel, alles fließt und das könnte man auf Monika Littaus Gedichte beziehen. Sätze halten sich nicht an Zeilen, sind ohne Punkt, ohne Komma und ohne Trennungsstriche fortlaufend geschrieben, fügen Inhalte neu zusammen. Es ist eine ständige Suchbewegung in diesen Gedichten, rhythmisch unterstützt und unter Verwendung zahlreicher sprachlicher Mittel, die zu entdecken ein Vergnügen ist.

Monika Littau
über malungen.
6 Abb. von Mary Heilmann. Nachwort: Wolfgang Kubin
Edition Virgines
2016 · 92 Seiten · 14,00 Euro
ISBN:
978-3-944011-59-2

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