Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
x
Kritik

What it feels like to be quitt:

Hell, verwirrt - Monika Rincks neuer Gedichtband

„Perfekte Entkalkungslösung fürs Gehirn“, empfiehlt Denis Scheck in einer Buchhandlung im ARD. Und: „Die Gedichte von der Monika Rinck sind wahnsinnig schwer zu beschreiben...sie sind... einfach schön!“ Was soll man dem noch hinzufügen?
Versuchen wir es trotzdem mal.

Eigensinnig, zeitgeistig, dadaistisch, belesen.
Sprunghaft, poetisch, weich, komisch. 
Voller zuverlässig eingelassener Bremsen für eingespielte Reflexe.

„Helle Verwirrung“ heisst der neue Band. Als Doppelalbum im Schuber mit „Rinck's Ding und Tierleben“ erhältlich, einer Sammlung cartoonartig illustrierter Texte, die unter anderem eine Fülle vertrauter neben noch nie so gesehenen Tieren in überaus kreativer Weise präsentieren. Doch zunächst zu den Gedichten.

„Helle Verwirrung“ beginnt mit einem Liebesgedicht, lose und passenderweise an einem Flughafen, diesem Ort, der Sehnsucht, Abschied und Ankunft, Grenzenlosigkeit symbolisiert. Die Liebesgefühle der am Abfertigungsschalter Wartenden nähern sich bereits dem Taumel. Schliesslich strahlt selbst in der massenhaften, terrorprophylaktischen „durchleuchtung“ doch

„das herz durch die kleider, selbst durch die soft shell!...

....herz erreicht die grösse von terminal C, nähert
sich terminal B, überschlägt jetzt, über den schultern verschlungen,
die fluglotsen verwundert, hinaus, wie ist es möglich, es ist
durchsichtig, ich aber sehe es von innen und aussen, irre!
wie es die passagiere umgibt, eine wolkige hülle, es hält
mich umfasst und verlassen, um alle zu lieben, es kommt
zurück, wo ich inzwischen zwölf meter über dem boden liege...“

Will die Leserin der Verzückung dieser frisch durchleuchteten, manisch verliebten Herzen
nicht so einfach folgen, so liegt dies an der verlässlichen Ironie und bitterbösen Wachheit, mit der vorher schon registriert wurde

„es fällt alles runter, zettel? ja, zettel“

Hell verwirrt, Welt noch da. Wer für seinen eigenen Überschwang noch ein staunendes  „irre!“ übrig hat, kann auch angesichts

„dieser riesigen liebe eines hirschhohen hockers auf stelzen“

der drohenden Besinnungslosigkeit nicht ganz und gar verfallen sein. Und richtig, da kommt es auch schon. Im nächsten Kapitel, und zwar knüppeldick:

„und quittier mich nicht, nein, es braucht sich vergessen,
so wie asbest in diesen wänden irgendwie mitverbaut ist,
weiss schliesslich auch keiner mehr, wo oder wer das mal war“.

...
„und bliebest du nicht, ich hielte dich nicht, ich sicherlich
hundertfach nicht, quitte, dein licht, dein quittengesicht.“

Das nachfolgende Kapitel „Der Quitte wegen“ durchzieht entsprechend Melancholisches, Bitteres, das Verlassen/ Werden, das ja zumindest als Wort, (to) quit, quittieren, quitt, schon in jeder Quitte steckt. Es geht aber auch um andere Erscheinungs-und Verwendungsmöglichkeiten der Quitte (beispielsweise als stilleben oder verjährtes gericht), die wiederum zu verschiedensten An – und Einsichten führen.

Die Stilmittel: Oft kurze Erzählungen voller Gegenwart, die sich sofort nach mehreren Seiten hin auflösen, Assoziationen, Verfremdungen, Sprachspielen, manchmal Slapstick, nachgehen, dies alles Äusserungen eines wachen, fast: nervösen, akademisch und ironisch geübten Bewusstseins. Das aus Geschichten und Bildern immer neue Funken schlägt, sie in immer neue Rahmen und Fragen (ver)kleidet. Und sich trotzdem fragen muss:

„es ist alles da, das vergessen ist da, das vergessene auch,
nur ich muss, scheints, immerzu das ding hier drin reguliern,
wo einer regiert, der sich selbst nicht mehr kennt, indes/ pupille vertraut“

Gerade in der durch Ironie nicht mehr zu bewältigenden „Verwirrung“, wie sie auch als Buchtitel  voransteht, nehmen sich die Texte eines Lebensgefühls an,  durchreflektiert, ironisch gehärtet und doch – vielleicht gerade deswegen -  unruhig und zerbrechlich. Wer den Vorgängerband „Vom Fernbleiben der Umarmung“ (ausgezeichnet mit dem Ernst-Meister-Preis 2008) kennt, der wird  - jedenfalls ging es mir so – eine neue Schärfe in manchen Texten wahrnehmen wollen, eine veränderte emotionale Präsenz. Melancholie. Das liegt nicht nur am Thema des Zyklus „Der Quitte wegen“, der, wie gesagt, Verlassenheitsgefühlen (neben zahlreichen, nie gehörten Zubereitungs – und  Eignungsformen der Quitte) einen Raum gibt.

Der spätere Zyklus „Erschöpfte Konzepte“ enthält Gedichte wie „Diese und andere Fragen“ oder „Wem das Auge tränt“ , die einer subtilen gewaltsamen Unterströmung nachgehen und sich damit auseinandersetzen.

„ich nenne dies gewalt im gewand von schwäche, ab jetzt
will ich alles zurück und wenn einer in meinen augen
etwas andres sieht als verachtung, dann täuscht er sich“

Verletzbares und Verletzung, das kann auch in noch soviel Verwirrung nicht untergehen.
Und dazu beziehen die Texte Position. Vielleicht ist es zuviel, eine  Rücknahme von „coolness“ zu konstatieren. Mich haben viele der in diesem Band versammelten Texte anders, stärker, direkter, berührt und provoziert als mancher Text aus dem  - geschätzten - Vorgängerband.
Etwas weicher, sanfter im Ton ist dann das Kapitel „Gemütslagen des Laubs“, das mit den Dimensionen Innen/Aussen spielt. Ja, und es gibt immer wieder auch komische Texte, in denen Bitteres hinter Witzigem zurücktritt, etwa: „Das Bewusstsein macht Besorgungen, es ist sicher bald zurück“.

Wer gerne die absurde und ausgesuchte Komik mag, kommt in „Rincks Ding-& Tierleben“ auf seine Kosten, dem zweiten Teil des „Doppelalbums“, in dem neben vielen illustrierten Gedanken und Cartoons und Tieren unter anderem ein echter Mailserver porträtiert wird: Ein  angriffslustiges, also übergriffiges Ding.... jetzt weiss ich, wieso das gar nicht funktionieren kann mit dem innig-distanzierten Kontakt auf elektronischem Weg. Schnell, ein Taxi, bitte, „für mich und meinen haubentaucher“... Trotz oder wegen des hohen Unterhaltungs – und Herumzeigewertes: Eine gute Idee, aus diesen beiden Aspekten künstlerischer Arbeit zwei Bücher zu machen. Nicht nur wegen der vielen Tiere. Auch Formen und Stimmungen kommen sich auf diese Weise nicht so schnell ins Gehege.

Monika Rinck
Helle Verwirrung
Rincks Ding und Tierleben
Illustration: Andreas Töpfer
Kookbooks
2009 · 128 Seiten · 24,90 Euro
ISBN:
978-3-937445373

Fixpoetry 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge