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Kritik

Risiko und sichere Seite

Bausteine einer zeitkritischen Poetik
Hamburg

Idiot, Idiotisch, Cusanus, nicht? Idiot als Nicht-Theologe, der Nicht-Wissenschaftliche Verstand. Daran erinnerte mich das, der Idiot als Sprecher, de sapientia, „Über die Weisheit“, ein platonesker Dialog über die Dinge, die auch in De conjecturies stehen. Mutmaßungen, auf Deutsch, meine Studentensünden. Wir wissen nicht, was Gott sein soll, können uns nur klarmachen, dass das Reden über so ein Objekt zur Sache selbst nicht passen kann.

Falsche literarische Sozialisation, Frau Rinck hat andere Bücher gelesen, zitiert keinen Cusanus, keinen Nitzsche (erwähnt sie nur), keinen Novalis, obwohl sie am Ende mit dem ‚Encore‘ für mein Gefühl eine wundervolle Exegese von dessen Notiz ‚Was soll Echo sagen, die bloß Stimme ist?‘ verfasst. Es lebe die Einheit des Geistes.

Genug des in die Brust Werfens, kommen wir zur Sache. Oder waren wir schon da?

Was ist Echo, was ist Stimme in der Dichtung? Und wat is ne Dampfmaschin’? Frau Rinck sagt, da stell’n wa uns mal janz dumm und schlüpfen in den Mantel des Laien, des Landmanns, vulgo Idioten. Usurpieren ihn als Sprechinstanz, mal als dritte Person, mal als Doofie, mal als „gesunden“ Menschenverstand, in Sentenzen wie:

„Und doch: die eigenen Idiosynkrasien gegen sich smart gebende Funktionalisierungen in konsumistischen Abläufen, gegen das Geballer der Vorschläge aus  den Kommunikationsapparaturen auszuspielen - das erscheint dem Idioten nach wie vor verlockend. Der Dichter stellt sich dies zudem sehr komisch vor, sonnig und albern, eine frohe Rangelei mit großen Augen.“ (S. 25)

Das ist eine ziemlich beliebig herausgegriffene Stelle, so klingt vieles in dem Buch und mich als Leser beschlich schon früh der Verdacht, dass das Schreiben so eines Buches, launiges Bearbeiten und Zusammenfügen gelungener Notate für verschiedene Zwecke, dass das mehr Spaß gemacht haben könnte, als es nun im Nachhinein, als Zuspätgekommener, zu lesen.
 
Jedenfalls: das mit Streitschrift ist Mumpitz, ein Marketing-Gag. Eher könnte man es untertiteln ‚Rinck und wie sie die Welt sieht‘ oder auch ‚Bausteine einer zeitkritischen Poetik‘, je nach Wohlwollen. 

Die Lesbarkeit ist des Textes ist (sofern man es nicht als ‚Schönwörter an weißem Rauschen‘ goutiert), trotz des höflich-jovialen Tons - man wird als Leser Ge-Siezt, das hebt - in vielen Teilen bescheiden: ein Germanistik-Studium oder vergleichbares Bildungsniveau ist sicherlich hilfreich, desgleichen Anteilnahme am Diskurs über Poetiken, obwohl dieser nur als Hintergrund-Folie vorausgesetzt und selten artikuliert wird. Stelle ich mir allerdings einen Leser vor, der das Werk vor sanft literarisch-lasierter Denis-Scheck Rauhfaser liest - er dürfte stellenweise nur am Fehlen von Wörtern wie Bosonen, Fermionen und asymmetrische Tensor-Räume merken, dass es nicht um die altbekannte Quantenfeldtheorie geht. 

Ein Buch also innerhalb der Literaten-Szene, zwar keine Lieder oben vom Elfenbeinturm, sondern fröhliche Spiele - kuckt doch, wir haben eine Wiese unten um unseren Turm - aber doch nie mehr als zwei Armlängen von ihm entfernt. Primär für die Literaten-Elite, die Avantgarde (alles Begriffe, die Rinck meidet wie der Teufel das Weihwasser) und das zugehörige Germanisten-Biotop, der Rest der Welt wird schnell realisieren, dass er mit den meisten der Texte nicht gemeint ist. 

„(…) dichterische Sprache als eine Form der offenen Verschlüsselung, die von denen, die gemeint sind oder sich gemeint vorkommen, oder einfacher: von denen, die sie lesen können, auch gelesen werden kann. Für die anderen stellt es gar keinen Verlust dar, das nicht lesen zu wollen, was sie ohnehin nicht lesen können. Wer versteht, der versteht.“ (soziale Poetik und asoziale Poetik, S. 163)

Das ist das kaltschnäuzige Gegenstück zum erstaunlich drögen Lamento am Eingang des Buches: 

„In einem Land, in dem die Freiheit des Wortes weitgehend gegeben ist … Das Risiko besteht nicht in Verfolgung, sondern darin, ungelesen oder missverstanden zu bleiben und darüber bitter zu werden, sprachlich zu vereinsamen, in einer nicht mehr länger ansprechbaren Welt.“ (S. 10)

Auch innerhalb der symbiotischen community: dem Streit entzieht sich die lose Folge von Aufsätzen schon stilistisch. „Herrschaftsfreier Dialog“, so das Schlagwort aus dem Vorwort, das bedeutet vor allem den Verzicht des Idioten auf argumentative Ketten, das sorgsame Verstecken vor jeder Form von Angreifbarkeit durch ein assoziatives Planschen im Teich all des Gelesenen, Be- und Durchdachten.

Und dazwischen immer wieder elend hübsche Miniaturen, die doch den vielen, vielen geScheckten da draußen wirklich Appetit auf moderne, auch auf avantgardistische Lyrik machen könnten. Wunderbar aufbereitet, sprachlich auf den Punkt gebrachte Kunstfertigkeit und dann kaum findbar versteckt zwischen Diskurs-Akrobatischen Etüden, Elaboraten zu Freudschen Leistungen und überwiegende lobenden Anmerkungen zu Rinckschen Lektüren, etwa von Paulus Böhmer oder der Lavant.

Ein eigentümliches Irrlichterieren zwischen Sprechhaltungen, Bildungsniveaus, Ansprüchen, ein Versuch, den Shandyismus in die Essayistik zu transplantieren (Mister Tristram Shandy, Gentleman, ein erstaunliches Buch von Laurence Sterne aus dem 18 Jh, frühes Lobfeuer auf die ungebremste Assoziationsfreude, beziehungsweise Hymne auf die Einheit des Geistes, die sich bewahrt, unabhängig von den Landschaften, durch die er immer spazieren mag), Shandy’s Jenny in ihrer deutschen Metamorphose (als Jean Paul) darf neben dem Idioten dem Rinckschen Echo die Stimme leihen.

Kann das klappen? Die Sache mit dem Idioten? 

„Ja, der Wunsch besteht darin, dass dessen Stumpfheit sich allen systemischen Ansätzen gegenüber als überlegen herausstellen möge, dass aus dem Gedankenlosen das komme, woran noch keiner gedacht hat und was in seiner abgründigen Einfachheit frappiert. Die Grenzen zur Weisheit fallen.“ (Vorwort)

Ich sage jetzt einfach nein. Als Rezensent darf man auch mal Stellung beziehen. Erstens ist das Pferd der ‚systemischen Ansätze’ nun wirklich totgeschunden und zweitens sind die Dinge, die Rinck vorbringt, viel zu durchdacht und reflektiert, als dass das Vorbinden der roten Nase mit Schnurrbart die Leser in dieser Konstellation täuschen könnte. Es ist viel eher eine Eigenschaft der Gedanken und des Gedankenreichtums, dass sie zu neuem fähig sind, neue Bindungen eingehen, als eine des Gedankenlosen oder der, wenn auch halb spassig zitierten, Stumpfheit. Jedenfalls, wenn man die Gedanken von der Kette lässt.

Was schade ist: denn die andere Idee des Buches: über Poetik und Sprache in zugänglicher Form zu sprechen, darüber, was die Normale Sprache so an sich hat, langweiliges, ätzendes, gewalttätiges, ja kriminelles, dass es reizvoll (und sogar nötig) sein könnte, mit der poetischen Sprache eine zweite Seite zu haben, die zu pflegen ist, an der man und frau sich freuen kann, mit Gedichten neu das Denken zu lernen: das wäre ein Buch für sich geworden, eine Idee, die dem Werk, respektive einigen der Texte, aus denen das Buch gebacken wurde, mit Sicherheit vor dem Einzug der resignativen Selbstbeschränkung einmal zu Grunde lag, eine Idee, der der „Idiot“ und das sprachliche Gefunkel des Essays sehr gute Dienste geleistet hätte. 

Ach, was für ein nettes Buch wäre das geworden.

Aber der echte Idiot, der das aktuelle Buch nun liest, mit all dem lit-Fett, das es angesetzt hat, der möchte aufmucken und sagen „ach, Frau Rinck, habilitier dich doch nicht so. All die Fußnoten und Reminiszenzen an vergangene Diskurse - der Akademiker-Slang unter der verspielten Oberfläche, muss das sein? Beginnt substanzielles Reden über neue Sprache erst jenseits der latinisierten Selbstschußanlagen um die heiligen Gärten der Geisteswissenschaft?“

Der Gang durch die Rabatten trifft wahrscheinlich bei vielen anderen den Humor-Nerv besser als den meinen, für mich blieb vor allem der Eindruck zurück, dass das Buch ins Leere zielt, weil sich jemand, Verlag oder Autorin, vor der Entscheidung gedrückt hat, für wen er denn zu schreiben gedenke? Die Freunde der Avantgarde, für die das denn doch nur eine sehr schön formulierte Selbstbestätigung ist? Oder für ein Literatur-Interessiertes Publikum, das seine Irritationen bei halbwegs moderner Literatur aufhellen möchte?

Nicht Fisch, nicht Fleisch, hmm, müssen wir das angesammelte Material jetzt mühsam auseinander-klamüsern? Den Rücken krumm machen, Fremdwörter streichen, ausdünnen, uns zum Leser beugen? Würden eine Absicht, ein Denken an Adressaten die Ideen nicht zu Formfleisch machen, gar belehrend wirken? Also, nehmen wir’s wie es ist, Fisch-Fleisch gemischt in kleinen Dosen, das neue Ragout im Regal. Wofüa sind wa Künstla? 

Nun ja, soviel wollte ich gar nicht mosern und streiten; ein Publikumsbuch will sie vielleicht nicht schreiben. Was ich persönlich schade finde, trotz der Problemchen, die ich am Horizont sähe: das wäre eine echte Streitschrift geworden. Rincks in Prosa gibts anscheinend nur All-Inclusive, Ideenreich und mit dem bunt-geblümtem Bildungskleid, das nun mal dran ist.

Monika Rinck
Risiko und Idiotie
Streitschriften
Umschlag gestaltet von Andreas Töpfer
KOOKbooks
2015 · 272 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
9783937445687

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