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Kritik

Selig die Lyrikerinnen!

Hamburg

Der mystischen Wegzehrung sammelte Monika Rinck mit den Honigprotokollen schon weidlich, jetzt wird allmählich sichtbar, dass ihre Wege zielstrebig darauf gerichtet sind, den Stuhl Petri von rückwärts zu erobern. Schwester Benedikta hat nämlich offenbart, dass sie unserem bayerisch-römischen abgedankten Bauernbub nicht nur theologisch das Süppchen reichen kann (wie die Leser ihres vergnüglichen Essays in der aktuellen ‚Edit‘ über Albernheit in den letzten Dingen, eben der Poesie, bestätigen können, die sie lobt, so wie Nietzsche den Aberglauben gegen die Theologie lobte – er ‚macht die Menschen schöner‘), sondern dass auch jeder sancta subito Ruf mit dem hierfür nötigen Wunder bedient werden kann: sie hat die zu klampen - ich glaube anno 2007 - eingegangene feine Lyrikreihe wie Lazarus von den Toten auferweckt, wer weiß, vielleicht freuen die Verleger sich jetzt schon händereibend nach dem langen Entzug auf unverlangt eingesandte Manuskripte. Jedenfalls erschien im Februar mit den ‚Verzückten Distanzen‘ ein Büchlein, das länger vergriffen war und jetzt statt der satten Kohle, die kooks für den Honig haben will, für einen günstigen Huchelpreis erwerbbar ist.

2004 war das Werk erschienen, doch auch da schon fuhr Meisterin Rinck mit gebotenem Ernst und nötiger Albernheit ‚schnittig in den kurven und aufrecht in den pausen, // denn das war nur das training gewesen: aha. aha.‘ Wenn es doch nur gelänge, jeden dritten Deutschlehrer, z. B. mittels Anwendung physischer Gewalt, in dieses Lyrikvelodrom, will sagen zur Verwendung derartiger Büchlein im Schulunterricht zu zwingen, das ginge, denn es ist ein Brückenbuch, gut genug, um pubertierende Junge auf ihren entfernten Planeten zu verzücken und albern genug, um ihnen nicht die Ausrede der Entmutigung zu geben. Die Jungen fänden Sand an den Lippen, der beim Fernseh-gerechten Küssen höllisch stört und der pädagogische Fleiß fände als Trost für manchen Unglimpf prüfungsrelevante Stilmittel in Fülle, ein handgreiflicher Beweis gegen die Annahme der ministeriale Pädagogik, die, wie der ein oder andere Lehrplan zeigt, anzunehmen scheint, dass die Bachmann die deutschsprachige Dichtung mit ins römische Grab genommen hätte.

Der Anfang ist gemacht, die Bewegung kann musikalisch untermalt voranschreiten. Wir schicken ein Exemplar ins ferne Rom und rufen unsern trüben Greis verzückt ans Bachmannsche Grab: erheitre dich, Benedikt, zu Klampen! und sing mit uns „Wir wollen eine Päpstin!“

Monika Rinck
Verzückte Distanzen
zu Klampen
2013 · 48 Seiten · 9,00 Euro
ISBN:
9783866741829

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