Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Anzeige
Gertrud Kolmar Preisverleihung
x
Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

Die Furcht vor etwas Schlimmerem als dem Tod

Mordechai Striglers Bericht aus dem Todeslager Majdanek liegt erstmals in deutscher Sprache vor
Hamburg

Mordechai Striglers Leidensweg führte ihn durch zwölf verschiedene Nazi-Lager, bis er im Frühjahr 1945 in Buchenwald befreit wurde. Nach dem Krieg lebte er zunächst in Paris, seit den 1950er Jahren in New York, wo er 1998 starb. Dort arbeitete er als Journalist und Redakteur zahlreicher jüdischer Tages- und Wochenzeitungen. Darüber hinaus war er Romanautor, Essayist, politischer Kommentator, Kulturhistoriker und rabbinischer Gelehrter. In seinem konzisen Vorwort geht Yechiel Szeintuch auf die unterschiedlichen Stationen im Leben des Mordechai Strigler ein.  

Im Konzentrationslager Majdanek, außerhalb Lublins im Osten Polens gelegen, verbrachte Strigler lediglich einige Wochen, vermutlich sieben – exakt lässt sich dies auf Grundlage seiner Aufzeichnungen nicht rekonstruieren. Seinen Erfahrungsbericht über diese Zeit begann er kurz nach seiner Befreiung aus dem KL Buchenwald niederzuschreiben, im Sommer oder Herbst 1945. Es sollte sein erstes Buch werden, zahlreiche weitere folgten.

Strigler war zeitlebens der Überzeugung, dass das Böse des Nationalsozialismus und seiner Schreckensherrschaft über Europa nur durch eine realistische, kleinteilige Beschreibung angemessen erfasst werden könne. Das bedeutete für ihn, die Dinge, die er erlebt hat, so objektiv wie möglich darzulegen. Die pauschale Festlegung kollektiver Opfer- und Tätergruppen mied er; sein Schreiben über die Schoah, so Strigler in seiner Einleitung zu Majdanek, solle frei sein von jeglicher Mythologisierung oder Idealisierung der Opfer. Im Zentrum könne nur der einzelne Mensch stehen. Denn gerade „in dem typisch Menschlichen, in dem Alltäglichen“ erkennt Strigler „das Heroische im Opfertod eines Volkes, das als Menschen zur Schlachtung ging“. 

Majdanek war kein „normales Tötungslager“; sondern etwas, das „noch mehr war als Tod, noch mehr als Folter“. Nach Majdanek, darin waren sich die Häftlinge in den anderen Lagern einig, würde man sich nicht lebendig bringen lassen. Aber was blieb einem anderes übrig, als an den Ort zu gehen, der schlimmer war als der schlimmste Tod – mit dem sich die meisten in Gedanken ohnehin längst abgefunden hatten?

Präzise und nüchtern schildert Strigler die Strukturen und Abläufe in Majdanek. Die deutsche Lagerführung stand an der Spitze dieses Konstrukts, dessen einziges Ziel das Töten einer größtmöglichen Zahl von Menschen war. „Der ganze teuflische Vernichtungsprozess der Deutschen bestand praktisch darin, dass sie ein ganzes Netzwerk von ‚Herren‘ und ‚Befehlshabern‘ der verschiedensten Kategorien errichteten.“ Der gewöhnliche Barackenbewohner war dem hilflos ausgeliefert. Denn, so Strigler weiter, „Töten konnte jeder, der wollte, ohne Frage und ohne Urteil“. 

Das erfuhr Strigler bereits in seiner ersten Nacht in Majdanek. Als der Lagerälteste – meist ein Tscheche oder Slowake, wie man an anderer Stelle erfährt – mit seinen Gehilfen in die Baracke der jüdischen Häftlinge kam und 13 von Ihnen kaltblütig mit einem Lederriemen erdrosselte. Beim Appell am nächsten Morgen wird der jüdische Blockälteste dafür zur Verantwortung gezogen („Bringst Du sie etwa selber um, um unser Ansehen in der Welt anzuschwärzen?“). Und der Lagerarzt erstellt ein feinsäuberliches Protokoll, demnach alle 13 eines natürliches Todes gestorben seien. Denn im Lager, so Strigler, stirbt man nur von selbst. „Der Tod im KL ist natürlich!“      

Wer überleben wollte, der musste nicht nur die „Neunzehner“ Baracke meiden, die direkt ins Gas führte. Sondern auch den Lageralltag penibel arrangieren. Dazu bedurfte es „Spezialisten“ unter den Häftlingen, die mit versteckten Wertgegenständen oder Teilen der ohnehin minimalen Essensrationen bezahlt werden mussten. Diese übernahmen dann das „ordnungsgemäße“ Anrichten der Betten – wer sein Bett nicht machen konnte, „wie es sich gehört“, fand sich zerschlagen in der Ecke wieder –, oder sorgten bei der Arbeitszuteilung dafür, dass man nicht sofort totgeschlagen wurde. Den Deutschen war dieses feinmaschige Netz an brutaler Unterdrückung und ausufernder Gewalt unter den Gefangenen hinlänglich bekannt; einen Grund, es zu unterbinden, sahen sie nicht.

Als die schlimmsten Sadisten erwiesen sich ausgerechnet die, von denen es Strigler am wenigsten erwartet hatte: die politischen Häftlinge, erkennbar am roten Winkel auf der Kleidung. „Man wollte glauben, dass die, die aus politischen Gründen eingesperrt waren, Gegner des Hitlerismus und folglich auch Gegner von Mord und Bestialität seien“, schreibt er. Doch war das ein Trugschluss. Die brutalsten Kapos bis hin zu den zynischen Herren über Leben und Tod am Eingang der Gaskammer waren „Politische“. Sie alle, so Strigler, seien über die vielen Jahre in den Lagern dermaßen abgestumpft, dass sie längst vergessen hätten, wie „die Freiheit und ein menschliches Leben“ aussehe.

Striglers mikroskopischer Fokus führt bedrückend-eindrucksvoll das Konkrete im nationalsozialistischen Lageralltag vor Augen; und legt damit nicht zuletzt auch ein Stück weit die Gefühls- und Gedankenwelt der Insassen offen. Gerade weil es angesichts der Dimension der Barbarei keines Urteils mehr bedarf, verzichtet Strigler darauf. Stattdessen schildert er die menschlich-unmenschliche Dimension der nationalsozialistischen Lagerwirklichkeit in einer Intensität, die über das hinausgeht, was in der geschichtswissenschaftlichen Literatur zu diesem Thema nachzulesen ist. Damit steht Strigler in einer Reihe mit Namen wie Imre Kertész, Primo Levi, Paul Celan und Tadeus Borowski. 

Mordechai Strigler · Frank Beer (Hg.)
Majdanek
Ein früher Zeitzeugenbericht vom Todeslager
Aus dem Jiddischen von Sigrid Beisel. Mit einem Vorwort von Yechiel Szeintuch
zuKlampen
2016 · 228 Seiten · 24,00 Euro
ISBN:
9783866745278

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge