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Wortschau, Veranstaltung Marburg
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Wortschau, Veranstaltung Marburg
Kritik

vor den worten kommt der tag ans licht

Hamburg

wohnung nr. 5

[...] habe keine worte für uns nur viel mehr
und dass es keine schneckenhäuser gibt

ist das beste was uns passieren kann
elf minuten entfernt vom sonnenbrand [...]

Vielversprechend ist nicht alleine der Titel dezimierung der einmachgläser des Gedichtbandes von Myriam Keil, auch viele der Gedichttitel erwecken Neugierde und Vorfreude: sonderzug nach ansichtssache, vermerk eines privatpatienten, aus dem gleichgewicht geratene spinnen, von der hundehütte zum fernsehturm, schließlich asteroiden, sicherung der nämlichkeit, und viele mehr.. Und diese Vorfreude ist auch voll und ganz gerechtfertigt. Denn von Myriam Keil und ihrer dezimierung der einmachgläser darf man durchaus Unerwartetes erwarten. Sie zeigt sich sprachgewandt und beweist sehr viel Witz. Ohne gezwungen zu wirken finden sich ganz nebenbei immer wieder sehr überraschende Wendungen und Worte in ihren Gedichten, wie beispielsweise der „wackeldackel“ im Gedicht selbstähnlichkeit:

[...] im unkontrollierbaren
nicken des wackeldackels sehe ich was du

nicht siehst wenn ich dir erzählen will wieso
der moment nicht das ist wofür du ihn hältst
niemals wirst du ihn halten können ganz

wie dein im wasser bruchstückhaft gespiegeltes
gesicht das leichtfüßig den ort wechselt noch
ehe du bemerken konntest wer du wirklich bist

die gedichte von myriam keil sind durchgehend in kleinbuchstaben geschrieben dies gilt auch für die überschriften und selbstverständlich auch für den titel des gedichtbandes dezimierung der einmachgläser einige der gedichte verzichten gänzlich auf satzzeichen wenn weder punkt noch beistrich eingesetzt werden führt das dazu dass die einzelnen sätze ineindanderfließen verstärkt wird dieser effekt auch dadurch dass oft das erste wort eines neuen satzes noch in der zeile davor steht sucht man also nach dem einen festen punkt der für gewöhnlich das ende eines satzes und damit zugleich den beginn des nächsten markiert so sucht man gelegentlich umsonst oder mitunter auch nur ewig

nordnordwest

diese grenzwertigen sender auf dem meer
funken den weg des geringsten widerstandes
über die reling der blick auf grünes wogen
zerschnitten vom bug die augen starten
die verfolgung eines stückes treibgut

von drinnen das klirren aus besteckgewirr
und gespültem porzellan ein altes lieblingslied
unter gischtbeimengung verfremdet dahinter
leichte übelkeit bei windstärke 5 und ewiges
suchen nach dem einen festen punkt

Der Gedichtband ist in vier Kapitel unterteilt: frühstücksgäste, haltbarkeitsdatum, geschlossene supermärkte und spannungsrisse. Einige im gesamten Gedichtband sehr präsente Themenkomplexe sind Liebe und die Zerbrechlichkeit von Beziehungen, Krankheit (Krankenhausaufenthalte, Infusionen, etc.) und Traum, Schlaf oder Albtraum. Gerade im ersten Teil finden sich viele Gedichte, welche man durchaus als Liebesgedichte bezeichnen kann, wenn auch zugegebener Maßen recht unkonventionelle:

hinter türen

[...] und ich möchte

unseren stunden einen raum geben
in dem immer licht ist

wie in einem kühlschrank dieses licht
an das wir selbst dann noch glauben
wenn es beim schließen der tür erlischt [...]

Manche ihrer Gedichte könnte man aber auch fast schon der Kategorie „anti-Liebesgedichte“ zuordnen:

niemand wollte dich finden, am wenigsten
ich. […]

Dass Liebesgedichte sehr leicht ins Klischeehafte und Kitschbeladene kippen können ist Myriam Keil bewusst und sie thematisiert dieses Problem auch sehr humorvoll in einem ihrer Gedichte:

vielleicht ist es glück

[...] vielleicht ist es glück, wenn ich mehr
als alles andere verlernen möchte, ein liebesgedicht
zu schreiben, als müssten worte mich nicht länger
ins morgen retten, weil ich ohnehin dort ankomme
mit dir, sprachlos im letzten kapitel, als heldin

Nicht nur ein mögliches Happy-End, auch die Zerbrechlichkeit von Beziehungen kommt zur Sprache:

[...] wenn ich meinen kaffeebecher
mit dem brotkorb verwechsle so etwas passiert
mitunter am rand der abendnachrichten
während ich an dich denke deine stimme
in meinem ohr zum leben erwecke vielleicht
auch völlig neu erschaffe wie dein lächeln und
dein längst schon falsch erinnertes gesicht

Die Gedichte von Myriam Keil sind fest verankert im Alltäglichen und im Hier und Jetzt. Immer wieder nehmen sie Bezug auf aktuelle Geschehnisse. Politisch z.B. auf den G8-Gipfel oder die EU und allgemeiner auf das Ende der Glühbirne oder die Möglichkeit bei ebay einen Schreibtisch zu verkaufen.

Myriam Keil gibt dem Alltäglichen viel Raum in ihren Gedichten. Sie schreibt keine weltferne Lyrik, sondern Gedichte, die sich vorwiegend um Menschen und Menschliches drehen:

archivbild III

neue räume fordern klingel
schilder und briefkästen
mit den namen dieser und
jener person die man einmal
ansprechen wird neulich
sagt man und haben sie schon
gehört im hausflur immer
dieser kinderwagen aber die
fahrräder sind noch schlimmer
und stellen sie sich mal vor

Sehr oft gibt es in ihren Gedichten ein „du“ oder „wir“. Dass manchmal das „du“ wichtiger ist, als das „ich“ lässt sich sehr schön im folgenden Ausschnitt zeigen. Auf den ersten Blick überwiegt hier das „ich“, doch es handelt sich dabei nur um eine direkte Rede des „du“:

[…] das streulicht der radioanzeige
quillt am tisch vorbei ich habe nicht
sagst du ich habe wirklich nicht gewusst
wie es sich tanzen könnte ohne schuhe […]

Viele der Gedichte halten Augenblicke und Momentaufnahmen fest (passender Weise lautet der Titel eines Gedichtes auch momentaufnahme), und konservieren sie gleichsam als ob sie in den titelgebenden „einmachgläsern“ eingekocht worden wären:

dezimierung der einmachgläser

du kennst diese orte, vor dem herd
das warten auf vergessene zutaten,
töpfe im blick, rezepte verlernt.
einkaufsnetze führen keine früchte,
vom traum bleibt wenig mehr als
improvisation und aufgewärmtes.
[...]

Nach der Lektüre von dezimierung der einmachgläser traut man Myriam Keil ohne weiteres zu, dass sie über alles ein Gedicht schreiben könnte, wenn sie nur wollte. Es ist beinahe als ob alles, was sie in ihren Blick fasst, sich sogleich in Poesie verwandelt. So schreibt sie beispielsweise mit großer Leichtigkeit ein dreiteiliges Gedicht über eine Aufzugsfahrt hinauf in den dreiunddreißigsten Stock. Gerade wenn eigentlich nichts zu sehen ist, sieht Myriam Keil noch genauer hin und zaubert daraus Poesie:

[…] im grellen oberlicht
fängt sich der tanz
inhaftierter schwebeteilchen […]

Selbst Möbel, die einfach nur im Raum stehen, macht Myriam Keil zu etwas ganz Besonderem:

die räume stehen lautlos
wachsen tische in den boden
im teppichmeer versenken
schränke ihre hufe […]

Orte und Bewegung spielen eine wichtige Rolle in vielen der Gedichte. Die zwei wichtigsten Verortungen sind einerseits Stadt und andererseits Meer. Es könnte sich auch um eine Stadt am Meer handeln, aber beides wird in den Gedichten voneinander getrennt behandelt. Entweder der Schauplatz ist eine Stadt mit all ihren Attributen und Eigenschaften, oder es tauchen Meer, Sand, Dünen und Möwen auf. Es ist allerdings nicht so, dass ihre Gedichte ausschließlich in der Stadt oder am Meer angesiedelt sind. Wenn dies auch auf den Großteil der Gedichte zutrifft, so gibt es doch Ausnahmen wie z.B. ein Gedicht über eine Wanderung.

Sehr oft treten Räume und Gegenstände ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Dabei sind sie weit mehr als bloßer Hintergrund.

im flur der gummibaum, das stolpern
über was niemand braucht, […]

Die Idee eines geschlossenen Raums an sich scheint in einer Aufzugskabine verwirklicht zu sein. Gelegentlich wird auch der Blick von innen durchs Fenster hinaus auf die Landschaft gelenkt oder von der Straße auf fremde Hauswände.

Bei Bewegung geht es meist um Bewegung an sich. Im Aufzug wird hinauf und hinunter gefahren, im Bauch eines Schiffes wird zu einem unbekannten Ziel übergesetzt, die Wohnorte und damit die Städte werden gewechselt, Reisen unternommen, Fenster werden passiert oder es wird die falsche Richtung auf einer Rolltreppe eingeschlagen:

[…] auf der rolltreppe
die falsche richtung nehmen, immer
gegen die gesichter, gegen den zorn. […]

Die Frage nach der Zeit ist nicht so eindeutig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Zunächst hatte ich den Eindruck, dass Zeit im Vergleich zu Räumlichkeit und Bewegung eine untergeordnete Rolle spielen würde. Denn selbst das zeitliche Zurückerinnern an die eigene Kindheit oder Jugend ist in den Gedichten immer auch an ein räumliches Zurückgehen gebunden:

du füllst den kiesweg im garten
mit dem erinnern eines kindes, nur langsam
geht es vorwärts, die schritte mit bedacht
gesetzt, […]

Als ob die Uhren nicht nur in einem der Gedichte, sondern für den gesamten Gedichtband abgelegt worden wären:

[…]wir legten die uhren ab
und schätzten mehr als die zeit. […]

Aber Zeit spielt sehr wohl eine wichtige Rolle in den Gedichten und für den gesamten Gedichtband. Erstes Indiz dafür sind die Kapitelüberschriften, denn von vier Kapitelüberschriften haben drei mit Zeitlichkeit zu tun: frühstücksgäste, haltbarkeitsdatum und geschlossene supermärkte. Und sucht man erst einmal explizit danach, so wird schnell klar, dass in sehr vielen der Gedichte Zeit und Zeitlichkeit thematisiert wird:

stehst in der umgestellten zeit ein raum
mit wunden füßen sperrst die welt aus [...]

Die Tiere die in den Gedichten auftauchen sind nicht nur aber vorwiegend Stadttiere: Katzen, Hunde, Vögel (Stare, Tauben, Möwen), Fische (Stichlinge, Bachforellen), Kakerlaken oder Silberfische:

seit letzter woche köderst du im bad
die silberfische, […]

Bisher unerwähnt blieb eine der Stärken des Gedichtbandes, die einen dazu veranlasst die Gedichte wieder und immer wieder zu lesen: einzelne Zeilen die für sich genommen eigentlich schon ein Gedicht sind, so wunderbar, fein und voll Poesie wie sie sind:

[…] wie luftmassen gestapelt im tag oder
stille die sich sammelt in einem zeitfenster […]

dann wirfst du das wort in den raum
das ganz allein den staubsaugerbeutel füllt […]

[…] und örtlich regen nur
durchbrochen vom beugen der laternen […]

[…] schließlich asteroiden, die wir uns
vorstellten mangels alternative. […]

Das letzte Gedicht heißt eine kleine nachtmusik. Dieser Titel schließt den Gedichtband sehr rund ab, da ja ganz am Beginn die frühstücksgäste (Titel des ersten Kapitels) standen:

eine kleine nachtmusik

[...] ich habe alle krankheiten
ausprobiert und abgehakt
die katze gefüttert und tee gekocht
mit lächeln und einem schuss milch
so kann man sich täuschen von zeit
zu zeit zu allen tageszeiten [...]

Myriam Keil
dezimierung der einmachgläser
Edition Voss bei Horlemann
2013 · 96 Seiten · 14,90 Euro
ISBN:
978-3-89502-350-7

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