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Kritik

Zwei Doppelleben

"Wie zerknülltes Papier" verdankt seine Lebendigkeit Nadars Zeichenstil.
Hamburg

Dass Javi es auf dem Schulhof gleich mit vier Typen aufnehmen muss, wusste er vorher nicht. Aber es beeindruckt ihn auch nicht besonders. Nach einem kurzen Geplänkel verpasst er dem mit der größten Klappe einen ordentlichen Hieb und fordert einen anderen auf, den verschwundenen Laptop rauszurücken. Javi hat mächtig Eindruck hinterlassen. Doch ganz freiwillig läuft die Übergabe nicht. Zum Abschied bekommt er eine Ladung Pfefferspray mit auf den Weg. Der Preis steigt mit dem Risiko.

Javi ist sechzehn Jahre alt, schwänzt seit einem Jahr die Schule und geht stattdessen arbeiten. So sieht er es zumindest. Als eine Art Auftragsrowdy verdient er nicht schlecht an blutigen Nasen, gestohlenen Rucksäcken oder Handys. Javi ist berüchtigt. Fast alle Schüler haben vor ihm Angst. Doch er weißt selbst, dass es so nicht ewig weitergehen kann. Denn Javi träumt im Wortsinne von einer anderen Zukunft.

Dann ist da noch Jorge. Eine Art Steppenwolf, der viele Jahre auf dem Land lebte und einem alten Mann auf dessen Hof zur Hand ging. Als der Alte stirbt, zieht Jorge in eine Pension in der Stadt. Er fängt schon zum zweiten Mal wieder bei null an. Jorge und Javi haben nichts miteinander zu tun. Der eine baut sich ein bescheidenes Leben als Gehilfe in einem Sägewerk auf. Der andere schlägt sich durch seine Jugend. Dass sich die Wege der beiden irgendwann kreuzen, ist auch für den Leser von "Wie zerknülltes Papier" eine Überraschung.

Mit der 400-seitigen Graphic Novel hat der 1985 in Spanien geborenen Nadar (nicht zu verwechseln mit dem französischen Fotografen) ein bärenstarkes Debut abgeliefert, das es in so mancher Hinsicht mit einem "echten" Roman aufnehmen kann. Die vielschichtige Story hält aufgrund der Verflechtung verschiedener Zeitebenen und Erzählstränge ein durchweg hohes Spannungslevel. Durch zahlreiche Schnitte und Szenenwechsel variiert die Geschichte ihr Tempo und ihre Perspektive, ohne dabei nervös oder unüberlegt zu wirken. Nadars Erzählweise ist für ein Debut fast schon erschreckend perfekt. Dabei wird die Story natürlich von ihren Figuren getragen, die allesamt plastisch werden, selbst wenn sie nur dazu da sind, Typen zu repräsentieren.

Seine Lebendigkeit verdankt "Wie zerknülltes Papier" aber vor allem Nadars Zeichenstil. Dieser setzt zwar mit seiner klaren Linien ganz auf die Kontur, lässt aber dennoch viel Raum für das Diffuse, Träumerische und vor allem Unvorhersehbare. Dabei sind es nicht nur die Schattierungen, die ein wunderbares Raumgefühl in der Geschichte erzeugen, sondern vor allem Nadars Sensibilität für Akustik. An vielen Stellen der Graphic Novel scheint man Javis Ohrfeigen in den Gesichtern, den Discolärm, selbst die Stille des Friedhofes hören zu können. Intensiver hat man das in einem Comic selten erlebt.

Nadar
Wie zerknülltes Papier
Übersetzung:
André Höchemer
Avant-Verlag
2015 · 400 Seiten · 24,95 Euro
ISBN:
978-3-945034-30-9

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