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Kritik

Vom versehrten Verlangen

Nadja Küchenmeisters zweiter Gedichtband
Hamburg

Schon beim Durchblättern von Nadja Küchenmeisters zweitem Gedichtband „Unter dem Wacholder“ fallen die ungemeine Geschlossenheit und die inhaltliche Stringenz ins Auge. Drei- und vierzeilige Strophen dominieren, die Sprache selbst bleibt jedoch flexibel, entfaltet ihre Musikalität in einer wohlausgewogenen Mischung aus lakonischem Parlando und subtilen Anspielungen mehr des Tons als des Wortlauts auf klassische Vorbilder, so daß sich daraus ein schönes Spannungsfeld ergibt, ein Fluidum, in dem immer wieder erhabene Gesten aufblitzen, die man nirgendwo als unecht (‚aufgesetzt’) empfindet. Starke Bilder einer subjektiven Empfindung ohne vorgepreßte Originalität sind dies allemal, die sogar dort, wo sie in Rollen schlüpfen, den Eindruck der Aufrichtigkeit jenseits affektierter Posen vermitteln.

Unter dem Wacholder hat, dem biblischen Bericht zufolge, der Prophet Elija gelegen mit dem Wunsch zu sterben; dann erschien ein Engel und befahl ihm, aufzustehen und zu essen. Doch auch die heidnische Mythologie kennt den Wacholder als Symbol des Lebens. Wer also unter dem Wacholder liegt und sich trauernd in die Dunkelheit träumt, trägt drinnen eine große, hungrige Sehnsucht nach dem Hellen. In dieser Dualität bewegen sich die Gedichte ohne falsche Scheu, die eigenen Empfindungen unverhohlen zu benennen, so daß man sich zwar entfernt an die Bekenntnislyrik vergangener Jahrzehnte erinnert fühlt, jedoch unter Verzicht auf deren Zerquältheit. Die Körperlichkeit mit ihren Bedürfnissen ist nah, die Anziehung und Abstoßung in der Liebe stellen ein Koordinatensystem dar, die Isoliertheit eines Ichs auf der Suche nach jenem ‚Sinn-Engel’ der verstrichenen Zeit läuft als roter Faden durch die Gedichte. Daß sie sich dabei hier und dort ein wenig mehr zugunsten eines souveräneren, vom Ich gelösten Umgangs mit den Dingen ringsum öffnen möchten, kann man wünschen, ohne dies in irgendeiner Weise als Mangel anzusehen.

Denn immer ist das Ich zuletzt doch rückgebunden ins ganz Alltägliche, dessen Bilder gerade in ihrer strikten Unaufgeregtheit stimmungsstark sind.

nebel überfällt die berge wie im flug und schleicht
metallisch um die spitzen karger bäume. der morgen
ist von tau zerfressen, leckt an einem straßenschild.

Oder:

das eis greift ins gras. die ersten sonnenstrahlen.
ein jäher luftzug, der die zeitung blättert ...
am fenster rankt sich eine blumenfolge. und schmilzt
dem fetzen einer wolke gleich aus diesem morgen
frischen tag. er hat die bitterstoffe auf der zunge.

Oft wendet sich die Perspektive des Gedichts von außen nach innen, als fände das Äußere dort einen tiefen, persönlichen Nachhall — oder hat die innere Stimmung bereits die Außenwelt einfärbt? Niemals jedoch kippt die Introspektion in Kitsch, im Gegenteil, es wird das Wagnis eingegangen, die eigenen Gefühle in ihrem Sosein vollkommen ernst zu nehmen: „längst / ausgewandert ist dein herz in deine hand, schlägt // nun in der weichen stelle zwischen dem daumen / und dem zeigefinger, vor dem die lebenslinie einen / bogen macht“. Manches vielbemühte Wort wirkt dabei wieder frisch und unverbraucht, wie eben entdeckt. Das verursacht dieses seltsame melancholische Zwielicht, das schließlich damit überrascht, wieviel Helle in der Anmutung des Abschieds steckt, Helle, Wind und anderes Bewegendes, das allem eine wunderbar flirrende, leicht irritierende und geheimnisvolle Atmosphäre überwirft:

der alte ausblick, nichts zu holen: so wirst du wiederum verzehrt
vom rausch der lichtumspülten plätze, vom sturzbach innerer
alleen. ein sonntag flutet vor dem fenster. geister fahren aus

und nachmittage unruhig in dich ein. taubengrau die späten
feuer. [...]

Küchenmeisters Gedichte sind still, sie überwältigen und überreden nicht, sie verlangen nach Ruhe, den Nuancen nachzuspüren. Allerdings sind die Bilder, die Metaphern zuweilen hart gefügt und erschließen sich nicht unmittelbar, doch nichts ist dabei schief oder im Ton vergriffen. Solche Härte scheint gewollt, sie erdet die zarte Empfindung, denn was erfreut den Lyrikleser mehr, als wenn Eingängiges sinnvoll ins nachdenkliche Stocken gerät? Man vollzieht den Prozeß des Erinnerns nach, der zugleich ein Wahrnehmungsmuster ist, in welchem die Details unverhoffte affirmative Bedeutung erlangen — „einmal traf mich das amerikanische licht“ —, selbst wenn ein Abstand zwischen den Dingen und den Worten stets spürbar bleibt. Schwermut herrscht „im eigenreich der worte“, aber die Ringsumwelt wird nicht nur aus der Imagination hervorlockt, sondern gleichsam in den Worten bewahrt. Hier regt sich also, statt zahmem Konstruieren, noch ein behutsames, geduldiges Vertrauen in die poetischen Quellen von Ich und Welt — deshalb gehört „Unter dem Wacholder“ unbedingt in die vordere Reihe der zahlreichen Gedichtbände der letzten Jahren, denen Haltbarkeit über den Eintagsruhm hinaus eingeschrieben ist.

Nadja Küchenmeister
Unter dem Wacholder
Umschlagbild von Wulf Winckelmann
Schöffling & Co
2014 · 112 Seiten · 18,95 Euro
ISBN:
978-3-89561-226-8

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