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Kritik

Es ging uns allen Gold

Hamburg

Zu einem der besten Lieder von Rainald Grebe gibt es eine schöne Anekdote. Bei einem Konzert hat vor ihm im Publikum ein Pärchen gesessen; er hat sich kaputtgelacht, ihr standen die Tränen in den Augen und sie hat ihm eine gescheuert. Das Lied, um das es geht heiß Familie Gold und wird in erster Linie als Abrechnung mit der verklärten Wohlstandskindheit der Generation Golf verstanden. („Unsere Eltern haben uns mit Hanuta beworfen, unsere Nachbarn mit Nimm Zwei/
Es hat uns an nichts gefehlt, aber genau das war das Problem dabei“) Für mich, als gerade noch so in der DDR geborenes Kind der 90er, hat das Lied eine universellere Bedeutung, weil es nicht nur um „Westdeutschland“ geht, sondern auch um die Idee einer idealen Familie. Dass diese Idee in den seltensten Fällen hundertprozentig aufgehen kann, ist uns zwar bewusst, aber wir hören es nicht gern. Vor allem dann nicht, wenn man Kinder hat. Familie Gold ist sicher eines der traurigsten Grebe-Stücke, weil es die Brüchigkeit dieser Idee benennt: „Die Tochter studiert irgendwas/ Der Sohn meldet sich nur selten“.

Als ich Nancy Hüngers neues Buch Wir sind golden, wir sind aus Blut zum ersten Mal in den Händen hielt, musste ich sofort an Grebe denken. Ein Familienalbum heißt es im Untertitel, aber eine Idylle sollte man nicht erwarten. Dabei scheint an der Oberfläche, wie so oft, alles in Ordnung zu sein. Die Tochter, ihr Bruder und ihre Cousins sind unzertrennlich. Es gibt Kinderspiele, Großeltern, einen Garten, Familienfeiern. Es gibt Spaß und das, was man gemeinhin eine unbeschwerte Kindheit nennt. Was es nicht gibt, ist eine kohärente, eine konstante Erzählung. Es gibt sie nicht, weil es sie nicht geben kann. Die Tochter ist eine unzuverlässige Ich-Erzählerin, was allein an ihrer lückenhaften Erinnerung liegt. Und dort, wo die Erinnerung eine Lücke aufweist, wird sie meist mit einer Fiktion gefüllt, gekittet, glattgestrichen und zum Roman. Nicht aber bei Nancy Hünger, die das Lückenhafte, das Brüchige in ihrem Familienalbum nicht nur zulässt, sondern zum integralen Bestandteil macht.

Aus 26 kurzen Texten ist ihr Album zusammengeflickt, springt ständig zwischen den Zeit- und Erinnerungsebenen hin und her, ist aber in den genau erinnerten Momenten ganz dicht dran an dem, was man Familienleben nennt. Und manchmal gibt es etwas, das die Idylle stört, was zunächst kein großer Krach, keine wirkliche Krise ist, sondern nur ein unterschwelliges Pochen, ein unbequemes Drücken, ein unausgesprochener Vorwurf, der trotzdem spürbar ist. Wie beim Fernbleiben an Geburtstagen. „… Runde haben Präsenzpflicht, Nichterscheinen wird mit Ausschluss aus der Gemeinschaft geahndet, einer Strafe, die aber niemals Trennung, sondern Gängelei bedeutet, da hilft nur wegziehen, den Namen ändern, abtauchen in die Kanalisation …“

Natürlich spielt das Moment des Ausbrechens aus dem vorgegebenen Familienleben auch bei Hünger eine große Rolle. Es drängt sich aber nicht rebellisch in den Vordergrund, sondern wird subtil durch zerrissene Jeans und andere Requisiten verdeutlicht. Nur einmal wird es richtig konkret, im Text Zwei Freischwimmer, dessen Titel allein schon zum abtauchen einlädt.

Doch ein Familienleben kennt natürlich nicht nur den eigenen Mikrokosmos. Es kennt auch das Außen, die Nachbarn, in Hüngers Fall das Dorf, das seine Blicke oft zu einem kollektiven Argwohn zu bündeln scheint. Vor allem dann, wenn das Familienleben auch nach außen hin ins Wanken gerät, wenn plötzlich zur Kaffeezeit die verdrängte Vergangenheit, die des Vaters etwa, vor der Tür steht. „Das Gedeck fehlt, aber vor der Tür steht trotzdem ein Mädchen, unfassbar, mit einem riesigen Rucksack, wir haben das Mädchen noch nie zuvor gesehen, wir haben noch nie einen so großen Rucksack gesehen, wir fragen uns, wie sie hierher kam, ob sie aus dem Himmel gefallen ist, warum sie ausgerechnet hier klingelt, wir hoffen, sie trägt uns in die Walachei, wir hoffen, sie holt uns, aber wir ahnen, wir werden sie nie wiedersehen, soviel steht fest.“

Es ist besonders beeindruckend, dass Hünger die Frage stellt: Was wissen wir eigentlich wirklich von den Menschen, mit denen wir gezwungen sind aufzuwachsen? Woher kommt die Vertrautheit und warum verschwindet sie gegenüber manchen Familienmitgliedern mit der Zeit? Eine Erklärung dafür sind natürlich die gemeinsamen Rituale, die jährlich sich wiederholenden Abläufe an Weihnachten, Ostern, Geburtstagen. Die gemeinsamen Witze, die Macken, vielleicht die augenzwinkernde Erkenntnis Wir haben einen Sprung. „… erzählen Immergleiches nur neu sortiert ist es doch das Immerimmergleiche wird wohl nicht weniger wichtig, nutz sich nicht ab, oder doch.“

Was bleibt, sind im Zweifelsfall die Bilder im Album, wenn sie nicht den Flammen zum Opfer fallen oder anderweitig verschütt‘ gehen. Wie die Fotos, die die Autorin gemeinsam mit dem Grafiker Andreas Berner in einem Abrisshaus fand. Über die Jahre sind sie brüchig geworden, wie die Erinnerungen, die sie konservieren sollten. Ihre schichtweise Aufarbeitung war der Ursprung von Wir sind golden, wir sind aus Blut und einige davon sind im Buch enthalten. Nicht allein zur Illustration, sondern zur Vervollständigung eines Familienlebens, dass aus der Erinnerung immer zwischen Wahrheit und Fiktion changiert.

Wir sind golden, wir sind aus Blut ist ein schmaler, aber sehr intensiver Band, der mit einer eigenen poetischen Sprache eine Erzählung aus Einzelteilen knüpft, ohne dabei an sentimentaler Epik zu ersticken.

Nancy Hünger
Wir sind golden, wir sind aus Blut
Edition Azur
2014 · 80 Seiten · 19,00 Euro
ISBN:
978-3-942375-14-6

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