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Kritik

Produktive Szenenudeln

Metamorphosen #11 / Aussenrum – Hg. von Moritz Müller-Schwefe und Michael Watzka
Hamburg

Heft 11, also die Ausgabe zum vierten Quartal 2015, also Nummer 41 / 13. Jahrgang / Neue Folge 11 des „Magazins für Literatur und Kultur“ METAMORPHOSEN liegt mir vor. Seit ich das Vergnügen hatte, für fixpoetry die Nummer 39 / Neue Folge 09 zu besprechen, hat sich schon wieder geändert, welches Verlagshaus für die METAMORPHOSEN verantwortlich zeichnet: Rechts unten auf dem rückseitigen Umschlag, unterhalb des klugerweise gerade hier abgedruckten Inhaltsverzeichnisses, sind nun die zwei stets vertrauenerweckenden Strichmännchen des Verbrecherverlagslogos zu sehen.

Beim Blättern und ersten Lesen finde ich mich beschlichen von dem ungut gespenstischen Gefühl, mir über alles dieses, so wie es hier vor mir steht, schon einmal ausführlich Gedanken gemacht zu haben ... habe ich den Auftrag für die vorliegende Besprechung schon vor Wochen erfüllt, aber dann darauf vergessen und den fertigen Textbeitrag in irgendeinem Ordner liegen lassen? Habe ich für ein anderes Medium ... ? Hat bei irgendeinem Anlass ein Gespräch über einen der abgedruckten Texte stattgefunden, und in meinem Oberstübchen liegen noch die Reste von den Formulierungen herum, die ich da gebraucht habe? ... Nein, nein, und nein. Es ist vielmehr so, dass sich seit meiner oben erwähnten Rezension von Nummer 9 der METAMORPHOSEN an einer Sache nichts verändert hat: An den Selbstvergewisserungsdiskursen einer szenenudeligen Literatur- und -wissenschaftsstudentenschaft, die deutlich spürbar die Atmosphäre prägen, wie sie zwischen den Umschlagseiten der METAMORPHOSEN - #09 wie #11 - herrscht.

Das heisst nicht, dass sich seit Nummer 9 an dem Magazin nichts geändert hat. War mir dort noch eine planvoll ins Werk gesetzte, sozusagen übertriebene Sauberkeit in der Zusammenstellung der Beiträge aufgefallen, ein etwas zu konzentriertes Bei-der-Sache-Bleiben, so scheint es diesmal eine gewisse Unschärfe zu sein - sagen wir eine Geste punkiger Disziplinverweigerung - die sich, erneut als Merkmal redaktionellen Wirkens, durch alle Beiträge zieht. Ihr entspricht die Art, wie das Nebeneinander von journalistisch / feuilletonistische Texten (sie sind der Schauplatz des angesprochenen Szenenudelns) und kunstsprachlichen Arbeiten (keine "reine" Erzählprosa diesmal) organisiert ist - nämlich ziemlich scheinzufällig, nicht in Kapiteln, nicht genau abwechselnd, nicht thematisch gegliedert (soweit ich sehen kann...).

Im Einzelnen ...

... eröffnet programmatischerweise redaktionelle Selbstkritik das Magazin, wenn nämlich Tobias Roth sich in einer "Glosse zur Flora in einem Gedicht von Andreas Hutt", das in METAMORPHOSEN 10 erschien, in hermeneutischer Absicht mit der dortselbst bedeutsamen Rosensorten-Nomenklatur befasst ...

... ärgert mich Kerstin Grethers länglicher Aufsatz "Art Pop", der von Fragen der eigenen Karriereoptimierung ausgehend aufs gesellschaftliche Ganze geht, nicht unrichtig argumentiert, auch nicht mal unflott geschrieben, aber unsympathisch eitel ...

... macht mir ein knapper, im engeren Sinn experimenteller Text von Hannes Bajohr einige Freude ...

... lese ich den Text von Sabine Mayer über die Transgender-Pionierin Lili Elbe und die Publikationsgeschichte ihres Lebenswerks interessiert, habe aber den Eindruck, bloß die Strichfassung eines eigentlich umfangreicheren Feuilletontexts vor mir zu haben, den ich viel lieber lesen würde ...

... frage ich mich angesichts der übersichtlichen Gegenüberstellung jener Gedichte von Charles Bernstein mit ihren Übersetzungen von Tobias Amslinger länger als vermutlich nötig, ob "solidarity" wirklich so einfach als "Gemeinschaft" wiedergegeben werden kann ...

... interessiere ich mich nicht für Aphorismen; sorry, Philip Kovec (Primärmaterial), sorry auch Tobias Grüterich (Sekundärtext über Bepreisungsfragen...) ...

... finde ich die "Mondgesichter" betitelten Prosen mit diffuser Genrezuordnung von Kinga Tóth super und wuchtig (vielleicht, dass sie die eigene brutale Sinnlichkeit ein wenig gar zu stolz ausstellen, diese Texte), würde sie aber lieber laut von der Autorin vorgelesen bekommen ...

... lese ich die Überschrift "Ausleuchtungen" und den Untertitel "Das Phänomen GENERATION Y an seiner Lyrik kontrastiert" sowie die Beispielgedichte und zitierten Quellen auf den darauf folgenden 10 Seiten von Bea Y. Höfgen so, wie ich ein "Einfahrt verboten"-Schild lese: wird alles seine Richtigkeit haben, betrifft mich grade nicht ...

... weiss ich nicht so recht, was ich mit den "Drei Gedichte[n] aus Kyrgyzstan" von Moritz Gause anfangen soll - bisschen viel bisschen sehr archaische Landschaft, bisschen sehr archaische Politik in bisschen viel Zwischentönen - zumindest kein Kitsch ...

... ist da ein Gespräch abgedruckt, das Michael Watzka mit Natalie Wise geführt hat, einer US-Dichterin mit Dartmouth-College-Hintergrund - das Gespräch ist leider um einiges seichter geraten als die zwei Gedichte der Kollegin, die darauf folgen ...

... frage ich mich dann schon, was die Überschrift "Gibt es heute noch Tabu-Sex?" über dem kenntnisreichen filmtheoretischen Aufsatz von Marie-Luise Goldmann soll, und ärgere mich darüber, das die Satzverkürzungs-Unsitte des Bildzeitungs-Bindestrichs schon in die Kompliziert-Magazine der Leipzig-Absolventen (?) vorgedrungen ist ...

... mag ich Jannis Poptrandovs "Achtundfünfzig Millionen Schweine" als jenen Text in METAMORPHOSEN 11, der als einziger authentisch für die völlige Abwesenheit einer Schere im Kopf des Verfassers einsteht (was natürlich seinerseits eine Textinszenierung darstellt, klar, aber trotzdem) ...

... gibt es da einen Beitrag von Michael Watzka über eine Herausgeberschaft von Ron Winkler und Nancy Hünger, nämlich "Thüringen im Licht. Gedichte aus fünfzig Jahren"; der Beitrag heisst "Umfahren ist auch keine Lösung", aber das stimmt so nicht: Natürlich ist weiträumiges Umfahren von "Landstrich-und-Lit"-Anthologien stets eine brauchbare Lösung ...

... folgt dann unter der Überschrift "Die neue Lust auf Zukunft" ein Text über "gute deutsche Zukunftsliteratur" von Lukas Valtin; gemeint ist SciFi, erwähnt werden Dath und Randt, und wir können allem, was Valtin schreibt, beipflichten, müssen aber die Kombination von weitem Ausholen - "Millionen von Menschen im Nahen Osten und Afrika sehen sich gezwungen, ihre in Chaos und Gewalt untergehende Heimat gen Europa zu verlassen" - und recht unkontroversieller These nicht strikt notwendig finden ...

... leidet der Text von Benjamin Feichter über ein "Erzählexperiment in den sozialen Medien", "Fiktion 2.0" sehr daran, dass sein Gegenstand leider (fast möchte ich behaupten: objektiv) uninteressant ist ...

... löst "An der Baumgrenze" kurze Verwirrung darüber aus, was man da eigentlich liest, bis man draufkommt, ah, ein Vorabdruck aus dem neuen Roman von Wolfgang Welt ...

... wird sich dagegen die annähernd gleiche Verwirrung im Falle von "Wölleckes Wochen", dem letzten Text des Bandes, nicht wieder geben ...

... soviel also zu allem diesem.

Wir fassen zusammen: METAMORPHOSEN 11 ist keineswegs frei von den Druckerschwärze gewordenen Selbstvergewisserungsritualen der "Generation Y" (bzw. solchen Personals, das fälschlich glaubt, sich für Gen Y halten zu müssen, um noch Texte unterzubringen). Das macht aber wenig, weil trotzdem deutlich mehr gutes als langweiliges Zeug drinsteht.

Natalie Wise · Wolfgang Welt · Kinga Tóth · Jannis Poptrandov · Sabine Meyer · Philip Kovce · Bea Y. Höfgen · Kerstin Grether · Moritz Gause · Hannes Bajohr · Tobias Amslinger · Charles Bernstein · Tobias Grüterich · Tobias Roth · Michael Watzka (Hg.) · Moritz Müller-Schwefe (Hg.)
Metamorphosen 11
Aussenrum
Verbrecher Verlag
2015 · 96 Seiten · 4,00 Euro
ISBN:
ISSN 0941-3138

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