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Kritik

Eine infernalische Symbiose

Natascha Wodin erzählt ihre Beziehung zu Wolfgang Hilbig

Die erste Begegnung fand auf einem Bahnsteig statt. Der begnadete Schriftsteller Jakob Stumm aus dem Osten ergriff die Hand seiner westdeutschen Kollegin – Zwischen Ankommen und Abfahren, Osten und Westen war das für beide ein schicksalhafter Moment. Die Ich-Erzählerin erinnerte sich: „Seit einiger Zeit hatte ich in der rechten Handfläche eine kleine Wunde, die nicht heilte, die Ärzte wussten nicht, was es war. Später sagte mir Jakob, er hätte die kleine raue Stelle auf der Innenseite meiner Haut gespürt, und das hätte ihn sofort erotisiert.“

Die Szene beschreibt das erste Treffen zwischen Natascha Wodin und Wolfgang Hilbig Mitte der 80er Jahre in Nürnberg. Es war ein vorsichtiges aber zielstrebiges Abtasten der Wunden des anderen. Beide empfanden nicht das Heile als anziehend, sondern die Abgründe. Eine Faszination, die sie schließlich lange Jahre zu „Nachtgeschwistern“ werden ließ. Die Nähe zur Realität ist in Natascha Wodins Text an vielen Stellen nicht zu übersehen – Jakob Stumm ist Wolfgang Hilbig: „Er schien von nicht sehr großer gedrungener Statur zu sein, seine Schultern waren nicht ganz so wuchtig wie auf dem Foto, statt des wild gelockten Haars, das auf dem Foto zu sehen war, fielen farblose, ranzig aussehende Strähnen auf den Kragen seiner khakifarbenen Jacke.“

Die Urbegegnung der beiden ungleichen Gleichen vollzog sich in der Literatur:  Die Ich-Erzählerin ist eine Frau hinter Glas. Sie fühlt sich vom Leben bedroht und schreibt, um diese ständige Bedrohung zu ertragen. Doch sie merkt, dass auch ihr Schreiben sie nicht von dieser tief in ihr sitzenden Angst befreien kann. Als sie ein Bändchen mit Gedichten kauft und darin die ersten Verse liest, widerfährt ihr etwas, das so gut wie jeder lesende Mensch schon mal erlebt hat: Hier in diesen Zeilen wird etwas zu greifbaren Worten, was vorher wortlos in ihrem Inneren ruhte, sie mit seiner Ungestalt quälte. Das poetische Wort des fremden Schriftstellers aus dem Osten weckt in der Ich-Erzählerin Erlösungshoffnungen.

Jakob Stumm ist ebenso „ein Unterirdischer“ wie sie. Nirgendwo fühlt er sich zu Hause, auch nicht in sich selbst. Er wird von „Männerphobie“ gequält, von „Frauenmanie“ und „Selbsthass“  Beide gehen eine Beziehung ein, in der die Extreme rasend wechseln: innigste Liebe und verzehrende Leidenschaft, aber auch abgründiger Hass und Schmerz. Jakobs Schatten nehmen im Laufe der Geschichte für die Ich-Erzählerin gefährliche Ausmaße an. Sie droht in ihnen zu verschwinden und kann sich doch nicht lösen. Denn neben dem Schmerz verbindet beide die für sie existenzielle Lebensform der Literatur. Das Schreiben ist die Lebensader ihrer Beziehung: „Was immer Jakob sagt, was immer er tut, wie maßlos ich ihn auch hasse, meine Liebe zu dem, dessen Gedichte ich einst an einem windigen Apriltag auf einem Wühltisch gefunden habe, ist immer stärker als alles andere in mit geblieben, sie hat auch heute noch das letzte Wort.“

Wie tiefgreifend diese Schreibbeziehung gewesen sein muss, merkt man dem Text von Natascha Wodin bis in kleine Details hinein an: „Infernalisch“ war eine der Lieblingsvokabeln Hilbigs. Mit dem apokalyptisch anmutenden Wort beschrieb er die Reibungspunkte seines Daseins. Als „infernalisch“ empfand er seine Herkunft aus dem Arbeitermilieu, die tagtägliche Konfrontation mit den Industriebrachen in der DDR und die Zwänge des sozialistischen Staates. Es ist kein Zufall, wenn Wodin über einen ihrer ersten Winter im Ost-Berlin der Nachwende-Zeit schreibt: „Qualm, Ruß und Gestank der verheizten ostdeutschen Braunkohle gehen hier eine infernalische Symbiose mit den Ausstößen der neuen Westwagen ein“. Daran ist nichts Epigonenhaftes, es ist eine Hommage an den großen Sprachmagier Wolfgang Hilbig, mit dem Natascha Wodin von 1986 bis 2002 zusammen lebte.

Natascha Wodin hat ein sehr ehrliches Buch geschrieben, in dem nichts beschönigt wird. Rückhaltlos gesteht sie sich ihren kollegialen Neid auf Hilbig ein, neben dessen Erfolg sie als Schriftstellerin fast verschwand. Und Wodin versucht auch den Mensch „Jakob Stumm“ so objektiv wie nur möglich zu beschreiben. An einer Stelle, wo sie diese objektive Perspektive verlässt, wird das Buch unangenehm: Die Ich-Erzählerin beschreibt Jakob Stumms abstruse Folterfantasien: „Er erzählte, dass er sich in früheren Jahren oft vorgestellt hatte, Frauen zu fesseln, mit Rasierklingen zu schneiden, brennende Kerzen an ihren Körper zu halten und sie anderen schmerzhaften Torturen zu unterziehen.“ Da das Buch dezidiert autobiografisch angelegt ist, sieht man an diesen Stellen nicht Jakob Stumm vor sich, sondern Wolfgang Hilbig und ist peinlich berührt – den Blick auf dessen dreckige Unterwäsche hätte man sich doch lieber erspart.

„Nachtgeschwister“ ist ein literarisches Protokoll über die Einsicht in eine große Lebensweisheit. Während die Ich-Erzählerin das ganze Buch über verzweifelt versuchte, Jakobs Geheimnis zu ergründen, gelingt ihr am Ende eine sokratische Einsicht: „Wer ist er gewesen? Ich werde es nie erfahren. Er hat Tausende Seiten über sein Leben geschrieben, aber sein Geheimnis hat er mitgenommen ins Grab.“

Natascha Wodin
Nachtgeschwister
Antje Kunstmann
2009 · 256 Seiten · 18,90 Euro
ISBN:
978-3-888975608

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