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Kritik

Von Wollmützen und Eisengabeln.

Neil MacGregor erzählt mit Objekten von Shakespeares Welt
Hamburg

Nein, kein weiteres theoretisches Buch über Shakespeare mit ellenlangen Interpretationen seiner Stücke, seiner Sprache, dem Aufbau und dem Witz. Sondern ein prallvoll mit Informationen gefülltes, lebendig geschriebenes Buch.

Eine kleine Silbermünze, eine Eisengabel, ein Dolch, eine Wollmütze, ein Schiffsmodel aus Holz, ein gefüllter Koffer eines Hausierers, eine Uhr, eine Bibel – lauter Alltagsobjekte, unauffällige Sachen. Mehr braucht er nicht. Aus ihnen entwickelt Neil MacGregor ein ganzes Universum. Von ihnen erzählt er die Geschichten hinter Shakespeares Geschichten. Entwickelt eine ganze Welt, die uns so fremd ist, in der der damalige Zuschauer aber lebte. Deshalb verstand er auch sofort die Anspielungen, die wir einfach überlesen. Aber sie sind wichtig, sie zeigen die Nuancen in Shakespeares Sprachreichtum, sie führen auch zur Bodenhaftung. Denn Shakespeares Stücke schweben nicht im luftleeren Raum, sie haben mehr mit der Alltagswirklichkeit zu tun, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt.

Zum Beispiel die Eisengabel mit Messinggriff. Man hat sie bei Ausgrabungen des Museum of London am Rose Theatre gefunden: „Sie ist langgestreckt, mit rund 22 Zentimetern ein wenig länger, auf jeden Fall deutlich schlanker als Gabeln, wie wir sie benutzen. Sie hat zwei gefährlich spitze Zinken, und man kann sich gut vorstellen, wie jemand, während er oder sie dem Stück zuschaut, Leckereien aufspießt und zierlich zum Mund führt.“ Am Ende des Griffs ist ein Knopf mit den Initialen A.N.: eine „sucket fork“, eine Konfektgabel, mit der man Marzipan, kandierte Früchte oder Lebkuchen gegessen hat.

Von dieser archäologischen Entdeckung ausgehend erzählt MacGregor, was man im Theater damals um 1600 herum so gemacht hat: zugesehen natürlich, vielleicht sogar Sex gehabt, aber auch gegessen. Botaniker haben in den Theatersedimenten Londons folgende Reste gefunden: Nüsse, Trauben, Holunderbeeren, Pflaumen, Birnen, Kirschen, Meeresfrüchte wie Muscheln, Schnecken, Tintenfische, Austern. Während der Vorstellung liefen Leute herum, die Essen und Getränke verkauften, und die Reichen brachten eben auch ihr Besteck mit, wie diese Gabel. Und nun kommt ein weiterer Schlenker im Buch, zu Falstaff, der einmal sagt: „Nun mag der Himmel Kartoffeln regnen“... Und MacGregor erklärt genau, was das damals bedeutete. Und dann macht er einen hübschen kleinen Schlenker, zu den Toiletten: Es gab keine. Und so nutzten die Männer wahrscheinlich die dunklen Ecken, und für größere Geschäfte ging es nach draußen, zur Themse.

Fast nebenbei erläutert er anhand eines Bildes der Tudor-Dynastie Shakespeares Anspielungen in Heinrich VI., wenn Warwick vom „heut'gen Zank“ spricht. Es war nämlich gesetzlich verboten, über Elisabeths Nachfolge zu diskutieren, die völlig unsicher war. Und mit wieviel Blut tobten nicht die Auseinandersetzungen damals. Da waren die Historiendramen plötzlich sehr aktuell. Von einem Dolch, den man am Themseufer gefunden hat, kommt er auf „Romeo und Julia“ zu sprechen und erzählt, wie gefährlich das nächtliche Ausgehen damals war, weshalb man eben immer einen Dolch oder einen Degen in der Hand hatte: Romeos und Mercutios Duell war damals etwas Alltägliches für die Londoner.

So streift MacGregor, der ehemalige Direktor der National Gallery und jetzige Leiter des British Museum durch die elisabethanische Welt, erklärt die ganze Unruhe und Unsicherheit, die dieses Leben prägte, die Umbrüche durch die Weltumsegler, die in der „Komödie der Irrungen“ vorkommen, wenn der Diener Dromio den Körper eines armen Dienstmädchens umrunden will: „Sie ist kugelförmig wie ein Globus; ich wollte Länder auf ihr entdecken.“ Und sogar der Kelch, aus dem Hamlets Mutter Gertrud trinkt, ist ein Politikum, weil das nur die Protestanten und Anhänger der English Church taten, nicht die Katholiken: Es war lebensgefährlich, die falsche Religion zu haben.

Von außen nähert sich MacGregor Shakespeare, denn: „Shakespeares innere Welt bleibt, so bitter das ist, im Dunkeln.“ Bleibt Spekulation. Aber die schokoladenbraune Wollmütze des Lehrlings erzählt direkt von den sozialen Konflikten seiner Zeit. Man muss es nur wissen. MacGregor erzählt es uns.

Neil MacGregor
Shakespeares ruhelose Welt
Aus dem Englischen von Klaus Binder. Mit 125 farbigen Abbildungen.
C.H. Beck
2013 · 347 Seiten · 29,95 Euro
ISBN:
978-3-406-65287-5

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