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Kritik

Der Mauerläufer

Hamburg

"Ich schaute gerade auf die Karte, als Stephen plötzlich ausscherte, gegen den Felsen schrammte und die Fehlgeburt verursachte."

Das ist der erste Satz. Es muss dies vorausgesetzt werden: "Der Mauerläufer" ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Möglicherweise auch einigermaßen entfernt davon, überhaupt gut zu sein. Nell Zinks Debüt ist dennoch ein biestiger Bastard, den es sich lohnt, genauer unter die Lupe zu nehmen. Er scheint nämlich alles zu besitzen, was einem sogenannten Kultbuch innewohnt. Gerade weil es sich erfolgreich dagegen sperrt, durchgehend gut zu sein, und stattdessen einen leicht um sich selbst kreisenden Kosmos aus Kürzestsätzen anbietet, der ab und an die Narration aus den Augen verliert, um lieber in Obskuritäten zu schwelgen, und sich dann mit einem erzählerischen Paukenschlag zurückmeldet.

Das Buch um die Nöte und amourösen Exkursionen eines amerikanischen Expat-Paares in der Schweiz, Berlin und Brandenburg nebst titelgebendem MacGuffin, einem Mauerläufer (eine nicht häufig anzutreffende Vogelart), der gezähmt nach einem Unfall bei den beiden wohnt, ab und zu piept und schon nach gefühlt 20 Seiten brutal das Zeitliche segnet, hat nicht nur seine lavierende Handlung anzubieten, sondern vor allem die schräge Geschichte seiner Entstehung. Nell Zink, man darf es wohl aussprechen: das Gesicht hinter der autofiktionalen Fabel, ist mindestens so skurril wie das Buch selbst. Im Alter von über 50 Jahren debütiert sie mit dem "Mauerläufer", nachdem sie das Leben einer klandestinen Autorin geführt hat, die für niemanden je eine Zeile schrieb außer für ihren israelischen Brieffreund. Nach Jahrzehnten des konsequenten Verweigerns einer Karriere und einem offensichtlich erstaunlichen Konvolut an narrativer Briefliteratur platzt durch Zufall ein ungeahnter Knoten. Nell Zink antwortet auf kritische Art und Weise auf einen schlecht informierten Jonathan-Franzen-Artikel in einem Magazin für Hobby-Ornithologie und formuliert einen derart frechen Brief, dass Franzen nicht anders kann als zu antworten, woraufhin das Manuskript des "Mauerläufers", in kürzester Zeit verfasst wie eine Wette, in Umlauf kommt, und Franzens Agentur nicht eher ruht, als bis der "Mauerläufer" untergebracht ist. Er kommt auf diverse Shortlists, und Nell Zink schreibt mehr und bietet feil und ist plötzlich da.

Sie lebt nahe Berlin, gibt mittlerweile Lesungen, hat weitere Bücher verfasst und ist definitiv mit dem Talent gesegnet, völlig singulär zu sein. Ihr Tempo im "Mauerläufer" ist atemberaubend. Ihr häufig ausgespielter Drang, pointiert witzig sein zu wollen, kann bisweilen etwas nerven und immer wieder ertappt man sich, einfach zu schnell zu lesen, weil die wie Miniaturen arrangierten Kapitel viel zu flugs vorbei sind. Und doch macht das alles nichts. Der Text ist selbständig, emanzipiert, hat jedes Recht zu steuern, wohin er will. Wie eine fremde Stadt, deren räumlicher Charakter erkundet sein will und die sich permanent wandelt, weil jede Ecke Unvorhergesehenes und scheinbar Zusammenhangloses bereit hält. Die Story um Tiffany, das "Ich", und Stephen, den "Er", die über verschiedene Vorfälle hinweg sich entfremden, von Vogelbeobachtern zu praktizierenden Öko-Terroristen werden und einander schließlich verlustig gehen, damit am Ende das "Ich" übrig bleibt, nach vielen hauptsächlich beziehungsorientierten Gedankengängen und Erlebnissen am Ende ein Manuskript namens "Der Mauerläufer" zu verfassen, ist nur ein loser Aufhänger, um sprachlich so frische und erzählerisch so erstaunliche Kapitel in atemloser Folge anzubieten wie diese beiden hier:

Erstens

"Gernot lud mich ein, in Breitenhagen zu wohnen. Drinnen: Ruhe und Frieden, der Backblechherd, seine Bücher. Draußen zogen sich die Felder bin zum Horizont, und Nachzügler unter den Kranichen pflügten mit dudelnden Tönen ihren trägen, hängeschultrigen Kurs durch den Himmel. Der Mond ließ die Elbe silbrig erglänzen, und ich lief durch den Schnee. Kratsch, kratsch. Topographisch war Breitenhagen das Gegenstück zu Bern. Eine Welt ohne Ende. Um einen begrenzten Horizont zu sehen, musstest du ins Haus gehen und die Vorhänge zuziehen."

Zweitens

"Freiraum, wie dir jeder Kantianer sagen kann, ist nicht unendlich. Ein mit sich kämpfender Liebhaber kann seinen Freiraum verlangen und dich zwei Minuten später schon wiedersehen wollen.

Und so war es. Ich schlich mich am Restaurant vorbei und wusch mir das Gesicht. Olaf kam, weiterhin flottierend, noch einmal zurück. Doch der Abgrund, der uns trennte, stellte kein Hindernis für irgendetwas dar. Schließlich war er schon da gewesen, als wir uns zum ersten Mal wie Käfer besprungen hatten. Der Unterschied war bloß, dass wir ihn jetzt kannten.

Binnen einer Stunde fuhr er wieder los und sagte, er werde seiner Frau erzählen, es sei neblig gewesen.

Am nächsten Tag tauchte beim Frühstück der Diener Gottes auf und nahm mich auf einen Spaziergang mit. Die Beeren waren am Stängel vertrocknet, die Nüsse waren Eicheln und ein paar feuchte Walnüsse, die Wurzeln faul, aber es war schön."

Nell Zink schreibt und erzählt derart unangepasst, dass es eine Freude ist zu wissen, dass sie seit kurzer Zeit jeden Tag acht Stunden hintereinander hinter der Tastatur sitzt. Demzufolge dürfte einiges an Zink-Literatur produziert werden. Hoffentlich bleibt sie so singulär und uneinordnenbar wie im "Mauerläufer". Es wäre schade, wenn eine der großen neuen Einzelgängerstimmen im sogenannten Biz aufgehen würde. Der "Mauerläufer" wird es niemals tun.

 

 

Nell Zink
Der Mauerläufer
übersetzt von: Thomas Überhoff
Rowohlt
2016 · 192 · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-498-07654-2

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