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Kritik

Winterluft und Wels

the wallcreeper - insgesamt wunderbar frisch und klar
Hamburg

Tiffany erzählt, wie sie ihrem Mann Stephen aus den USA nach Europa folgt, erst nach Bern, dann nach Berlin und in die Umgebung Berlins. Stephen mag Vögel, und sie begleitet ihn auf Vogelschau in die Alpen, nach Albanien. Er entwickelt eine Liebe zu Flüssen, und Flüsse zu entketten zieht sie aus Bern, mit Stephen, nach Berlin. Oberflächlich leitet er sie, aber vielleicht bestimmt sie im Grunde den Rhythmus der Geschehnisse. Ganz wie sie über ihn im Text narrativ verfügt, scheint sie auch im Leben narrativ über ihn zu verfügen, oder zumindest suggeriert es so das Textnarrativ. Jedenfalls stirbt er rechtzeitig den Flusstod Barbarossas, um Tiffanys Geschichte elegant kurze Leichtigkeit zu bescheren. Sie widmet sich anderen Männern, wendet sich auch von Stephens Lieblingsfluss, dem Rhein, endgültig der Elbe zu, und so endet eine Episode aus ihrem Leben, die Stephen-Episode; mit dem Partner versinkt ein Lebensabschnitt im Wasser, doch weiter geht’s! wenn auch ein wenig wehmütiglich.

So unbeschwert, so unverkrampft, man möchte gleich die klare Winterluft sein, die an Tannenbäumen knabbert, das Eispulver, das von Avercampschen Kufen stiebt, so unangestrengt heiter ist Nell Zinks Prosa und die Erzählung, der sie untersteht. Die Frische, die diesen Debütroman durchzieht, erinnert an Dorothee Elmiger. Es ist eine Frische, die sich einerseits aus dem wunderbar schamlosen Umgang mit Naturmetaphern speist, andererseits aber aus einer allem Epischen fremden Bescheidenheit, die sich im Werkumfang, aber auch auf kleinster Ebene, in der beinahe prosalyrischen Sorgfalt des Satzbaus zeigt. Allerdings ist The Wallcreeper ironischer, metaphorisch unverbindlicher und mythologisch weniger geladen als, zum Beispiel, Einladung an die Waghalsigen. Nur, weniger ernsthaft ist der Text dadurch nicht.

Zunächst zwar ist es nicht das große Ganze, das Zink interessiert, sondern das Naheliegende, zum Beispiel, wie man in der Agglomeration Berns einen Abend im Balkanclub zubringt, umfangend umfangen an deinen Busen, Geliebter!, Elvis! Die Beschreibungen von Bern sind besonders gelungen und weisen zum ersten Mal über die Stadt im hängenden Träubel der Astarte-Aare hinaus auf den Flusstopos hin, der gegen Ende des Romans zum hauptsächlichen Bezugspunkt wird. Aus diesem zunächst Naheliegenden baut Zink dann für Tiffany ein Leben, auf dessen Oberflächlichkeit wir im Toten Mann weit hinaus auf die hohe See gleiten, in der Grundangst, dass unter unseren geschlossenen Augen doch irgendein Fischlein uns piekst; „wir“, damit meine ich natürlich Tiffany. Während man bei Elmiger also von Anfang an weiß, dass man sich auf dem bedeutenden Ozean befindet, oszilliert Zink konsequent zwischen Ozean- und Planschbeckenebene, und daraus mischt sich die Luft aus Heiterkeit und Ernst, die so erfrischend an meinen Tannennadeln knabbert.

The Wallcreeper ist beinahe ein Jungbrunnen. Alte Herren und Lumbersexuals wie ich werfen ihre Flanellhemden von sich und die Krücken hinterdrein, um in diesem Roman nach den Tauchstäben zu tauchen. Nur, ganz unten im Schacht wird das Wasser schlammiger, und bevor wir die Dive Fun Dolphins eindeutig ausgemacht haben, hat uns schon ein Wels in die Fingerkuppen gebissen: Ein wallcreeper ist ein Mauerläufer, ein spatzenartiger grauer Vogel mit roten Flügeln, und ein Exemplar dieser Art wird zur Leitmetapher des Romans, die ihm ein Gutteil seiner Ungezwungenheit raubt. Zinks Flüsse sind als Bilder so allgemein für alles zu fassen, metaphorisch unverbindlich eben, dass sie sich trefflich in den leichten Erzählgestus einfügen. Aber der Mauerläufer ist als Metapher zuletzt doch etwas aufdringlich und gekünstelt. Zum Auftakt des Buches fahren Stephen und Tiffany im Berner Oberland einen Mauerläufer an, den sie zuhause gesund pflegen und unter dem Namen „Rudi“ als Haustier halten. Später wird er mit einem Chip freigesetzt, nur um vor ihren Augen von einem Habicht zerrissen zu werden. Genauer, der Habicht frisst sein Herz, während das Weibchen davonfliegt und die gemeinsamen Küken dem Verhungern überlässt. Hier strömt ein Pathos in den Text, das seine Klarheit trübt. Man fühlt sich gezwungen, nach Applikationen der Metapher auf Stephen, Tiffany oder ihre Beziehung zu suchen; und was bisher leichtfüssig schien, erhält Elefantenbeine.

Die poetische Unsicherheit dieses Sprachbildes führt einen weiter zu Unsicherheiten in der feineren Textur des Romans. Nicht häufig, aber immer noch zu häufig, fallen unnötige metanarrative Bemerkungen ein, zum Beispiel wenn eine expressionistische Wendung dahingehend kommentiert wird, es handle sich um eine pathetic fallacy. Es könnte sein, dass diese Einwürfe bewusst dazu dienen, Tiffany besser zu charakterisieren, aber wäre das so, müsste der Charakterisierungsbeitrag deutlicher werden. Dasselbe gilt für die Metapher des Mauerläufers. So scheint es eher, dass sich Zink selber in diesen Unsicherheiten zeigt. Nun, soweit die relative Wehmut des Verjüngungsbedürftigen, dessen Fingerbeeren hier im durch leichte Verkrampfungen getrübten Grundwasser von den Zähnen der poetischen Unsicherheit geritzt wurden. Aber dieses kleine Tauchermalheur soll nicht davon ablenken, dass The Wallcreeper insgesamt wunderbar frisch und klar ist. Weiter geht’s!

Nell Zink
the wallcreeper
Dorothy, a publishing project
2014 · 13,69 Euro

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