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Kritik

„Sparsam mit der Wahrheit"

Hamburg

Nicholas Searle legt mit Das alte Böse vielerlei vor, unter anderem die Geschichte eines Mannes, der als – Achtung, Originaltitel: Good Liar – nicht gerne lügt, wiewohl er mitunter sparsam mit der Wahrheit umgeht.

Dates? Da analysiert er: „Mit seinen blauen Augen spießt er sie auf und nimmt sie auseinander wie mit einem Skalpell.” Und dann ahnt man, daß ihm eigentlich die Mühen sinnloser Lügen zuwider sind, wenn die, die auf einem Photo jung und groß ist, lang lebe das Online-Dating, eine in die Jahre gekommene, „krankhaft übergewichtige Zwergin” ist. So dumm lügt man nicht, wenigstens das ist die Wahrheit: „»Eine Sache, die mir zutiefst zuwider ist«, erklärt er, »ist Unaufrichtigkeit.«”

Wer ist er überhaupt? – Der Protagonist heißt … unter anderem … Roy Courtnay, aber auch mal Rob Marriott, er ist längst nicht mehr so jung, daß das Alter, das ihn an der Lüge stört, an sich stören könnte, er wuchs gläubig auf und ist nun als einstiger Kriegsheld, der „Jagd auf KZ-Bedienstete”, was er „Aufräumarbeiten” heißt, noch immer mit etwas in der Art: also Aufräumarbeiten befaßt.

Daß auch er trickst, zeigt sich bald, er, der immer auf die „letzte Lüge” zu warten scheint, kennt die Finten zu gut, kennt die Arroganz derer, die man ob ihrer „Ignoranz und Feindseligkeit” betrügen kann, etwa Briten, die das Russische verstehen sollten, er weiß andererseits um sein Umfeld („Er wusste – ganz wörtlich –, in welchem Keller sie ihre Leichen hatten.”), gibt anderen scheinbare Vorteile, …

Dann wird konstruiert: Wahrheit. Analyse als Konstruktion endet bei Wahrheit als „Frankensteins Monster”. Wahrheit kann dabei auch Motiv sein, ein dementsprechend heikles, wenn ein Graf „Genosse Hessenthal” heiße, so dessen Assistent, der verkündet: „Heute ist der Westen noch kapitalistisch, aber in Zukunft leben wir alle zusammen in einem sozialistischen Staat.” – Zweifel, ob „viele Gleichgesinnte” sich dafür fänden, hat der versierte Lügner. Er weiß, daß schon die Sache mit der Identität – von Begriffen, von Personen – heikel ist. Sozusagen ein Adornianer mit Schußwaffe, bei diesem heißt es ja: „Identität ist die Urform von Ideologie.”

Wahrheit: keine Tabus. Jedenfalls würden diese neugierig machen, wer wollte derlei? Also keine Kindereien: „Über Geld spricht man nicht gern, was? Ein Tabuthema. Dabei ist es so wichtig.” Zweifel will er haben, aber nicht bei anderen vermuten müssen:

„»Eines sollst du wissen: Ich habe dich nie belogen. Ich war nur, ähm…«
»Sparsam mit der Wahrheit?«”

Dann gibt es neben raffinierten Wirrnissen, trockenem Humor und Psychologie aber schon noch Tote, die man verschwinden lassen muß, mit Pannen, und etwas Blut:

„Die Kugeln hatten ihm das halbe Gesicht zerfetzt und ein wildes Durcheinander aus rotem Fleisch, Blut, Sehnen, rohem Muskel und blanken Knochen hinterlassen. Graue Hirnmasse lief über den Boden. Ein Augapfel, aus der Höhle befreit, aber durch das feine, feuchte Gewebe des Sehnervs moch mit dem Sehzentrum verbunden, starrte wie irre ins Leere.”

Rohe Muskeln, das wäre Hannibal Lecter nicht passiert … und: ernsthaft, das klingt übertrieben und gewollt; ansonsten aber besticht der Text eher durch Dezenz, leise Töne und eine ironische Betulichkeit. So geht es um Liebe, Wahrheit, Tod, mit viel Tiefsinn, wo er Autor und Figur unterläuft, denn eigentlich seien wenigstens manchmal „Plattitüden […] das Beste. Schürfen wir nicht nach Tiefsinn.”

Das klingt pragmatisch und nietzscheanisch: „Alles, was tief ist, liebt die Maske”, so Nietzsche in Jenseits von Gut und Böse, zwischen den Passagen, die klassischer Thriller sind, schwingt immer wieder derlei mit, so will es scheinen.

Fazit: Handwerklich guter Thriller, mit einem Schuß aus der Pistole – und einem Schuß Metaphysik.

Nicholas Searle
Das alte Böse
übersetzt von: Jan Schönherr
Rowohlt [Kindler]
2017 · 386 Seiten · 19,95 Euro
ISBN:
978-3-463-40667-1

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