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Flussbilder

Hamburg

Was bedeutet Dichte? Was ist ein Fluss? Nico Bleutges neuer Gedichtband trägt den Titel nachts leuchten die schiffe. Es ist der vierte des vielfach ausgezeichneten Lyrikers und Literaturkritikers Bleutge, und er erscheint wie seine übrigen im C.H. Beck Verlag. In einer sorgsamen Ausstattung von Leander Eisenmann, die konsequent den bereits eingeschlagenen Pfad aus schmalem Hardcover, farbenstarkem Fotomontage-Motiv auf dem Umschlag und enggesetzter, kleiner Schriftstärke fortschreibt. Bleutge selbst schreibt ebenfalls konsequent seinen eingeschlagenen Pfad fort. Die neue Sammlung besteht aus mehreren Abschnitten mit jeweils eigenen Überschriften, innerhalb derer einzelne Gedichte oder Gedichtabschnitte die Seiten bevölkern in einem Spiel typografischer Kalkulation. Es ist der Bleutge-Sound. Niemand macht das so wie er. Einige "leichtere" Drei- oder Verwandtzeiler in Vielstrophen brechen die selbsterlegte Struktur auf, doch das Grundsätzliche besteht aus strophenlosen Langzeilern, die Schwere und (bei einem Fluss: Wasser-) Masse und Tiefe suggerieren. Die Wörter scheinen aneinander zu kleben, und es ist, als ob Bleutge jeden Ausbrecher oder jedes Mitführen von Treibwörtern wie Fundstücken, die die stofflich, molekulare Dichte seines Wortflusses beeinflussen könnten, unbedingt meidet und zu umgehen versucht. Das ist sicherlich richtig und führt seine Texte in ein dichtes, engmaschiges Organikon, das mit der Palette aus ihm zugeeigneten Mitteln beschreibend, fühlend sich seinen Weg durch Gegenden sucht. Dabei geht es, wie ein Fluss eben auch, gefühlt bergab. Bleutge benutzt häufig eine sich selbst ähnliche Versstruktur aus wenigen Bausteinen, die früh in ihre Sinnhaftigkeit gehen und dort bleiben wollen; das tun sie ohne jenes angesprochene Ausbrechen, und es bildet sich eine Art enggeführte Reihung von abwärts ziehenden, dunklen Strömen. Die Schiffe leuchten nicht, es steht dort zwar, aber – und das ist das Interessante – wenn hier Magie und so etwas wie positive Entdeckungen als Erwartungshaltungen aufblitzen (Romantik in einer wie auch immer gearteten Form), geschieht das Gegenteil. Die Schwere einer vielleicht übersättigten Welt wälzt sich vorbei. In sehr genau durchkomponiertem Rhythmus, mit vielen Verneinungen und einem wie zweifelnden Grundton dichtet Bleutge grundernste Sprachwerke. Aus der Sektion flugsand:

"das sichtbarsein, mit einem raschen flimmern
dreckstückchen pfeifen, flocken kommen aus der luft
zurück. die späher sehen, grenzstapfen, sende-
weite. nicht auf uns angesetztes licht, die routen
anzutreiben. geändert für. davor tritt nichts
als meldung vor. geht streife machen. trifft
die schonung durchqueren, auf schnellem fuß
in das verschwinden gehen, abwesendsein
von wänden. elementen. träumender spalt
ein schwarm von gedanken, hochgehoben
in sich verwahrt, beinahe nachgewachsen
aufmerksamkeit für wellen, dokumente, schutz
wo alles nur auf dieser seite da ist, plötzlich
schließt. die ränder laufen nicht zusammen"

In dem Zyklus nachts leichten die schiffe, mit dem der Band eröffnet,  finden sich Stimmungen aus der Beobachtung des Treibens am Bosporus: von Containern, dem Ziehen zu Ländern, Orten und Erinnerungen (hier auch durchaus mit politisch zu lesenden Konnotationen). Aufgetane Wortkomplexe nimmt Bleutge mit (auch aus seinen früheren Bändern, so zum Beispiel "Luft und Flocken"), wie eine Fracht, speist sie ins nächste Gedicht ein, um hier eine neue Flusswelt auf engstem Raum zu erdichten. In den hinteren Texten, in einem Anmerkungsteil genau vermerkt, benennt Bleutge Quellen, Stimmen und Eingangstexte, die ihn ans Überschreiben und Fortschreiben jener Stimmen und Stimmungen gebracht haben. Darunter Wolfgang Hilbig, Heiner Müller, Annette von Droste-Hülshoff, Inger Christensen und Allen Ginsberg. Hierüber erklären sich einige miteingezogene Schreibweisen wie das "ß" zum "sz" oder ein "th", wo heute ein "t" erwartet wird. aus dem Abschnitt mit lungenschlag und schwarzen flecken:

"glimmerspat, abend, feines schläfern. leise fortkollerndes
grundmark, innerhalb bäumen, staubmark, rieselndes rollen
anschaut der kalk. als liefen die mühlen, ein blaues salz
über versteinte flocken, den rohen grand
so eingeascht der muth, mein überflimmertes wollhaar
grauwände, flattern der reste, ein funken von harz
griesel flackert im stampfwerk. die unteren grade
anheizen wollen. die zerkleinerung nimmt zu
hinter gelenken, im stäuben. leichterer fund
die teilchen, trübe, die schärfe. weiter
das gestaffelte ohr, über steine, rauschende laugen
stempel, gerinne, die braunen zapfen verätzt"

Nachts leuchten die schiffe ist ein nahtloser Fortschrieb all dessen, was Nico Bleutge allein beherrscht. Der Band ist keine leichte Kost, aber das hat sicher auch niemand erwartet. Die Gedichte brauchen Zeit, um sich zu entfalten und genau die sollte man sich nehmen, um in die ganz eigene sinnliche (Wort-) Welt von Bleutge einzutauchen.

Nico Bleutge
nachts leuchten die schiffe
C.H. Beck
2017 · 87 Seiten · 16,95 Euro
ISBN:
978-3-406-70533-5

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