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Kritik

noch im hinterkopf der klang

Hamburg

verdecktes gelände, so heißt der im vergangenen März erschienene dritte Gedichtband von Nico Bleutge bei C.H. Beck. Er folgt auf die zwei Vorgängerbände klare konturen sowie fallstreifen (beide ebenfalls bei C.H. Beck erschienen, und zwar 2006 bzw. 2008).

           Ich will es gleich vorwegschicken: Die beiden Vorgängerbände werde ich nicht wirklich weiter mit einbeziehen, aus dem ganz einfachen Grunde, weil sie mir nicht vorliegen. Das ein oder andere habe ich natürlich über sie und von ihnen gehört (und dabei u.a., dass verdecktes gelände die gerade Fortsetzung der beiden ersten Bände sei), aber die Dinge sind, wie sie sind: Ich halte die Bände nicht in Händen, und dies war auch mit einer der Gründe, warum es mich gerade um so mehr interessierte, den neuen Band Nico Bleutges zu lesen, denn hat es nicht auch seinen ganz besonderen Reiz, mit einem Buch von jemandem, den man schon länger einmal lesen möchte, in Kontakt zu treten, ohne gleich alles Davorliegende mit aufrollen zu müssen? Sagen wir also daher einfach: Die beiden anderen Bände sind verdecktes Gelände im Vorfeld.

           verdecktes gelände ist in fünf Teile gegliedert, die die Titel dämmerung.schwanken, farnkraut, fischhaare finden, ringsum nacht und verdecktes gelände (der titelgebende Teil also)tragen.

           Alle in Kleinbuchstaben gesetzt, wie auch die Texte.

           Dieser letzte Punkt ist eigentlich nicht der Erwähnung wert; dass er dennoch hier Erwähnung findet, liegt daran, dass er bei diesem Band wie bei sonst keinem Band bisher oder keinen anderen Texten, die sich dieser Setzung bedienen (die ja parallel zur Gross- und Kleinschreibung längst Gang und Gäbe ist), etwas mit mir beim Lesen gemacht hat: Mein Blick hatte zu Beginn die Tendenz, regelrecht abzuprallen von dem Geschriebenen. Dieser Effekt war auch für mich höchstmerkwürdig.

           Nun ist das Nennen dieses Effekts keineswegs gleich wertend (oder gar abwertend) gemeint. Das Abprallen geschah, und war damit etwas, das ich zunächst einmal erkennen musste. Und da mir dies auch zum ersten Mal so passierte, hat es auch etwas gedauert, bis ich dahinter kam, was es war. Denn zugleich war klar: Dieses Abprallen war eben nicht nur (wenn überhaupt) der Kleinschreibung geschuldet.

           Was also war los?

           Nico Bleutges Band verdecktes gelände ist angewandte und anwendende (und anwendbare – dazu später mehr) Wahrnehmungslyrik, die in der Tat – und ich schreibe es, denn darauf wird oft und gerne hingewiesen – mit traditioneller oder überhaupt Naturlyrik nicht viel bis gar nichts zu tun hat, aber, und dies sollte klar gesagt werden, nicht etwa, weil sie diese unterläuft oder karikiert oder neuerfindet oder dergleichen, sondern einfach, weil sie keine ist (oder jedenfalls nicht im sogenannten ‚herkömmlichen‘ Sinne):

           Denn Wahrnehmen geschieht überall und immerzu, selbst im Traum. Und Wahrnehmen unterscheidet nicht zwischen Natur und Urbanem oder Natur und Nicht-Natur, es geht also primär nicht um Natur, und wenn überhaupt, dann geht es um Landschaften und Umgebungen, und die finden sich überall. Ja, selbst zwischen Wachen und Schlaf nimmt Wahrnehmung fließend ihren Lauf, nur dass der jeweils wahrnehmende Mensch es im Schlaf z. Bsp. verstärkt mit anderen Sinnen zu tun bekommt als z. Bsp. dem Auge. Dieses ist ja nun im Schlaf zumeist geschlossen und es ist, wenn es schon nicht ruht (und das tut es nicht), so doch auf andere Art aktiv als im Wachen. Dafür verfeinern sich beim Schläfer vielleicht Hör- und Geruchssinn, werden schärfer, und in verdecktes gelände kommen alle Sinne zum Zuge.

           Jeder Mensch ist, sprich lebt und erschafft sich stets seine ganz eigene Wahrnehmung bzw. wird durch sie erschaffen, eine Wahrnehmung, die sich immer zugleich speist aus kollektivem wie auch individuellem Bewusstsein und die dieses daher dann auch wieder nährt.

           Und besonders interessant hierbei sind dann eben auch das Erkunden von Übergängen und Durchlässigkeiten, nicht nur zwischen Schlaf, Traum und Wachen, sondern auch von der Beweglichkeit zwischen sinnlich, d.h. mit den Sinnesorganen Wahrgenommenem und Gedachtem. Gibt es da überhaupt ein Zwischen oder fallen sie nicht vielmehr zusammen und ineinander, sind also nicht vielmehr ein- und dasselbe? Was genau also nimmt ‚man‘ wahr, oder auch: was ‚ungenau‘? Und wer nimmt überhaupt wann wo wie was wahr…

           Zum Lesen von Lyrik braucht man Zeit. Das ist vielleicht eines ihrer Paradoxa: Da mag sie noch so kurz, dicht, gerafft und gedrängt sein und so gesehen ja viel weniger Zeit in Anspruch nehmen als zum Beispiel eine Erzählung oder ein Roman, dennoch – oder gerade deshalb, weil sie ist wie sie ist – will sie mit Zeit gelesen, und das heißt auch und vor allem: immer wieder gelesen sein. Sie ist damit, nimmt man sich ihrer ernsthaft an,  grundsätzlich eines der stärksten Bollwerke gegen jede fremd- oder selbstauferlegte Schnelllebigkeit.

           Für Nico Bleutges Band nun empfehle ich, besonders viel Zeit mitzubringen, denn auch gerade seine Lyrik trägt mehr und weiter, je mehr Zeit man ihr widmet, und Zeit meint hier vor allem zusätzlich noch etwas: Langsamkeit.

           Und das war es auch, was es zunächst abzulegen galt: Das ‚normale‘ Lesetempo, das man ja meist ansetzt, gerade um sich einen ersten Eindruck zu verschaffen. Zusammen mit den in Kleinbuchstaben sehr blockhaft wirkenden Texten blockierte es meinen ersten Zugang. Dann habe ich alles verlangsamt, und siehe, höre da: Die Texte begannen anzuklingen, aufzuglimmen, und zwar Zeile um Zeile, Wort um Wort, aber auch insbesondere untereinander. Und sie taten dies nicht unbedingt im lauten Lesen, sondern eher im Stillen, im ‚stummen‘ Lesen. Sie begannen sozusagen ihr großes Offenliegen zu offenbaren, den direkten Zugang also zum nun gar nicht mehr so Verdeckten.

           Denn trotz der äußeren Aufteilung in fünf Abschnitte sind die Texte des verdeckten geländes durchgehend von innen her durch eine Praxis „glimmender Echos“ miteinander verwoben. Und genau diese Praxis ist es dann auch, die das Lesen bisweilen zu einer Freude werden lässt, hat man erst einmal die ebengenannten Hürden genommen. Und man muss sie nehmen wollen, muss sich auf das Vorhaben und Vorgehen dieser Texte völlig einlassen, denn tut man dies nicht und trägt z. Bsp. noch dazu – wie manch einer dies vielleicht von vorneherein tut – bestimmte Erwartungen an sie heran (wie z. Bsp. das Verlangen, in den Texten doch bitte eine bestimmte ‚gesellschaftskritische Dimension oder Stellungnahme‘ anzutreffen oder gar eine Art ‚Frische‘), dann läuft man Gefahr, der Gedichte recht schnell überdrüssig zu werden. Denn ‚frisch‘ zum Beispiel wirken Bleutges Texte nun wahrlich nicht…

           Ich möchte hier nun lediglich ein paar Beispiele dieser glimmenden Echos geben, denn es gibt ihrer Unmengen:

           Die dämmerung, das erste Wort, auf das man in dem Buch stößt, wird im Teil fischhaare finden zur dämmerungsdichte, um dann im Teil ringsum nacht zu dem zu werden, auf das gewartet wird (warten auf eben diese dämmerung, mit der doch schon alles begann), wenn die flocken fallen, dicht an dicht. Und dieses dicht an dicht wiederum übernimmt dann den sich leise fortspinnenden Faden und findet eine Art strukturelles Echo in den kurz darauf vermehrt auftauchenden Wendungen, die sich seiner dreiteiligen Form bedienen: Aus dicht an dicht wird schicht über schicht, stück für stück oder – im letzten Teil dann, dem verdeckten geländeschritt für schritt (das gleich zweimal auftaucht) und geräusch um geräusch, schub über schub.

           Das Ganze gelände ist ein auf größte Präzision bedachtes und getrimmtes Unterfangen, in dem Versuch, etwas zu ‚erhaschen‘, was streng genommen eben nie präzise ist (sprich nicht streng genommen werden kann) und was – wie es dann auch viele Male in dem Band heißt – ohnehin nicht zu halten, geschweige denn zu fangen und festzusetzen ist: Der Übergang zwischen Wachen und Träumen, das Träumen selbst, die Überlappungen und Überlagerungen der Dinge, die man wahrnimmt und der Dinge, die man wahrzunehmen glaubt und denkt oder erinnert.

           Dies aber bedeutet, dass die vorgegebene und angestrebte Schärfe fast zwangsläufig in eine Art Dauer-Kollision geraten muss mit dem, was sie so genau durch Worte hindurch zu nennen wünscht. Das ist die Grundspannung, die dem Band zugrunde liegt.

           verdecktes gelände ist eine feinziselierte Sprach-Partitur, die sich vielleicht bisweilen auch etwas müde läuft, aber das liegt in ihrer Natur, es liegt in der Natur eben genau jener ‚Sache‘, die sie sich zum Grund ihres Entstehens gesetzt hat. Bleutge ist nicht etwa auf der Suche nach etwas, sondern er begibt sich direkt hinein und erschreibt sich und damit uns dieses etwas in genau jener fast schon überelaborierten Sprache, die zugleich leicht und sperrig daherkommt.

           Ich hatte mich für die Besprechung bereits daran gemacht, Aufbau und Verwobenheit der Texte genauer zu beschreiben, doch hätte dies das vorliegende Format gesprengt. Ich möchte daher nur jedem Leser nochmal ans Herz legen, Auge und Ohr aufs Äußerste zu spitzen, wenn er, möglichst behutsam, durch die Texte Nico Bleutges zieht. Und sollte er einmal genervt sein, dann lasse er ab und kehre vielleicht später zurück, denn dann ist höchstwahrscheinlich die momentane Lese-Einstellung eine andere, eine, die nicht bereit ist, dem Text in seinen unaufhörlichen Schub- und Sogbewegungen zu folgen. Vielleicht aber hat dann der Wahrnehmungsgenauigkeitswunsch Bleutges (der mitunter leider auch wie Wahrnehmungsgenauigkeitswahn  anmutet) auch jenen Leser (unmerklich und wider Willen) bereits gepackt; und anstatt zu lesen, kann man zum Beispiel die Zeit nutzen, um die eigene Wahrnehmungspraxis (weiter) zu schärfen: Hier liegt womöglich ein überraschendes, stimulierendes Anwendungspotential des lyrischen Materials, jenseits aller Lektüre...

           Zum Schluss daher noch einmal dies:

           Es geht in verdecktes gelände bei allem Sich-Erschreiben von Wahrnehmung und Wahrgenommenem vor allem um durchlässigkeiten, anders ausgedrückt: Dem bezeichnenden und damit festschreibenden Wort versucht Bleutge die Beweglichkeit und das Diffundierende einzuschreiben, zugleich aber ist sein ‚Gegenstand‘ von sich aus ohnehin dermaßen beweglich und diffus, dass er Mühe hat, ja unweigerlich haben muss damit, ihn überhaupt zu greifen. In genau diesem Spannungsfeld spielt sich alles ab. Man sollte also vielleicht gar nicht sagen, dass es um etwas geht, sondern dass etwas geht, versucht zu gehen…

           Während die ersten vier Teile ganz nah (so nah wie möglich?) am Wahrgenommenen entlang streifen und immer mehr in den Traum übergehen, in schlafgedanken,ist der letzte Teil fast schon eine Art aus größerer Ferne gesprochene Erläuterung dessen, was man vorher durchlebt, durchlesen hat. Da finden sich dann Sätze wie was sich vermengt, ist nicht zu halten oder die veränderung einer landschaft / verfolgen, ein gefühl für die felder, übergangsflächen, also genau die Benennung dessen, was die Texte versuchen zu leisten.

           Und ja, auch in verdecktes gelände (wie anscheinend auch schon in den Vorgängerbänden) schwingen Stimmen anderer Autoren mit (was jetzt nicht wirklich überrascht). Sie durchweg, und sei es auch nur als ein vages Gefühl, zum Schwingen zu bringen, scheint eines der Ziele Bleutges zu sein. Er nennt z. Bsp. Wallace Stevens, mit dem Gedicht „The Snow Man”, dessen Eingangszeile „One must have a mind of winter“ ihn zu dem Gedicht wasser im sinn haben inspiriert hat; das Gedicht nehme, so heißt es, diese Zeile zum „Motto“, wobei Stevens Gedicht insgesamt durch das gesamtegelände zu schweben scheint. Die massivste Präsenz einer anderen Stimme findet sich im heut nacht durchschritt ich, das sich tatsächlich über eines der letzten Heiner Müller-Gedichte – und zwar das Gedicht „Traumwald“ – legt, sprich eine echte Überschreibung (wie Bleutge es auch nennt) dieses Textes darstellt und damit – würde man Müllers und Bleutges Fassungen verschmelzen – vielleicht die Grundfrage dessen stellt, was alles Wahrnehmen animiert: träum oder fehl ich was ich seh?

           Alles treibt unauflösbar hin und her zwischen Traum und verpasster, ja, fast möchte man sagen immer schon verpatzter Realitätswahrnehmung, besser noch Wahrnehmungsrealität. Doch ist es durchaus die Mühe wert, dieses unablässige hauchen, von innen, dieses unendliche schieben mit Nico Bleutge zu durchlaufen. Und was davon zu wem dann wie hinüber diffundiert, bleibt eben nicht dahingestellt; es prägt sich zum Teil ein und zieht davon.

Nico Bleutge
verdecktes gelände
C.H.Beck
2013 · 75 Seiten · 14,95 Euro
ISBN:
978-3-406-64678-2

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