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Kritik

Once upon a time there was a tavern ...

Nico Feidens Buch "Blaue Wildnis" gibt sich verführerisch, macht es (mir) aber nicht leicht, es zu mögen.
Hamburg

Es gibt etwas, das sehr für diesen Band spricht, und es gibt daneben etwas anderes, das sehr gegen ihn spricht. Beides ist unzweideutig bezeichenbar, beides gehört zu "Blaue Wildnis" notwendig dazu (ist also nicht das Ergebnis von Zufall, höherer Gewalt oder Unvermögen) und beides ist grundsätzlicher Natur. Beides ist, zu allem Überdruss, auch noch mit den selben Worten bezeichenbar – nämlich: "Blaue Wildnis" ist ein Gedichtband für Sechzehn- bis Dreiundzwanzigjährige, die sich's grade in jeder Hinsicht so richtig geben. Damit ist auch gesagt, dass die Entscheidung "für" oder "gegen" "Blaue Wildnis" mehr als im Fall vieler anderer Bücher eine echte Geschmacksfrage sein wird; also weiters, dass man sich ihrer, der Entscheidung, am besten enthalten und statt dessen einfach beschreiben sollte, was vorliegt. Also:

Mit genauerer theoretischer Einordnung brauchen wir Feiden nicht zu kommen. Seine Gedichte behandeln durchsoffene Nächte, Drogenerfahrungen, Sehnsuchtstaumeln, Entgrenzungsmomente ... Sagen wir Punk-Romantik zu der Gemengelage, wobei der Punk die selbstbewusst gesetzte Einfachheit der verwendeten Mittel beisteuert (drei Akkorde bei den Sex Pistols, ungebrochenes Verhältnis zu Naturmetapher und Oh-Mensch-Gestus bei Feiden), die Romantik dagegen das Leitmotiv der Gegenüberstellung Tag versus Nacht, destruktive Nüchternheit versus Schwarmschwärmen, sterile Sauberkeit versus schöpferischer Dreck, bedrohlich weite Räume versus schutzbietende Nischen, äusserlicher Anpassungszwang versus befreiende Innerlichkeit usw.

In der Natur dieser solchen Sache liegt, dass wir die meisten in "Blaue Wildnis" ausgestellten Sprachbilder und Motivketten schon anderswo her kennen. Ebenfalls in der Natur dieser Sache liegt, das das die Texte nicht anficht. Über den Einwand der Rekonstruierbarkeit ihrer kulturellen Genese rettet sie jederzeit die – dürfen wir sagen Inbrunst? – Inbrunst ihres Authentizitätsgestus.

Man liest diese Texte – etwa hier, "SWEET DREAMS", den ersten des Bandes:

Durch schlaflose Straßen.
Luna, schöne Weisheit im Mond der Nacht,
musikalische Fenster zum Himmel der Welt,
wo Menschen träumend tanzen.

          "Lass uns was trinken, Süßer"
und die Luft schmeckt nach Kotze und Wein
          – Ich trink lieber allein –

3.13 magische Zeit,
magische Nacht.
Den Fluss entlang mit Wein und Kippen,
keine Vögel weit und breit,
nur Ratten auf der Suche
nach den Resten der Nacht
(auf der Suche nach mir)
taumelnd zwischen schlafend und wach.

Einsamkeit als Kosmos,
betrunken auf dem Boden.
Jede Stunde ist ein neues Leben,
doch bleibt die Seele für immer
und du weißt aus rot wird grau
und die Kehle ist mit Wein geweiht.

Vorbei, klingt Wahrheit bitter im
Nachhall meiner Schritte.
Dein Herz belehrt dich
und meine Leber mich.

Statt Rosen und Zypressen
wächst Unkraut auf der Zeit.
Ewigkeit, ich lass dich gehen.
Jetzt lebendig sein.

– und der innere Dialog, der sich (in beispielsweise mir) daraufhin abspult, geht ungefähr so:

A: Was soll ich damit?

B: Weisst du nicht mehr? "Prefer a Feast of Friends to the Giant Family"? Du warst auch mal so drauf, und warst weniger artikulationsfähig als dieses lyrische Ich hier.

A: Ja, und ich bin's zum Glück nicht mehr.

B: Was jetzt?

A: Beides. So drauf, und artikulationsgehemmt.

B: ... Stell dir mal vor, du hättest damals so einen Gedichtband in die Hand gekriegt wie diesen hier, zur Abwechslung, statt, was weiß ich, Hermann Hesse und Jim Morrison.

A: Das Zeug hab' ich verdrängt, "Blaue Wildnis" würde ich genauso verdrängt haben.

B: Verräter!

A: Was heisst Verräter? Sinnig-besoffen in den Himmel glotzen kann ich immer noch as good as any man ...

B: Schaumal. In keiner Nummer von Coco Rosie oder den Neubauten würde dich ein unironisch in den Himmel gehängter Symbol- und Leuchtemond stören, nicht mal, wenn er, wie hier, Luna heißt und "Weisheit" daneben ausbuchstabiert ist. Dort freust du dich dann sogar noch über das so gekonnt-gefühlsechte Geklimper auf dem Kinderklavier nebst bedetungsvollem Spieluhrspiel.

A: ... Aber dort ist das Musik, und ist damit immer schon Zitat von einem Zitat von einem Zitat; sogar noch die sogenannte Echtheit der sogenannten Gefühle ist ein Zitat ....

B: ... das würden die KünstlerInnen im Einzelfall ggf. anders sehen ...

A: ... ach die, was wissen die schon. Um die geht es nicht.

B: ... Siehst du. Und ob Feidens Mond, Nebel, Jazz und Kippen absichtliche Zitate sind, oder nur faktische, kann dir genauso wurst sein. "Blaue Wildnis" wird genau den Leuten einen Riesenspass machen, zu denen du, gibs zu, mit leiser Eifersucht rüberschielst, wenn du um viere Nachmittags im Stadtpark an ihnen vorbeigehst und sie sind schon zugange mit Dosenbier und Hunden und Gitarre ...

A: Na dann. Wohl bekomms!

Nachtrag: Auf den "Jazz"-Abschnitt in dem Gedicht "Welt und Wahnsinn" konnten sich die beiden inneren Stimmen dann einigen. Und darauf, dass das Buch durch die zahlreichen Illustrationen des einnamigen Künstlers Giacomo sehr gewinnt, nämlich: den Charakter eines Bilderbuchs oder "Reiseführers" in Feidens Rotwein-und-Kippen-Halbtraum-Halbwelt annimmt, den man auch dann gerne durchblättert, wenn man sich vom Romantikpunk, der da zu einem spricht, ein paar Schritte distanziert halten möchte.

Nico Feiden
Blaue Wildnis
Illustrationen: Giacomo
ELIF Verlag
2015 · 84 Seiten · 11,95 Euro
ISBN:
978-3-9817509-3-5

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