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Kritik

Beschwörung der Unfertigkeit

Eine junge Frau sucht ihre verschwundene Freundin – oder eher sich selbst?
Hamburg

„Ich bin in 45 Minuten bei euch, haltet mir einen Platz an der Bar frei“, übermittelt der Regattasegler Harvey Conover seinem Jachtklub, bevor er und sein Boot auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Die Flugpionierin Amelia Earhart geht 1937 im Pazifischen Ozean verschollen; weder das Flugzeugwrack noch ihr Leichnam werden je gefunden – dafür 70 Jahre später die Reste eines Damenschuhs, eine Puderdose und verschiedene Werkzeuge, die ihr gehört haben könnten.

Derlei Fallgeschichten, die seit jeher die menschliche Fantasie beflügeln, durchziehen Nina Bußmanns zweiten Roman „Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen“. Geheimnisse und ungelöste Rätsel hätten Nelly, um deren Verschwinden sich das Buch dreht, schon in ihrer Kindheit fasziniert – so zumindest stellt es die namenlose Ich-Erzählerin dar. Durch deren Augen entfaltet sich Seite für Seite das Bild einer schillernden, widersprüchlichen, so anziehenden wie abstoßenden Persönlichkeit. Auch wenn wir über Nelly selbst möglicherweise rein gar nichts erfahren – sondern vielmehr über die Sehnsüchte und Projektionen der Berichtenden.

Zum Zeitpunkt ihres Verschwindens, so die rohen Fakten, befindet sich die Seismologin im Rahmen eines Forschungsaufenthalts in Nicaragua. Eines Nachmittags bricht sie zusammen mit einem befreundeten Ingenieur in dessen Privatmaschine Richtung Maisinseln auf. Das Flugzeug verschwindet vom Radar; Monate später wird ein Wrackteil gefunden, doch von den Insassen oder ihrem Gepäck keine Spur.

Ihr Zimmer in San Dionisio, einer verschlafenen Kleinstadt zwischen Kaffeeplantagen,  hinterließ Nelly ungewohnt aufgeräumt. War ihr Verschwinden geplant? Und wenn ja – wovor mag sie geflohen sein? Eigentlich schien in ihrem Leben alles ganz in Ordnung, von außen besehen sogar beneidenswert klar strukturiert. Kurz vor ihrer Forschungsreise hatte sie eine Juniorprofessur angetreten und zusammen mit ihrem Freund Jakob eine Wohnung gekauft; Andeutungen fielen, dass die beiden ein Kind adoptieren wollten.

Alle, die zurückbleiben, müssen mit der Ungewissheit ihres Verschwindens leben. Eine erträgt dieses Nicht-Wissen ganz besonders schlecht: Die Ich-Erzählerin, die bezeichnenderweise nicht nur namen- sondern auch den ganzen Roman über seltsam konturenlos bleibt. Zu Beginn ihres Studiums (Nelly Geophysik, die Ich-Erzählerin Soziologie) lernen sich die beiden im Studentenwohnheim kennen, verlieren sich dann aus den Augen und begegnen sich erst kurz vor Nellys Abreise wieder. Eine wirkliche Nähe scheint zwischen den beiden nie bestanden zu haben. Dennoch verbeißt sich die Erzählerin beinahe obsessiv in ihre Suche nach der Verschollenen.

„In ihren Briefen hatte Nelly die Unfertigkeit beschworen, ein Leben von Licht und Wasser und von den Bäumen gefallenen Früchten“, erinnert sie sich. Vielleicht ist es genau dieses Fluide, das auch die Erzählerin in seinen Bann zieht – ein Provisorium, das sie selbst sich nie zu leben getraut hätte. Seit dem Studium reist Nelly um die Welt und sucht sich dabei „möglichst fragile Staaten“, in denen politische Umwälzungen ebenso an der Tagesordnung sind wie Orkane, Dürren, Überschwemmungen und Erdbeben. Sie richtet sich ein im Ausnahmezustand, ganz so, als gäbe ihr die Erfahrung von Instabilität den größtmöglichen Halt. Vor der Küste Mittelamerikas untersucht sie tektonische Verwerfungen, die „Bruchlinien“ und „geborstenen Ränder“ der Kontinentalplatten: auch dies ein eindrückliches Abbild des kolossalen Gefahrenherdes unter unseren Füßen, den wir – genau wie jede andere Naturgewalt – ausblenden müssen, um so leben zu können, wie wir leben.

Auf Nellys Spuren reist die Ich-Erzählerin nach Nicaragua und nistet sich in deren ehemaligem Zimmer in San Dionisio ein, unter der Obhut einer merkwürdig zusammengewürfelten Patchwork-Familie/Zweck-WG. Trotz ihrer Obsession verliert sie ihr Ziel zunehmend aus den Augen, verfällt demselben „unschlüssigen Lungern“, das auch in Nellys Briefen durchklang – unterlegt von einem nervösen Warten auf das nächste große Beben, das jederzeit alles in Schutt und Asche legen könnte.

Alles in Nicaragua wirkt vorläufig, bis hin zur Architektur – könnte doch jederzeit ein Erdrutsch oder ein gekippter Planungsbeschluss das Errichtete wieder vernichten. Präzise beschreibt Bußmann diesen Zustand zwischen innerer Anspannung und Antriebslosigkeit, durchzogen von einer Art magischem Realismus, der sich interessanterweise nicht nur in der Fremde, sondern auch in der Heimat niederschlägt. So wohnt dem bröckelnden Glamour des ehemaligen Goldgräberhafens Corinto, den geschlossenen Kinos, Hotels und verlassenen Tanzsälen eine ebenso apokalyptische Stimmung inne wie dem Dorf bei Frankfurt, in dem die Ich-Erzählerin Nellys Mutter besucht. Ein Sumpfgebiet voller Zecken und Schlangen, schenkt man dem Ich Glauben, kaum weniger furchteinflößend als der nicaraguanische Dschungel: „Ich spürte aus jedem Fenster Blicke, als wäre die leere kochende Straße eine Falle, als hätte ich eine Ausgangssperre missachtet, eine Katastrophenmeldung verpasst, und die letzten Bewohner des Dorfes beobachteten hinter ihren Gardinen, was ich als Nächstes tun würde.“ Jederzeit könnte etwas reißen, kippen, ins Rutschen geraten – diese existenzielle Verunsicherung, die sich auf die gesamte Wahrnehmung, die Landschaft, die Mitmenschen ausdehnt, fängt Bußmann brillant ein. Bis hin zur Sprache. Irritierende Vokabeln wie „hoher Vormittag“, „Ungunstraum“, „Verglosen“, „Totholz“, „Störgrößen“, „Passivstandard“ – eine Mischung aus altmodischen, romantisierenden und fachsprachlichen Begriffen, die exakt zu sein vorgeben und dennoch beinahe unendliche Assoziationsräume aufmachen – spiegeln dieses „unangenehme Schwanken“, das selbst im wissenschaftlichen Bereich die Unmöglichkeit einer Genauigkeit erzeugt. „Ein Vorzeichenfehler, und du kannst alles wegwerfen“, sagt Nellys ehemalige Assistentin; genau dasselbe gilt letztendlich für alle Annahmen der Ich-Erzählerin über Nelly und deren Verschwinden.

Viele Gerüchte ranken sich um die Verschollene: Zahlreiche Affären hätte sie gehabt, möglicherweise Kontakt zu illegalen Protestbewegungen aufgenommen, auch von Suizidgedanken ist die Rede. „In diesen Überlieferungen führt sie das Leben einer Jugendlichen, einer Irren, einer Heiligen“, fasst die Ich-Erzählerin nüchtern und ein bisschen abfällig zusammen. Als Soziologin weiß sie schließlich um die „Erinnerungslücken und Erzählbarrieren“ ihrer Interviewpartner, hat „Übung darin, in Ausblendungen und Ausweichmanövern und abgebrochenen Sequenzen die Stümpfe aufgeschichteter Erfahrung zu erkennen und zu ergänzen“. Immer schon habe Nelly die Gefahr gesucht, sich in Wetten und Mutproben mit anderen gemessen, berichtet sie selbst, und manchmal die Grenzen zwischen Fantasie und Realität nicht unterscheiden können. Ihr Wesen habe die Menschen polarisiert. „Dass es wahrscheinlich niemanden gab, den Nelly nicht gegen sich aufgebracht hatte, wenige, die nicht auch ein bisschen in sie verschossen waren“, spekuliert sie weiter, und man beginnt zu ahnen, dass beides sowohl auf die befragte Assistentin als auch auf die Erzählerin selbst zutrifft.

„Ihr könntet Schwestern sein“, ruft Nellys ehemalige Liebhaber erstaunt aus; indes hält man Jakob, der sie teilweise auf ihrer Suche begleitet, immer häufiger für ihren Freund. Auch im Jetzt vermischen sich die Ebenen von Behauptung, Wunsch und Wirklichkeit zusehends. Oder anders gesagt: Die Ich-Erzählerin beginnt sich Nellys Identität überzustreifen, in dem Maße, wie sie ihr von außen angedichtet wird. Ab und an streut Bußmann Hinweise auf eine mögliche psychische Labilität der Erzählerin ein; en passant werden Klinikaufenthalt und Medikamente erwähnt. Zugleich jedoch etabliert sie sich immer wieder als objektive Instanz, der man geneigt ist, Glauben zu schenken – ein raffinierter Schachzug, der auch die Leser_innen im Ungewissen hält. Was haben wir über Nelly, was über das Ich erfahren? Am Schluss bleibt die Frage nach den blinden Flecken des Menschen sich selbst gegenüber.

Ein Text, der fast ausschließlich um eine Leerstelle, eine schmerzhafte Abwesenheit, kreist, zumal aus unzuverlässiger Perspektive erzählt, ist mit Sicherheit ein großes Wagnis. Bußmann ist es mehr als geglückt.

Nina Bußmann
Der Mantel der Erde ist heiß und teilweise geschmolzen
Suhrkamp
2017 · 329 Seiten · 22,00 Euro
ISBN:
978-3-518-42580-0

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