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Kritik

De-Monstration..?

Hamburg

Nora Gomringer ist eine der erfrischendsten, gewitztesten und schlicht besten Stimmen, die die Lyrik der Gegenwart vorzuweisen hat. Das bestätigen auch ihre Monster Poems, worin das Monströse, das sich nicht demonstrieren lassen will, mit Witz und Charme (aber nie „kulinarisch”) auf die Seiten eines bunten, abgründigen Bandes gelockt werden.

Woher die Monster stammen? Wie schon bei Artmann aus der Trivial- und Popkultur, die doch zuweilen ein verblüffendes Sensorium hat – ist es nicht bezeichnend, wie uns der Vampir als zügelloser Kapitalist einerseits und andererseits als letzte Verfallsstufe des Proletariats der Zombie schrecken..? Geht es nicht immer ums Kennen dessen, wovon man sich abzugrenzen habe?

Was auch immer dies sei, es kommt aus der Hölle, die leer ist – „and all the devils are here”, wie Gomringer mit Shakespeare sagt, ehe ein Monster nach dem anderen vortritt, geradezu artig. Es ist ja auch mancher Popanz darunter, dem man seine Kindlichkeit ansieht, die jener Tage, als man fürchtete, was man nun herbeibeschwört und -zitiert; „ich war das Mädchen”, doch „das Monster bin ich”, wie sehr man dem Chiasmus trauen will, der eine Antithese suggeriert, das ist fraglich...


Source: Monsterpoems.de

Alles, auch Godzilla, ist Exemplar beziehungsweise „Echsemplar”, in aller Furcht steckt ein Kennen und manchmal ein Begehren, „ein Phänomen called Sehnsucht”: „Richard the Gere”, wie ein Narziß, der kraftlos werden mag, doch immer einen „spring in your step” zeige. Auch das Baby ist ein Monster; nichts, was es bändigte, was zeigte, daß des Menschen Natur die Kultur sei, womit seine ungebrochene Natur die Natur des Menschen verrät. Ein Konglomerat an Gewalt und Unschuld, an dem man in seiner Verantwortung zerbricht, liefert hier einen dialektischen Horror: „Was in es gefüllt wird, / soll Spuren hinterlassen” ... das Unheimliche sind auch hier: wir. Beim Golem wird es überdeutlich: „ich dein Schöpfer, du am Schopf.”

So ist dieser Band eine Selbstfindung, bei der einige Tippfehler auffallen, die aber – zumindest fast – zu den Verschiebungen beitragen. Wer wollte bestreiten, daß ein „Wiedergänger” auch ein „Widergänger” sein könne, wer, daß es einen „Standartsatz” geben mag, worin die Gewalt des Standards vorweggetragen zu sein scheint..?

Alles in allem wieder ein wunderbares Buch, ergänzt um Nora Gomringers Vortragskunst auf CD, man sollte es lesen, es hören, es fürchten..!

Fixpoetry gratuliert Nora Gomringer

Der Literaturpreis des Kulturkreises geht in diesem Jahr an Clemens J. Setz - Nora Gomringer erhält den Poesiepreis 2013
Der mit 20.000 Euro dotierte Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft im BDI e. V. geht in diesem Jahr an Clemens J. Setz. Den mit 10.000 Euro dotierten Poesiepreis erhält Nora Gomringer. Der Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft ist mit 20.000 Euro einer der höchstdotierten deutschen Literaturpreise in der Sparte Prosa. Im zweijährigen Wechsel wird zudem ein mit je 10.000 Euro dotierter Poesie- bzw. Übersetzerpreis verliehen. (21.05.2013  Source: Kulturkreis der deutschen Wirtschaft)

Nora Gomringer
MONSTER POEMS
Illustration: Reimar Limmer
Voland & Quist
2013 · 64 Seiten · 17,90 Euro
ISBN:
978-3-863910-28-0

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