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Gertrud Kolmar Preisverleihung
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Gertrud Kolmar Preisverleihung
Kritik

U.

Feuerfeger wissen wo sie bleiben müssen
Hamburg

1

Und? Ist dieser Hund ein Meistersänger
mit heißem Mund und knochentrocken?
Ein Dichter reimt, heißt Schiller und
dreht sich Finger in die Locken, denkt
und grübelt, umkreist den Hänger
und hofft auf einen nächsten Fund: das u.?
- ein Fisch zum auf das Feuer legen -
und muß erst noch die Koje fegen.

                                 – FM

2

Mir lief das Und-als-u [?] über den Weg beim Literarischen März 2015 in Darmstadt, Özlem Özgül Dündar las und Norbert Hummelt saß da oben in der Jury. Und das u begegnet mir wieder in seiner “waldschlucht”, die in Terzinen aba bcb gereimt ist, gleich dem ersten Gedicht seines neuen Gedichtbandes “Fegefeuer”, bereit und willig im dritten Vers, bei Hummelt aber mit einem Punkt – u. – und dann so weiter im ganzen Band.

Plus, sowie, darüber hinaus, ferner, fernerhin, ansonsten, noch, zusammen mit, dazu, weiter, außerdem, daneben, hierneben, zudem, auch, aber, zugleich, zusätzlich, sonst, überdies, obendrauf, ansonst, unter Anderem, doch, gleichzeitig, indessen, jedoch, obendrein, wie, wohingegen, zuzüglich, mit, mitsamt, nebst, samt – für das alles synonym können und sowie u. stehen.

Es zwingt sofort in das Formwarum, inmitten der Reimerei ein Überraschungsei, das sagen will, ich kann es: beides, das Neue und das Alte, u. ich versuche es zu einen. Denn notwendig ist es nicht, das u., 's ist nur ein modisches Detail, ein Zweierlei, ein und und ein u mit Punkt, ein abgekürztes Mehr, und auch gebraucht als abgekürztes Hernach, und er hält das durch. Man braucht das und nicht, es kann ersetzt werden, man spart nicht viel, immerhin ein Zeichen pro Gebrauch der Abkürzung, aber man schenkt sich was. Aber was? Was schenkt mir das u. – außer der Aufmerksamkeit des Lesers, was will ich mit dem u. in einem Sagetext sagen, vor allem in einem langen fließenden, der per Reim zum Fluß gezwungen wird?

Eben die Aufmerksamkeit und seltsamerweise: auch den Fluß.

Ich habe mir die u.'s aus Hummelts Texten weggedacht und habe sie gleich vermißt. Sie sind in den Texten eine Art Leim, fast so wie bei den alten Expressionisten, eine besondere Note im Fluß, die Reihung, die sagt, das ist noch nicht fertig, es gibt noch viel mehr und es gehört alles irgendwie zusammen. Das Bild ist unkomplett ohne den Verbund des u.'s, und die Texte brauchen das und, das hier als u. erscheint. Ich spinne jetzt: Und niemals soll ich Weises ohne Zusatz sagen. U. fegt das feuer feste flackernd deiner feigheit hinterher. Und Hunde gehen streng bei Fuß. U. bunter wahnsinn bricht aus küssen in das wüstenei der nacht. Durch seine exponierte Darstellung gewinnt das und bei Hummel eine steuernde, melodische Funktion, die wir aus dem Expressionismus kennen.

'S ist keineswegs ein Imitat oder ein Schaustück im Kuriositätenkabinett oder ein Beleg von Traute. Es ist kalkuliert, in die Texte hineinmontiert. Die Gedichte des Bandes sind zwischen August 2011 und April 2016 entstanden und kennen in Gänze kein und mehr, sondern nurmehr das u. Würde für mich bedeuten, sie haben das u. in der Überarbeitung bekommen, in der Nach-Darmstadt-Zeit. Nachdem Dündar am Pult auf der Bühne stand und das “u.” auch als “u” gelesen hat, in einer sehr fangenden Weise, weil es in ihre Texte auf eine ganz andere Weise passte als in die Texte von Hummelt, fast wie eine Überwindung von Sprachlosigkeit, wie ein Finden ins Sagen, was aus einem unsagbaren Netz zu reißen geht und nun verstümmelt vor mir steht.

Das u. ist ein kleines Detail des Fegefeuers. Ein anderes, größeres ist das Ich. Es ist wirklich da, kein Scheiß Mann. Kein Schmu. Auch wenn der Klappentext Ungeheuerliches schreibt:

Emotional glaubwürdiger und literarisch überlegter schreibt heute niemand unter den deutschsprachigen Lyrikern.

Emotional glaubwürdig schreibt nämlich heute gar keiner mehr – oder bekomme ich hier heftigen Widerspruch? Wer will denn heute Emotion in seinen Texten. Ich bitte Sie, Herr Klappentexter, das ist Seventies! Innerlichkeit – Nein Danke! Innerlich, das darf sich nicht. Wer icht spricht nicht für mich. Was der Klappentexter meint, ist etwas ganz anderes: Es beißt sich nicht. Es beißt sich nicht, ein Ich spielen zu lassen in einem Gedicht, das gut gemacht ist. Aktives, agierendes Ich heißt nicht gleichzeitig Gedicht von gestern, sondern eher noch:

Herausforderung, es gut und zeitgemäß (was auch zeitlos heißen kann) zu tun. Also wenn schon, dann aber auf feine Weise, auf literarische und textlich reife. Das ist eine echte Herausforderung. Gebastelt ist gleich, aber ein Hummelt-Gedicht will etwas anderes und hat so ganz eigene Schwierigkeiten, die man meistern muß und denen sich Hummelt stellt. Das ist, was man dann unter seiner eigenen Stimmlichkeit versteht. Was dabei entsteht, bei diesem schwierigen Prozess des eigenen Textens, das ist bei Hummelt jede Zeile wert. Er macht sich einen Reim drauf – diese verarbeitende, gestaltende Seite des Dichtens ist auch Bestandteil der ungereimten Verse. Und das bedeutet nicht, daß er sich etwas zurechtdenkt, sondern er denkt zu Recht, daß in den Worten schwimmen kann, was etwas anderes ist als derjenige, der sie setzt (: den suche dort nicht! den wirst du nicht finden! u. findest du ihn, dann geh ihm aus dem weg u. werfe den text zu den schweinen! er soll geworfen werden u. dann belassen!).

In den Worten schwimmen tut etwas komplett anderes. Hier beginnt die Poesie, und auch die Liebe zur Poesie spielt sich dort ab, ein Schwimmbad, eine Wasserrutsche, Köpper vom Dreier, Abtauchen, Auftauchen, die Umarmung des Delfin.

3

Damit bin ich d'accord mit Dieter Mersch, der in seinem Essay „Kunst und Sprache“ schreibt, es

erstaunt oder fesselt an Kunst nicht so sehr das Raffinement ihrer Szenarien – das hieße, ihre Kraft allein dem Technischen, dem Dekor der Konstruktionen zuzuschreiben, welche wiederum diskursive oder textuelle Funktionen darstellen. Vielmehr fasziniert an Kunst vor allem das Aufscheinen des Anderen, jene sich immer wieder neu auftuenden Abgründe der Exsistenz.

Mersch vertritt die Auffassung, es

soll von Kunst als dem Zwischenraum zwischen dem Symbolischen und dem Ereignis gesprochen werden.

Dort bewegt sich das zu gewinnende Zeichen im Unbestimmten hin und her, nicht als Label, sondern als Bild, als Attribut, als Farbe, Tempo, Geschmack, als Gefühltes, Geschautes, Gespürtes und Gedachtes. Wie immer man das haben will und für sich als richtig erklärt und empfindet.

4

nur wenn ich hier bin bin ich nicht alt u.
wachse noch mit den farnen im wald u.

Hummelt besucht alte schöne Gärten und ist “nicht alt”. Warum schreibt er nicht “jung”? – Weil er aus dem Altsein kommt, im Altsein lebt und die Gefängnisse des Alters kennt (vielleicht noch nicht seine offenen Gebiete). Und er ist ungefähr größer als die Farne, die noch seinen Horizont verändern. Nicht alt, das ist kein Wortpopanz, aber doch ein Riese hier. Eine Kindheit auf dem Land, er begegnet Kreuzotter, Fuchsspur und Kohlenschlepper, man raucht dort Reval u. auch Attika u. pflückt noch Beeren in die Hand. Und schon hier gibt es jemanden, der bei ihm ist, einen, den man seinen Lebtag nicht verliert: Hummelt nennt ihn den Wächter. Es ist der, der in uns verhindert, daß wir glücklich werden. Er bewacht das Haus und hält heraus, daß wir uns erfüllen. Wie macht er das? Auch indem er verhindert, daß wir das Haus verlassen.

Auf all das ist ein Reim zu machen. Hummelt ist ein begnadeter Erzähler, dessen Ich nie peinlich wird, und wenn er reimt, dann verschiebt er es in den Text, dann wirkt beiläufig, von formalen Etüden unterbrochen, was gewollte Anwesenheit ist: irgendwie reimt es sich, irgendwie ergibt das einen Song u. irgendwie einen mood und einen hellen blues. Das gehört zusammen, die Bilder und die Zeit, das Kind, der Jugendliche, das Erwachsen. Das ist aufgehoben nicht in Daten, sondern Bildern und irgendwie auch Melodien. Man braucht für Inhalte keinen Namen, sondern das Gedicht, das aus sich selber das Weitere miterzählt, das dem Wächter durchschlupft, wenn er die Fakten wählt.

Eine wohltuende Distanz und eine wohltuende Akzeptanz spricht in den Gedichten – der ständige Rückgriff auf Reime rundet ihre Bewegung. Da ist nichts peinlich und nichts Peinliches fremd. So erzeugt sich ein Ton, dem es gelingt, den Leser einzufädeln in den Sog, in das Entlang des Klanges. Kaum ist das Buch weggelegt, will man es wieder hören.

Also eine Empfehlung. Das Buch spricht mit mir. Und ich hatte nicht die Absicht, es mit mir sprechen zu lassen. Aber es hat mich überzeugt. Das ist eine reife Leistung. Und so doof der Klappentextspruch daherkommt mit der emotionalen Glaubwürdigkeit, er reißt eine Reife an, die man selten findet und von der aus man sich wünscht, sie möge erkannt und geschätzt werden über lyrische Religionen hinaus.

Norbert Hummelt
Fegefeuer
Gedichte
Luchterhand Literaturverlag
2016 · 18,00 Euro
ISBN:
978-3-630-87521-7

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