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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
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Poesie & Politik / 10 Jahre Institut für Sprachkunst
Kritik

Die Chimäre des Schreibens

11 Essays über Fremdsein und Entfremdung, Heimat in der Sprache und die Konstanz von Gewohnheiten
Hamburg

Norman Manea, 1936 in der Bukowina geboren, ist Zeitzeuge der wechselvollen Geschichte Europas im 20. Jahrhunderts, von Faschismus, Kommunismus und Antisemitismus, und nach zweimaliger Exilierung ein Schriftsteller, der uns den Schock des Vaterlandsverlusts, die Konsequenzen von Flucht und Vertreibung und seine einzig verlässliche Heimat, nämlich die Muttersprache, exemplarisch in diesen Essays mit solch ungeheurer Authentizität, Wahrhaftigkeit und Tiefe nahe bringt, dass es zu Herzen geht.

Die Eckpfeiler seiner Biografie seien hier kurz umrissen: 1941 wurde Manea, gerade einmal fünf Jahre alt, in ein Konzentrationslager in der Ukraine deportiert, das er überlebte. Er kehrte nach Rumänien zurück, wurde Schriftsteller in Bukarest, ehe er mit 50 Jahren erneut ins Exil gezwungen wurde, „in eine fremde Geografie, eine fremde Geschichte und eine fremde Zivilisation“. Diesem Exil in der Ferne war das jahrelange innere Exil vorausgegangen, seine Zuflucht zu Büchern und Einsamkeit.

Manea ging 1986 zunächst dank eines Stipendiums nach Westberlin, 1988 dann nach New York, wo er am Bard College als Professor für Europäische Kulturstudien lehrte.

Den Sprung nach Amerika, in die Neue Welt, hatte ich mir nicht gewünscht und er versetzte mir einen Schock. Die Entnahme und Ausbürgerung aus der eigenen Biografie erschienen mir wie ein Fluch, der speziell für mich als Schriftsteller erfunden worden war, ich hatte kein anderes Hab und Gut als meine exotische Sprache, ... nur dass diese Sprache nutzlos war, nachdem die Seismik mich auf einen linguistisch fremden Planeten geworfen hatte.

Ankerpunkt und Heimat bleibt für Manea die rumänische Sprache, in der und durch die er sich verwurzelt fühlt, obwohl er an sich schon früh eine „diffuse Veranlagung zur Mehrsprachigkeit“ konstatierte und neben Deutsch und Jiddisch auch Russisch, Französisch und Hebräisch lernte. „Ein Zuhause habe ich schließlich nur in einer einzigen Sprache gefunden“, schreibt Manea und auch: „Mein Englisch ist eine Mietsprache“.

Was im Exil eigentlich geschieht, ist die unvermeidliche soziale Entwertung der Muttersprache, die Aufhebung ihrer Kommunikationsfunktion. Es gibt eine Dynamik der Beziehung zwischen der Sprache der Innerlichkeit, dem gedämpften Klang der Gedanken, und der äußerlichen Phonetik. ... Von überall springt einen jetzt die Sprache des Lebens „danach“ an. Die ringsum miteinander oder gar mit einem selbst reden, lassen die innere Sprache nicht anklingen.

Manea weiß sich nicht alleine, schreibt hier nicht nur über seine Erfahrungen, sondern setzt mit seinen Essays „Gedenksteine“ für rumänische Kollegen, die ins Exil gingen. So erfahren wir über persönliche Begegnungen mit Saul Steinberg und Emil Cioran, Eugene Ionescu oder Paul Celan. Gemeinsam ist ihnen die Erfahrung von Flucht und Exil, gemeinsam auch das Thema Sprache und Freiheit der Sprachwahl. Manea thematisiert die Übersetzbarkeit von Texten in andere Sprachen mit ihren völlig anderen Hintergründen. Denn jede Übersetzung sei immer nur ungefähr. Und manche Texte würden sich jedem Bemühen entziehen, blieben unübertragbar und nur im Original lesbar.

Etwas aus der Reihe fällt der Essay über Genossin Ana (Ana Pauker), jene glühende Kommunistin, die als Frau und Jüdin in einem Klima des Antisemitismus u.a. von 1947-52 Außenministerin von Rumänien war, unter Stalins „Mithilfe“ schließlich entmachtet wurde und trotzdem ihrem Land und bis zum Schluss ihrer politischen Weltanschauung treu blieb. War sie Täterin, Opfer? Für uns Lesende wird sie beides zugleich, wenn Manea Fakten und sein Wissen darlegt.

Als eine Art Kontrapunkt dazu verstehe ich den nachfolgenden letzten Text, in dem Manea sich mit Kafkas Leben und den Bedingungen des dichterischen Werks auseinandersetzt und noch einmal mit dem eigenen sprachlichen (Über)Leben im Exil.

Die Essays dieses Bandes sind zwischen 1989 und 2015 entstanden und zum Großteil schon anderwärtig publiziert worden. Manea bleibt hier nicht nur in der Historie haften, sondern bindet die heutige Weltsituation ein durch Überlegungen zum Freiheitsbegriff in einer Wettbewerbs- und Kommerzgesellschaft, zu religiösem Fanatismus und Terrorismus sowie globalen Fluchtbewegungen, die Maneas Betrachtungen zum Exil bemerkenswerte Aktualität verleihen.

Zuletzt möchte ich das Übersetzerquintett symbolisch vor den Vorhang bitten: Georg Aescht, Roland Erb, Paul Schuster, Eva Ruth Wemme und Ernest Wichner, fünf bestimmt verschiedene Temperamente, die Manea (wie) mit einer, seiner Stimme sprechen lassen. Chapeau!

 

 

Norman Manea
Wir sind alle im Exil
Übersetzt aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme, Georg Aescht, Paul Schuster, Roland Erb, Ernest Wichner,
Hanser
2015 · 224 Seiten · 19,90 Euro
ISBN:
978-3-446-24953-0

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