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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
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Der Geruch der Filme, Peter Handke und das Kino, mirabilis 2017
Kritik

Das Ende der Anthologie (zumindest für dieses Jahr)

Mit dem Erscheinen von Ansichten der leuchtenden Wurzeln von unten schafft sich die Anthologie als Form selbst ab
Hamburg

Es scheint etwas zu geben, dass die Rezipient*innen von Lyrikanthologien zu faszinieren scheint. Wie lassen sich die immer kürzeren Intervalle, in denen dieselben erscheinen, sonst erklären. Allein in diesen Tagen erschienen zwei Anthologien, die in ihren Ansätzen kaum unterschiedlicher sein könnten. Die eine, auf das Lob der mechanischen Ente ausgerichtete und ihrem Thema nach sicherlich einzigartige Sammlung, deren selbstauferlegte Einschränkung Vorteil und Nachteil zugleich sein kann. Irgendwann mal erschöpft sich alles, und wenn sich alles erschöpft, grüßt die Redundanz wie ein ungebetener Gast.

Nicht anders verhält es sich mit der gerade erst erschienenen Anthologie Ansicht der leuchtenden Wurzeln von unten, welche Lyriker*innen aus allen vier deutschsprachigen Instituten versammelt. Dass die Herausgeber*innen dieser Anthologie sich in ihrer editorischen Notiz vieles zu einfach machen, indem sie etwa schreiben, diese Anthologie habe „keinen dokumentarischen Anspruch, etwa im Sinne, dass sie einen Überblick über aktuelle „Institutslyrik“ gibt“, ist auch der geradezu frappanten Unverhältnismäßigkeit geschuldet, die in diesem Band vorherrscht. Zwar liefert Michael Braun in seinem Nachwort den wichtigen Hinweis, dem nach die „Autoren vom DLL am stärksten vertreten sind“, jedoch nützt es den hier versammelten Gedichten wenig, zumal eine Anthologie (in meiner Vorstellung zumindest) von ihrer Ausgewogenheit und Gewichtung lebt. So verkommt der Hinweis „wir [haben] aus den Instituten eine unterschiedliche Anzahl an Einsendungen erhalten“ zu einer überflüssigen Rechtfertigung. Die oben erwähnte Unverhältnismäßigkeit braucht nicht behauptet werden. Sie lässt sich an ein paar einfachen Zahlen festmachen:

Vom DLL sind genau 17 Autor*innen mit insgesamt 54 Seiten vertreten (Dabei muss man berücksichtigen, dass einige auch in Hildesheim und Wien studiert haben. Ich bezog mich auf die Bios der einzelnen Leute!). Gleich darauf wird ein harter Bruch vollzogen. Dem Wiener Institut für Sprachkunst mit seinen 7 Autor*innen werden insgesamt 19 Seiten eingeräumt. Hildesheim kommt auf gerade mal 5 Autor*innen und 12 Seiten. Die 4 Autor*innen aus Biel mit insgesamt 5 Seiten dienen – liest man sich den ganzen Band von vorne bis hinten durch – lediglich als Platzhalter*innen. Einzig bei den Geschlechtern herrscht Ausgewogenheit. Beim Rest drängt sich einem doch die Frage auf:  Wenn diese Anthologie keinen Dokumentarischen Anspruch im Sinne eines Überblicks hat, was will sie dann? Die Antwort kann daher nur im Inhalt dieses Buches liegen.

Aber auch hier macht sich schnell Ärger breit. Handwerklich mag vieles hier stimmig sein, aber über den Tellerrand der aktuell abzugrasenden Themenlandschaft hinaus mag niemand der hier Versammelten wirklich blicken. Vielmehr wird auf Altbewährtes gesetzt, wie man es beispielsweise schon von Anthologien wie Lyrik von Jetzt 3 her kennt. Hervorzuheben sind dabei vor allem die Gedichte von Lara Rüter, Sandra Burkhardt und Frank Ruf, die souverän und eindringlich mit tagespolitischen Themen, aber auch Traditionen und Topoi wie beispielsweise der Liebe umzugehen wissen. Wiederum drängen sich Fragen bezüglich der Unausgewogenheit auf: Braucht der Band tatsächlich drei auf insgesamt sechs Seiten abgedruckte Gedichte Maja-Maria Beckers? Und wieso wird Sandra Hubinger, deren Texte eine enorme Sensibilität an den Tag legen, nur eine Seite zugesprochen?

Auch dass die Herausgeber*innen ihre eigenen Texte in diesem Band haben abdrucken lassen, rettet ihn vor der Versenkung in die Bedeutungslosigkeit. Man kann sich jedoch nicht des Eindrucks erwehren, diese Entscheidung aus offensichtlicheren Gründen getroffen zu haben als denen, die sie in ihrer editorischen Notiz abliefern (Stichworte: Fairness, Sichtbarkeit, ästhetisches Auswahlverfahren). Nichtsdestotrotz ist es ein Genuss, die Gedichte Breygers, Dündars oder Vricic-Hausmanns zu lesen. Sie legen ein Handwerk an den Tag, das ihren Bildern eine Größe verleiht, vor der getrost man den Hut ziehen kann. Doch damit hat es sich auch!

Der Hinweis der Herausgeber*innen im Klappentext, „dass die Literaturinstitute […] Orte der Radikalität sind“ wird hier als Witz gewertet. Denn die Radikalität der Form kann hier unmöglich gemeint sein, dafür sind die  meisten (nicht alle!) hier versammelten Gedichte zu sehr von ihrer konventionellen Verarbeitung abhängig. Schert mal eines aus, verendet es fast tragisch an sich selbst. Meinen also die Herausgeber*innen die Radikalität der Inhalte? Wenn ja, dann muss ich mich hier offiziell entschuldigen, etwas überlesen zu haben. Trotzdem: Politisches lässt sich nur hier und da erschließen. Ansonsten ist die Natur eine der wenigen Hauptakteurinnen in dieser großen Ansammlung der Ich-Tümmler*innen. Fast ist man gewillt, den Leuten med ana schwoazzn dintn reihum in die Hände zu drücken und zu rufen: weiterstudieren!

 

 

 

Özlem Özgül Dündar (Hg.) · Alexander Kappe (Hg.) · Ronya Othmann (Hg.) · Saskia Warzecha (Hg.) · Yevgeniy Breyger (Hg.) · Sibylla Vričić Hausmann (Hg.)
Ansicht der leuchtenden Wurzeln von unten
Lyrik aus den deutschsprachigen Literaturinstitute
Nachwort: Michael Braun
poetenladen
2017 · 128 Seiten · 17,80 Euro
ISBN:
978-3-940691-79-8

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