Fixpoetry

Wir reden über Literatur
Kritik

Die Sprache des Nichtverstehens

Oğuz Atays „Die Haltlosen“: Der türkische Ulysses
Hamburg

Als 1970 Oğuz Atays Debütroman „Die Haltlosen“ erschien, ahnte noch niemand, dass es ein Kultbuch werden würde – eines, an dem sich Generationen von Literaturwissenschaftlern abarbeiten würden. Und dass gerade ein Autor das Parkett betreten hatte, der zur gewichtigsten Stimme der türkischen Literatur des 20. Jahrhunderts avancieren sollte, obwohl er nur eine Handvoll Werke verfasste in den verbleibenden sieben Jahren bis zu seinem frühen Tod.

In den letzten Jahren sind bereits zwei Bücher von Atay auf Deutsch erschienen – der Roman „Der Mathematiker“ (Unionsverlag, Zürich 2009) sowie die Erzählungen „Warten auf die Angst“ (Binooki, Berlin 2012). „Die Haltlosen“ galt als unübersetzbar. Aber wie das so ist: Während die einen sagen, dass etwas nicht möglich ist, machen andere sich daran, es umzusetzen, in diesem Fall Johannes Neuner, dem es gelungen ist, das Buch in all seiner Komplexität und Schönheit ins Deutsche zu übertragen, ohne, dass es etwas von seiner gewaltigen Kraft und seinem sprachlichen Sog verliert. Und das, obwohl er zweifellos zahllose Kompromisse eingehen musste, nicht zuletzt in an Joyce erinnernden Passagen eines Stream of Conciousness ohne Interpunktion oder in einem langen Dialog, den die Protagonisten in Reimen sprechen.

Es ist ein verzweifelter, tieftrauriger, dabei aber höchst humorvoller Roman über das Menschsein, über das Leben. Oder: Über die Unmöglichkeit des Lebens.

Erwachsen werden nur die, die im Leben Halt gefunden haben

erkennt Turgut Özben, als er gerade dabei ist, jeglichen Halt zu verlieren. Sein bester Freund Selim Isik hat sich im Alter von 28 Jahren das Leben genommen. Daran zerbricht Turgut. Er spürt dem Freund nach, entwickelt eine Obsession für ihn und für die Gründe seines frühen Todes. Er will alles erfahren, wühlt sich durch Selims Aufzeichnungen, trifft Weggefährten und Arbeitskollegen, zieht wie Selim durch die Bordelle und Nachtclubs. Durch die Ämter und Bibliotheken. Durch die Straßen, die Büros, die Betten. Er verliert erst den emotionalen Kontakt zu seiner Frau und dann zu sich selbst. Er versucht, die Welt mit Selims Augen zu sehen – Selim, der immer so nervös und unsicher war, mit sich selbst haderte und bei sich selbst die Schuld suchte für die Unfähigkeit, mit dem Leben etwas anzufangen, ihm etwas abgewinnen zu können. Selim – und mit ihm Turgut – beobachtet die Menschen, ihre Leben, ihre Eitelkeiten und Untiefen, ihre alltägliche Interaktion, die ihm verschlossen bleibt, die ihn anstrengt und ermüdet, ihn auslaugt. Für ihn ist das alles ein unverständlicher Irrsinn, der ihn ratlos zurücklässt. Und haltlos.

Ein Langgedicht hat Selim zurückgelassen und gleich darauf noch eine literaturwissenschaftliche Abhandlung von über hundert Seiten dazu selbst verfasst, die Verfasserschaft allerdings einem Freund angedichtet – ein böser Seitenhieb auf die Literaturwissenschaft, der von der Realität eingeholt werden sollte. Auch dies eine von vielen Reminiszenzen an James Joyce' „Ulysses“, als dessen türkisches Pendant „Die Haltlosen“ gilt. Überhaupt betreibt Atay ein wildes Spiel mit Sprache und literarischer Form – von Erzählprosa über Lyrik, Sachtext, Essay, Brief, szenischen Text bis hin zu experimentellen Passagen spiegelt der Roman formal die Haltlosigkeit und Zerrissenheit des Protagonisten und löst Seite für Seite alle Annahmen über Erzählstrukturen auf in gedankliches Chaos. Wer als Leser Halt sucht, wird ihn hier nicht finden. Eher riskiert man, sich selbst in Selims Welt zu verlieren und in allem nur noch den unter jeder Fassade lauernden Wahnsinn zu erblicken.

Das ist nur eine der unzähligen Stärken diese überbordenden, faszinierenden Romans. Selbst wenn man Superlative nicht mag, hier kommt man nicht um sie herum: „Die Haltlosen“ ist ein Meisterwerk, ein Meilenstein der Weltliteratur des 20. Jahrhunderts, der Vergleich zu Joyce keineswegs zu hoch gegriffen. Es ist eines jener wenigen Bücher, die man gelesen haben muss, no matter what. Dass es jetzt, 46 Jahre nach der Erstveröffentlichung, auf Deutsch vorliegt, dafür darf, dafür kann und muss man dankbar sein.

Oğuz Atay
Die Haltlosen
Übersetzung:
Johannes Neuner
Binooki
2016 · 786 Seiten · 29,80 Euro
ISBN:
978-3-943562-55-2

Fixpoetry 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung von Fixpoetry.com und der Urheber
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen den Artikel jedoch gerne verlinken. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

Letzte Feuilleton-Beiträge