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Kritik

Kaleidoskopisches Weltbild

Hamburg

Es ist schwierig, über ein Buch zu schreiben, das derart gefangen nimmt wie dieses. Sollte mein Text dazu allzu hymnisch ausfallen, mag es der Leser mir nicht übel nehmen. Wirkt aber meine Begeisterung für Jurjews Roman ansteckend, hat diese Besprechung ihr Ziel erreicht. Ich habe das Buch für meine Verhältnisse sehr langsam gelesen, lesen müssen, denn nichts sollte mir entgehen; ich würde aber meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass mir auch nichts entgangen ist. Jeder Leser hat seine eigene Brille, in der sich das Licht eines Textes auf spezifische Weise bricht. Zumindest bei Büchern wie diesem, dessen bezaubernde Komplexität des Textes einem entgegenkommt.

Wir befinden uns während der Lektüre auf einer Halbinsel an der Ostsee nördlich von Leningrad. Der Name der Stadt verrät, dass wir uns in einer vergangenen Zeit befinden, einer Zeit allerdings, der ich selbst noch entstamme, die im Grunde also frisch vergangen und eine ist, auf der die Gegenwart unmittelbar gründet, die sich in die Geschichte St. Petersburgs eingegraben hat, wie in kaum einer anderen Stadt.

Diese Stadt, der auch der Autor Oleg Jurjew entstammt, trug in jeder Epoche einen anderen Namen. St. Petersburg, Petrograd, Leningrad, und zuletzt wieder St. Petersburg. Aber nicht um Geschichtsschreibung soll es hier gehen, sondern um Schichtung geht es. Geschichte wird wie der Mythos, das Märchen auf Grund von Erzählung vermittelt, zumindest wo sie sich dem akademischen Zugriff entzieht. Je nach  Position des Erzählers ändern sich ihr Gehalt und ihre Gestalt. Geschichte ist wandelbar und unstet wie die Gegenwart auch. Im Grunde funktioniert das Ganze wie ein Kaleidoskop. Die Anordnung der sich spiegelnden Scherben und Farben verändern das Bild der Welt, das wir nur für einen Augenblick haben. Zeit und Ort bestimmen die Perspektive. Verändern sie sich, ihre Anordnung und Lage, so wandelt sich auch unser Bild von der Welt. Dem Leser geht es also nicht anders, als Jurjews Helden. Orientierung in seinem Buch bieten allerdings Geräusche, besonders ein Lied der russischen Schlagersängerin Alla Pugatschowa, das durch die Seiten hindurch immer wieder erklingt und zum Leitmotiv wird. Zumindest mir erklingt dieses Lied, weil ich es kenne. Meine Eltern hatten russische Freunde, die uns in den Achtzigerjahren oft besuchten und in unserer Wohnung Gelage abhielten (es waren Offiziere der Roten Armee, die in Karl-Marx-Stadt stationiert waren) und  deren Lieblingslied damals dieses war.  Irgendwo in Chemnitz bei meiner Mutter liegt bestimmt noch die Platte der sowjetischen Firma Melodia, die sie uns damals schenkten. Das begründet mein ganz persönliches kosmisches Hintergrundrauschen bei der Lektüre, bei anderen Lesern werden sich andere Geräusche einstellen. Vielleicht ist das der Link auch zu anderen Texten des vergangenen Jahrhunderts, das seine Subepochen seit der Erfindung des Radios mit spezifischer Musik unterlegte, natürlich nach Regionen und politischen Verfasstheiten unterschieden. Von Melodia stammten auch meine ersten Beatles und Stones-Platten, die in der Sowjetunion unter Lizenz erschienen. Musik, die Systemgrenzen überwindend einen einheitlichen Soundtrack ergab.

Allerdings bewegten diese Songs sich auf einer Einbahnstraße von West nach Ost, so dass mancher die Chance hat, sein kaleidoskopisches Weltbild noch einmal ordentlich durcheinander zu bringen. Und dass vielleicht ist die vornehmste Aufgabe der Literatur und Kunst überhaupt, gewissermaßen zu erschüttern, die Dinge in eine andere Ordnung zu bringen.

Zwei Jungen also liegen in Jurjews Handlung Wand an Wand in einer alten, zum Wohnhaus ausgebauten Zollstation. Irgendwo an der Ostsee, der Winter liegt in den letzten Zügen, das Eis schmilzt, der Schnee verharscht und vor einiger Zeit ist der Nachfolger Breschnjews Tschernjenko gestorben. Noch geht die Sowjetunion nicht unter, aber sie ist wie das Eis am Aufbrechen. Einer der Jungen ist aus Leningrad und eine Krankheit verhindert die Rückreise aus den Ferien; der andere ist ein jüdischer Junge nach der Beschneidung, der mit seiner Familie auf der Halbinsel lebt. Sein Judentum schwankt zwischen Verborgenheit und Bekenntnis und ordnet sich ein in andere Pubertätsprobleme. Wohin zum Beispiel mit sich ankündigender Sexualität? Die Jungen sind dreizehn, in der Hochpubertät also, der Zeit des körperlichen Erwachens. Und sie fiebern.

Sie hören vor allem die Welt und sie versuchen, aus dem Gehörten die Welt um sich zu ordnen. Dabei wird sie zu einem Teppich aus Erinnerung und Geräusch. Ein Flickenteppich, dessen Leerstellen mit Erzählungen gefüllt werden. Die Erzählungen legen sich übereinander, verdecken und verändern sich gegenseitig, und das, was wir vielleicht Realität nennen würden.

Wie die Welt dieser Jungen erzählt wird und wie sie sie wahrnehmen, spiegelt sich auch in den verschiedensten Soziolekten und Dialekten, die in diesem Roman aufklingen.

Die Station an der finnisch-russischen Grenze, der Ort der Handlung ist auch ein Stützpunkt der Baltischen Flotte. Die  Namen der Minensucher, U-Boote und Kreuzer, die zum Beispiel nach Parteitagen der KPdSU und Werken des sozialistischen Realismus (Der wahre Mensch) benannt sind, vermitteln die eine Eigenart dieser Welt, die auf dem kommunistischen Mythos gründet. Es versammeln sich dadurch auch Angehörige verschiedenster Völker am Ort. Ihre Geschichten treffen auf die, welche sich in den Volkserzählungen und Volksvorurteilen niedergeschlagen haben. Und hier zeigt sich das einzigartige Vermögen der Übersetzerin Elke Erb, die für die verschiedenen Slangs kongenial deutsche Entsprechungen fand. Überhaupt ist ihre Übersetzer Leistung nicht zu unterschätzen. Die Souveränität und Beweglichkeit im Umgang mit der Sprache ist einzigartig. Man merkt ihr die Lyrikerin an. Die Präzision und der Einfallsreichtum, mit der Erb sich hiesiger Sprechweisen bedient, ermöglichen ihr, dieses  Sprachwerk ins Deutsche zu bringen, gewissermaßen eine Adaption. Für mich steht es an der Seite von Texten von Faulkner und Joyce.

Ich bestellte das Buch, weil ich Jurjew als Lyriker kannte und hoffte durch diesen Roman dem Geheimnis seiner Dichtung weiter auf den Grund zu kommen. Aber die Stränge von Jurjews Arbeit verhalten sich wie Parallelen, treffen also erst in einer Unendlichkeit aufeinander. Jeder hat sein eigenes Geheimnis. Halbinsel Judatin war schon einmal im inzwischen verschwundenen Verlag Volk und Welt erschienen und wird hier von Jung und Jung in stark veränderter Form neu aufgelegt. Bleibt zu hoffen, dass dem Text dieses Mal die Aufmerksamkeit zukommt, die er verdient.

Oleg Jurjew
Halbinsel Judatin
Übersetzung:
Elke Erb
Aus dem Russischen von Elke Erb unter Mitwirkung von Sergej Gladkich. Eine vom Autor neu geordnete und durchgesehene Fassung
Jung und Jung
2014 · 304 Seiten · 22,90 Euro
ISBN:
978-3-99027-053-0

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